Evangelischer Kirchentag
Abendmahl mit - Sättigungsbeilage?
Hört am Tisch des Herrn der Spaß auf? Warum man auch mal über einen symbolischen Ritus schmunzeln kann
VON JOHANNES WEIß
Beim Abendmahl hört der Spaß auf. Gemessenen Schrittes geht der Christ zum Altar, mit ernstem Gesicht. Der Protestant nimmt teil an der Bildung eines Halbkreises. Wenn er Glück hat, gibt es einen trockenen Trollinger oder Schwarzriesling, dazu ein richtiges Stück Brot. Wenn er Pech hat, ist er Alkoholiker im Entzug. Dann wird ihn der kleinste Schluck Trollinger zum Rückfall bewegen. Aber auch wer kein Alkoholiker ist, kann beim Abendmahl Pech haben - nämlich dann, wenn Traubensaft und Oblaten gereicht werden. Da kann es dann schon mal sein, dass ein Halbwüchsiger Probleme damit hat, dass ihm der Leib Christi am Gaumen fest klebt und er, den Mund etwas blöde und schief geöffnet, vor versammelter Gemeinde versucht, mit dem Zeigefinger den klebrigen Teig vom Gaumen zu lösen.
Bei den Katholiken geht´s im Gänsemarsch zum Altar, das erinnert Außenstehende immer ein wenig an eine Polonaise. Da trinkt der Priester den Wein allein, für´s Volk gibt's nur Oblaten. Bei den Katholiken sieht man gleich, wer entweder besonders konservativ ist - oder seit langem nicht mehr in der Kirche war. Man erkennt ihn daran, dass er sich besonders fromm gibt und den Karpfen macht: Er streckt dem Priester den geöffneten Mund entgegen. Weil er denkt, auch heute noch sei die Mundkommunion gang und gäbe. Anschließend begibt man sich - wiederum mit ernstem Gesicht und gemessenen Schrittes - zurück auf seinen Platz. Satt geworden ist bei solchen Abendmahlsfeiern noch keiner. Und die Worte »Nimm hin und iss, das ist mein Leib ... nimm hin und trink, das ist mein Blut« - wundert es, dass sich mancher vorkommt wie Hannibal der Kannibale?
Beim Feierabendmahl des Kirchentages ist alles besser. »Wir lassen die Vorstellung, Fleisch zu essen und Blut zu trinken, endgültig hinter uns«, so steht es im Liturgievorschlag für das Feierabendmahl. Wer in den Raum, die Halle, wo auch immer das Essen stattfindet, kommt, dem steigt ein Duft in die Nase. Vanille zum Beispiel. Denn der Projektausschuss, der den Liturgievorschlag erarbeitet hat, empfiehlt: »Pflanzen, Duftlämpchen, Ventilatoren und/oder heiße Tücher zum Abwischen von Gesicht und Händen« konnten dem Abendmahlsgast das Gefühl geben, hier eine Oase gefunden zu haben.
Wenn man auf dem Frankfurter Kirchentag jemandem mit frischen Gesichtsverletzungen begegnet, dann weiß man gleich: Aha, der war beim Feierabendmahl. Hat versucht, sich das Gesicht mit dem Ventilator abzuwischen.
Trotz der Abschürfungen im Gesicht macht der Betreffende einen zufriedenen Eindruck, denn er ist pappsatt. Schließlich hat er an einem »Sättigungsmahl« teilgenommen, wie es offiziell heißt. Gereicht wurden Käse, Brot, Obst, Traubensaft und Wasser. Dass dabei vor allem die ostdeutschen Brüder und Schwestern an die berühmten Sättigungsbeilagen erinnert werden, die einst der Arbeiter- und Bauernstaat auf die Teller seiner Bürger häufelte, ist Absicht. Denn bei den Sättigungsbeilagen handelte es sich um geraspelte Möhren oder kleingeheckselte Kohlblätter, die niemals frisch waren, sondern eingemacht. Und beim Abendmahl - das zeigt nicht zuletzt der Streit um das Feierabendmahl - geht's ja schließlich auch ums Eingemachte.
