Der große Prophet der Kirche der Armen - Zum 80. Geburtstag von Kardinal Paulo Evaristo Arns
"Kardinal des Volkes" wurde er genannt, der mutige Kämpfer für die Menschenrechte, der große Prophet der Kirche der Armen, Kardinal Paulo Evaristo Arns, der ehemalige Erzbischof von Sâo Paulo. Mit 13 Millionen Einwohnern war seine Diözese sogar einmal die größte und volkreichste der Welt. 1989 wurde sie geteilt. Durch diesen schmerzlichen Vorgang verlor das arme Volk in den großen Vorstädten der Metropole seinen wichtigsten und einflussreichsten Fürsprecher und Freund. Am 14. September dieses Jahres wird Kardinal Arns 80 Jahre alt.
1921 in Forquilhinha, Santa Catarina, als Sohn deutscher Einwanderer von der Mosel geboren trat er als 18-Jähriger 1939 in den Franziskanerorden ein. 1945 wurde er zum Priester geweiht, studierte dann an der Sorbonne in Paris, wurde Professor für Patristik an der theologischen Hochschule der Franziskaner in Petropolis und verantwortlich für die spirituelle Ausbildung der Franziskanerstudenten. Schon in dieser Zeit galt seine große Liebe den Armen, darin Leben und Lehre in Einklang bringend, denn in der Nachfolge des hl. Franz von Assisi kann man Theologie nicht glaubwürdig vertreten, ohne den "bevorzugten Kindern Gottes", den Armen und Kleinen, von Herzen zugetan zu sein. 1966 wurde er zum Weihbischof in Sâo Paulo und 1970 zum Erzbischof ernannt. 1973 wurde er von Papst Paul VI. ins Kardinalskollegium berufen. Seine Amtszeit begann er mit einem Paukenschlag. Er verkaufte das Bischofspalais für sechs Millionen Mark und baute mit dem Erlös Sozialstationen im Elendsgürtel der Stadt.
Das war ein unübersehbares Zeichen, dass es Kardinal Arns ernst war mit dem Standortwechsel der Kirche, zu der sich die lateinamerikanischen Bischöfe in der großen Bischofsversammlung von Medellin 1968 bekannt hatten. Es war der vollzogene Bruch mit der historischen Allianz von Kirche und Staat im Missionsprojekt der Konquista. Was Missionare und Propheten des 16. Jahrhunderts noch vergeblich gefordert hatten, wurde jetzt Wirklichkeit: die Kirche auf der Seite der Armen, als Anwalt derer, die keine Stimme haben; Kirche als unbestechlicher Prophet, die Unrecht beim Namen nennt und ansagt, wie das Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe zustande kommt. Kardinal Arns verkörpert diese "neue Art von Kirchesein" im besten Sinne des Wortes. Er gehört zu den prägenden Gestalten dieser Neuorientierung der Kirche. Und er setzte sie um in seiner Diözese in einer wahrhaft befreienden Pastoral. Die Armen konnten spüren, dass er auf ihrer Seite stand. Sie hatten wieder Heimatrecht in der Kirche als die Auserwählten Gottes, denen die befreiende Botschaft des Evangeliums in vorrangiger Weise gilt.
In diesem Kontext ist dann auch eine Aussage zu verstehen, die er einmal in einem Beitrag für die Missionszentrale der Franziskaner machte. In Medellin und Puebla, so sagt er, "hat die Kirche Lateinamerikas ihre franziskanische Seele entdeckt". Er meint das nicht besitzergreifend und vereinnahmend, so als ob den Franziskanern nun eine wegweisende Rolle zuwachsen würde. Vielmehr will er damit sagen, dass man den Armen die befreiende Botschaft des Evangeliums nur dann überzeugend vermitteln kann, wenn man selbst ein Freund der Armen ist, die die große Mehrheit der lateinamerikanischen Menschen ausmachen. Franziskus bleibt dafür das immer gültige Beispiel. Er hat seine Berufung in der Kirche erst entdeckt, als er einen radikalen Schnitt machte, weg aus dem Zentrum der Stadt inmitten der Reichen hin an den Rand, wo die Armen und Aussätzigen hausten. Einen solchen Glauben, sagt Arns, kann man nur leben, wenn man darüber nachdenkt aus der konkreten Erfahrung der Armen. Daraus stammt auch seine vorbehaltlose Unterstützung einer befreienden Theologie, die er nicht so sehr als theoretische Lehre, sondern als persönlich verpflichtende Haltung versteht. Befreiend zu sein und zu handeln, ist unverzichtbar für einen wahren Christen.
