"Weichen stellen für die Zukunft der Kirche?"
Kommentar zur außerordentlichen Kardinalsversammlung in Rom
Da waren wir wohl etwas zu euphorisch. Im März stand mit Blick auf die in der vergangenen Woche stattgefundenen außerordentlichen Vollversammlung der Kardinäle über dem Kommentar im Sonntagsblatt die Überschrift "Weichen stellen für die Zukunft der Kirche". Dies ist - so sieht es bisher aus - beim Konsistorium wenig geschehen. Eher ging es um einen unverbindlichen Gedankenaustausch zu vielen verschiedenen Themen, der sich zum Teil recht unübersichtlich gestaltete. Kein Wunder, haben doch rund 80 Kardinäle jeweils knapp 10 Minuten zu zahlreichen Themen Stellung genommen. Weitere 40 verzichteten auf die Wortmeldung und reichten ihre Gedanken schriftlich ein.
Angesichts drängender inhaltlicher und struktureller Probleme ist ein Gedankenaustausch für ein mehrtägiges Treffen von 155 mächtigen Kirchenmännern zu wenig. Themen gab es durchaus. Da forderte etwa der französische Kurienkardinal Roger Etchegaray in einem Eingangstatement eine "ganz und gar arme Kirche", denn nur diese könne missionarisch und überzeugend sein. Eine Forderung, die bei der großen Menge weiterer angesprochenen Themen - vom Erstellen eines neuen Lexikons zum Thema Familie bis zur Chance der katholischen Ostkirchen als Mittler zur Orthodoxie - eine von vielen blieb. Ähnlich ging es Kardinal Friedrich Wetter mit dem Vorschlag, der Vatikan solle den Ortskirchen bei der Ernennung von Diözesanbischöfen endlich mehr Gewicht geben. Fraglich war auch die Informationspolitik. Die Beratungen fanden hinter verschlossenen Türen statt. Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls informierte aus eigenen handschriftlichen Notizen über das, was er persönlich für wichtig hielt. Die Kardinäle selbst reagierten auf ihre Weise. Manche gaben eifrig Zeitungs-Interviews, andere stellten ihre Redebeiträge ins Internet. So ergab sich eine verwirrende Information der Öffentlichkeit.
Der Canon 353 des Kirchenrechts zeigt, wie wichtig die außerordentliche Kardinalsversammlung ist: Sie findet statt, "wenn besondere Erfordernisse der Kirche oder die Behandlung schwer wiegender Angelegenheiten dies ratsam erscheinen lassen". Die vier Tage haben gezeigt: Die Gestaltung solcher Treffen muss sich weiterentwickeln, um diesem Anspruch gerecht zu werden.
30.05.2001
Martin Schwab
nach: Kath. Kriche im Internet