Johannes Weiß leitet die Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft beim SWR. Er ist Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchentags
Publik Forum, Nr. 8, 27.4.01, S. 29
DER BISCHOF VON LIMBURG
65549 LIMBURG/LAHN
14. Mai 2001
An die
Priester und Diakone, die pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Frankfurt
An die
Pfarrgemeinderatsvorsitzenden und die Mitglieder des Stadtsynodalrates
Liebe Schwestern und Brüder im pastoralen Dienst,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den synodalen Gremien Frankfurts,
der 29. Deutsche Evangelische Kirchentag ist vom 13. - 17. Juni in Frankfurt zu Gast. Viele hoffen darauf, durch diese Tage im Glauben gestärkt und ermutigt zu werden zum Zeugnis in der Welt.
Ich freue mich besonders darüber, dass uns das Fronleichnamsfest zu einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Römerberg zusammenführen wird. Nach der Eucharistiefeier im Dom und in Liebfrauen und nach zeitgleichen Bibelarbeiten in der Katharinenkirche und in der Heilig-Geist-Kirche (Dominikanerkloster) werden wir in zwei ökumenischen Prozessionen zum Römerberg ziehen, um dort einen Segensgottesdienst und anschließend eine Agape zu halten. In einer Kommission mit Vertretern des Kirchentagspräsidiums und Kirchenpräsident Steinacker haben wir daran gearbeitet, mit sprechenden Symbolen einen gemeinsamen Ausdruck unseres Glaubens zu finden, zugleich aber auch auseinander zu halten, was wir um der eigenen Überzeugung und um des Gelingens der Ökumene willen nicht vermischen und verwischen dürfen.
Um so enttäuschter bin ich über die kürzlich vom Evangelischen Kirchentag herausgegebene Info 5 "Feierabendmahl", eine Arbeitshilfe für Gottesdienste, die am Freitagabend des Kirchentages dezentral an verschiedenen Stellen in der Stadt geplant sind. Es ist unverkennbar, dass diese Arbeitshilfe auf ein 'ökumenisches Abendmahl' hinausläuft. Katholische Gemeinden sollen es mittragen und mitverantworten. Die Bestürzung über das der Arbeitshilfe zugrunde liegende Abendmahls-, Kirchen- und Amtsverständnis liegt nicht nur auf katholischer Seite. Auch in evangelischen Gemeinden und Theologenkreisen ist eine offene Kontroverse über die theologische Tragfähigkeit dieses Dokuments entstanden.
Der Text ist gekennzeichnet durch eine unklare, zerfließende Begrifflichkeit. Die schillernden Übergänge zwischen Agape und Abendmahl stiften mehr Verwirrung als Versöhnung. Die Einsetzungsworte Jesu werden eigenwillig verändert. Muss ein Katholik einem Protestanten sagen, dass man so nicht mit Gottes Wort umgehen darf'.? Das steht ebenso wenig zu unserer Disposition wie der Stiftungswille der Eucharistie.
Ich habe die bekannten Sankt Georgener Professoren Löser und Kunz um ein Gut- achten zu der vorliegenden Arbeitshilfe "Feierabendmahl" gebeten. Das füge ich als Anlage diesem Schreiben bei. Es spricht für sich. Es wird auch die Grundlage eines Artikels im Mantelteil unserer Kirchenzeitung bilden.
Die Pastoralkammer des Bischöflichen Ordinariates und der Sachausschuss Ökumene des Diözesansynodalrates haben sich ausdrücklich von der Arbeitshilfe distanziert. Das Befremden über diesen Text ist in der Plenarkonferenz und im Priesterrat deutlich zur Sprache gekommen.