Das ist die Grundüberzeugung, die sein Wirken als Bischof bestimmte. So wurde er zum großen Verteidiger der Menschenrechte, der von den Mächtigen gefürchtet, von der stimmlosen und unterdrückten Masse des Volkes aber geliebt und verehrt wurde. Die Volksbewegungen, die ihre Rechte selbst in die Hand nahmen und durchsetzten, hatten in ihm ihren besten Freund und Förderer. Gleiches gilt übrigens für die Intellektuellen. Ihnen war er zeitlebens verbunden. Er pflegte den Dialog mit ihnen, animierte sie, ihre Talente für die Humanisierung der Welt einzusetzen. Selbst ein Schriftsteller von hohen Graden gab er ihnen stets das Gefühl, einer der ihren zu sein.
Die Konsequenzen dieses unangepassten Amtsverständnisses waren fast zwangsläufig. Kritik, Häme und Drohungen von Seiten der Reichen und Mächtigen; Intrigen und Verleumdungen aber auch innerhalb der Kirche. Vor allem seine unbeirrbare Unterstützung der Befreiungstheologen, seine Überzeugung, dass es angesichts des Massenelends der lateinamerikanischen Völker zur befreienden Evangelisierung keine brauchbare und überzeugende Alternative gibt, wurden ihm übel genommen. Das Misstrauen in der römischen Kurie hat ihn geschmerzt. Tief getroffen jedoch war er, als 1989 seine Erzdiözese ohne vorherige Konsultation in fünf Diözesen aufgeteilt wurde. Ein erfolgreiches und einzigartiges Pastoralmodell für eine Megametropole wurde zerschlagen. Aus seiner Enttäuschung hat er nie einen Hehl gemacht und die Entscheidung Roms als großen Fehler kritisiert.
Doch seinen tiefen Glauben konnte das nicht erschüttern. "Von Hoffnung zu Hoffnung" war sein Motto. Die Armen gaben ihm die Gewissheit, auf der rechten Seite zu stehen. Darin ganz der treue Nachfolger seines großen Vorbildes, Franz von Assisi. Wie er wollte er das Evangelium mehr durch sein Leben als durch Worte verkünden. Das machte ihn zur Hoffnungsgestalt für so viele. In der ganzen Welt wurde er dafür bewundert und verehrt. Und das nicht nur von Christen, sondern auch von Anhängern anderer Religionen, nicht nur von humanitären Organisationen, sondern auch von Einrichtungen der Wissenschaft und der Politik. Insgesamt hat Kardinal Arns ca. 50 Ehrungen und Auszeichnungen erhalten, in aller Welt, darunter von der UNO, vom französischen Staat, von Menschenrechtsorganisationen, von hochangesehenen Universitäten, die alle seinen Kampf für die Rechte der Menschen und für das Überleben der Armen anerkennen wollten. Das mag ihn über so manche Demütigung hinweggetröstet und zuweilen auch vorschnelle Kritiker beschämt haben.
Vor fünf Jahren reichte Kardinal Arns pflichtgemäß seinen Rücktritt ein. Während sein gleichaltriger Kollege, der in Rom hochgeschätzte Erzbischof von Rio, Kardinal Eugenio Araujo Sales, bis vor wenigen Wochen noch im Amt war, wurde sein Rücktritt sofort angenommen. Doch ein beschaulicher Ruhestand ist wohl nicht seine Sache. Nach wie vor ist er ein gefragter Mann. Er erhält Einladungen zu Vorträgen, mischt sich in die gesellschaftliche Debatte ein und ist auch täglich in einer eigenen Radiosendung zu hören. Das hoffentlich noch lange. Wir Franziskaner und insbesondere wir in der Missionszentrale der Franziskaner, die wir seine Liebe und Loyalität zur Kirche und zum armen Volk kennen und bewundern, wir sind erfreut und stolz, in ihm einen Bruder zu haben, der dem ganzen Orden zur Ehre gereicht. Wir hoffen, dass wir ihn noch lange unter uns haben.
9.9.01
P. Andreas Müller OFM
Surftipp: Missionszentrale der Franziskaner (http://www.mzf.org)