Ich bedauere sehr, dass die Einladung zu einem derartigen "Feierabendmahl" an uns ergangen ist. Wir müssen sie ausschlagen, weil sie dem katholischen Verständnis von Eucharistie widerspricht (ganz zu schweigen von den trivialisierenden und sehr verletzenden Äußerungen des Vorsitzenden des Publizistischen Ausschusses des Kirchentags in "Publik-Forum" Nr. 8/2001). Ich kann nicht zulassen, dass Sie und Ihre Gemeinden sich aufgrund der Einladung zu einem gut gemeinten, sachlich aber nicht verantwortbaren und ökumenisch absolut nicht hilfreichen Entgegenkommen veranlasst sehen. Ich bitte Sie sehr, mir ein disziplinäres Eingreifen zu ersparen. Man setzt kein Zeichen der Einheit, wenn man - was abzusehen ist - neue Spaltungen hervorruft.
Von einer katholischen Gemeinde in Frankfurt wurde mir berichtet, dass sie für den Freitagabend des Kirchentages einen ökumenischen Wort- und Gebetsgottesdienst und einen anschließenden Begegnungsabend mit ihrer evangelischen Partnergemeinde und Kirchentagsgästen geplant habe. Das ist eine gute Alternative im Sinne der Ökumene. Ich möchte ausdrücklich für sie werben.
Liebe Schwestern und Brüder,
meine Verantwortung als Diözesanbischof gebietet in einer so zentralen Frage wie der Eucharistie Klarheit im theologischen Denken und Eindeutigkeit im Leitungshandeln. Ich spreche gerade auch deswegen so deutlich, weil mir sehr am Fortgang der Ökumene liegt und weil ich nicht möchte, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag in Frankfurt zu einem Hindernis auf dem Weg zum ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin wird. Ich habe dem Präsidium des DEKT und Kirchenpräsident Steinacker gegenüber mein Befremden über die Vorlage zum "Feierabendmahl" zum Ausdruck gebracht. Unabhängig von diesem "Zwischenfall" freue ich mich auf den Kirchentag in Frankfurt und werde mich nach Kräften daran beteiligen.
Ich grüße Sie alle herzlich,
Ihr
+ Franz Kamphaus
Anlage:
Gutachten Löser/Kunz
24. April 2001
Sehr geehrter, lieber Herr Bischof Kamphaus,
Sie hatten P. Kunz und mich gebeten, Ihnen eine Einschätzung des im Rahmen des Evangelischen Kirchentages vorgesehenen "Feierabendmahls" zu kommen zu lassen. P. Kunz hat die inzwischen in gedruckter Form vorliegenden Texte besorgt. Wir haben sie - jeder für sich - sorgfältig gelesen und dann auch miteinander darüber gesprochen. Was ich nun zum Ausdruck zu bringen versuche, gibt im wesentlichen unsere gemeinsame Auffassung wieder.
Wie schon die begriffliche Kennzeichnung dessen, was geschehen soll, programmatisch etwas Fließendes und Schillerndes aufweist - "Feierabend - Abendmahl , etc." (Vgl. S. 7) -, so ist auch das Geschehen selbst durch dieses Fließen und Schillern bestimmt. Einerseits soll so etwas wie eine offene Agape gefeiert werden, andererseits wird der Anspruch erhoben, es handele sich uni das eucharistische Abendmahl, das an die in 1 Kor 11 und in den synoptischen Evangelien aufbewahrten Einsetzungsworte Jesu anknüpft. Nach unserer Auffassung stiftet die für das "Feierabendmahl" beabsichtigte Aufhebung der Grenzen zwischen Agape und Abendmahl mehr Verwirrung als Versöhnung. Wir meinen, Was für das eine gelten mag, gilt nicht in gleicher Weise auch für das andere. Zum Beispiel. Nachdrücklich werden "alle" zu dem "Feierabendmahl" eingeladen. Zu einer von einer Gemeinde veranstalteten Agapefeier können "alle" eingeladen werden. Zu einer Abendmahls- oder Eucharistiefeier kommen aber nur die einer Kirche aufgrund ihrer Taufe zugehörenden Christen zusammen. Das sollte unbedingt beachtet bleiben. Ein anderes Beispiel. zu einer Agape bringt man sinnvollerweise Körbe mit Brot, Käse, Obst und Saft mit und verteilt es an die Anwesenden. Bei der Abendmahls- oder Eucharistiefeier verwendet man Brot und Wein, über die zunächst im Epiklesegebet Gottes Geist herabgefleht werden, damit er sie zum Leib und Blut des Herrn wandelt. Und noch ein Beispiel- in einer Agapefeier tritt die amtliche Dimension der Gestalt der Gemeinde nicht unbedingt in Erscheinung. Da ist es sinnvoll, dass in gleicher Weise "eine/r" und "alle" dasselbe sprechen und tun (vgl. S. 18). Aber in einer Abendmahls- oder Eucharistiefeier gibt es den, der in der Repräsentation Christi und der Gemeinde handelt, zumal wenn die eucharistischen Einsetzungsworte gesprochen werden. Diese Differenz ist in der Vorlage zum "Feierabendmahl" bewusst aufgehoben. Weitere Beispiele könnten herangezogen werden. Sie würden die schon deutlich Gewordene Linie bestätigen.
Die Möglichkeit der geschilderten Verflüssigung der früher immer strikt beachteten Profile der Abendmahls- bzw. Eucharistiefeiern ist theologisch um einen hohen, zu hohen Preis erkauft- die Vernachlässigung des in der Kreuzeshingabe Jesu und in seiner Auferweckung durch den Vater begründeten Neuen des Neuen Bundes. Es ist wohl kein Zufall, dass kein neutestamentlicher Text verlesen wird, sondern nur ein alttestamentlicher Text. Es wird nur an den irdischen Jesus erinnert, nicht aber an den gekreuzigten und auferweckten Herrn. Der irdische Jesus tat, was ihm im Rahmen seiner jüdischen Herkunft zu Gebote stand. Im "Feierabendmahl" wird dieser Jesus nachgeahmt. Dass es im Abendmahl bzw. in der Eucharistie darum geht, dass sich uns der gekreuzigte und erhöhte Herr eucharistisch selbst überliefert - vgl. das Motiv der Realpräsenz des eucharistischen Herrn unter den Gestalten von Brot und Wein -, kommt hier nicht zum Ausdruck. Dies ist ausdrücklich so gemeint - vgl. S. 18. Jesus in der Tradition der jüdischen Mahlpraxis, Aufgabe des Opfergedankens, Aufgabe der Motive "Fleisch und Blut", etc. Sicherlich ist zu würdigen, dass in der Vorlage zum "Feierabendmahl" zum Zuge kommt, dass die Beziehungen zwischen Israel und der Kirche in ganz neuer, allen christlichen Antijudaismus hinter sich lassenden Weise verstanden und vollzogen werden müssen. Aber aus christlicher Sicht bleibt es unabdingbar, dass eine Transzendenz des Neuen über den Alten Bund erkennbar wird.
Wie die evangelischen Christen das Projekt des skizzierten "Feierabendmahls" vor ihrem eigenen Erbe verantworten -"sola fide", "solo Christo", "sola gratia", "solo verbo" -, werden sie unter sich zu besprechen haben. Offensichtlich hat die Diskussion darüber schon begonnen, und sie weist kontroverse Züge auf.
Katholischerseits sollten wir darauf bestehen, dass die Eucharistie in ihren Grundelementen nicht zu unserer Disposition steht. Wir haben auf die im Neuen Testament begründete "Stiftungsgemäßheit" der Eucharistie in Gehalt und Gestalt zu achten. Das bedeutet.- wir sollten die Auflösung des spezifischen- Profils der Eucharistie bzw. des Abendmahls im "Feierabendmall" nicht mittragen und dies in geeigneter Weise auch zum Ausdruck bringen - jedenfalls vor unseren katholischen Mitchristen, die ja mit der Einladung zu dem "Feierabendmahl" konfrontiert sein werden. Was in der Frage "Feierabendmahl" - ja oder nein? , zur Debatte steht, hat für unsere Kirche einen sehr hohen, grundlegende Glaubensfragen berührenden Rang. Hier ist darum auch in der genügenden Deutlichkeit zu sprechen. Wenn dies geschieht, so ist dies übrigens auch ein für viele evangelische Christen wichtiger Vorgang; denn auch für sie gilt ja nicht "anything goes", sondern auch sie haben ihre bekenntnisbestimmten Positionen zu beachten. Wenn dies nicht mehr der Fall wäre, würde auch alles ökumenische Ringen, das ja ohnehin schwierig genug ist, beliebig und dann auch unfruchtbar werden.
Mit herzlichen Grüßen
W. Löser
Bischof Kamphaus Stößt auf Protest
Evangelischer Kirchentag verwirft Kritik an Feierabendmahl
Von Martin Müller-Bialon
FRANKFURT A. M., 15. Mai. Mit Unverständnis haben Protestanten auf Kritik des katholischen Limburger Bischofs Franz Kamphaus an einem für den evangelischen Kirchentag in Frankfurt geplanten Feierabendmahl reagiert. Die als "Sättigungsmahl" bezeichnete Feier sei nicht als ökumenisches Abendmahl gedacht, hieß es dazu.
Kamphaus übt in einem am Dienstag veröffentlichten Brief an die Pfarrer, pastoralen Mitarbeiterinnen und Vorsitzenden der Pfarrgemeinderäte in Frankfurt am Main scharfe Kritik an der Form des Feierabendmahls. "Ich bedaure sehr, dass die Einladung zu einem derartigen Feierabendmahl an uns ergangen ist. Wir müssen sie ausschlagen, weil sie dem katholischen Verständnis von Eucharistie widerspricht", heißt es in dem Brief Insbesondere moniert Kamphaus Veränderungen bei den biblischen Einsetzungsworten.
Das Feierabendmahl soll während des Kirchentages (13. bis 17. Juni) parallel in 129 Gemeinden Frankfurts und der Region gefeiert werden. Ein ehrenamtlich besetzter Ausschuss hatte die Liturgie vorbereitet, wonach außer Brot und Wein auch Obst und, Säfte gereicht sowie die Einsetzungsworte von den Teilnehmern gemeinsam gesprochen werden. "Das Feierabendmahl ist als bewusst offene liturgische Form gedacht, nicht als ökumenisches Abendmahl", sagte die Ausschussvorsitzende Hanne Köhler der FR. Die Generalsekretärin des Kirchentages, Pfarrerin Gabriele Woldt, betonte, das Feierabendmahl werde seit 1979 bei Kirchentagen gefeiert. Im Hinblick auf den ökumenischen Kirchentag 2003 hätte man das Thema aber stärker in den Blick nehmen können.
Kamphaus wird während des Kirchentages an einem Fronleichnamsfest teilnehmen und dabei mit dem evangelischen Kirchenpräsidenten von Hessen-Nassau, Peter Steinacker, eine Segensfeier halten.
Frankfurter Rundschau 16.5.01
nach: Frankfurter Rundschau 26.5.01, S.25
Kirchentagsmacher lenken bei Liturgie-Streit ein
Zum"Feierabendmahl" werden die gewohnten Einsetzungsworte gesprochen
Von Martin Müller-Bialon und Regine Herrmann
Über den Evangelischen Kirchentag wird schon Wochen vor der Eröffnung kontrovers debattiert - in der Öffentlichkeit eben- so wie in unter Theologen. In der Diskussion um die umstrittene Liturgie des "Feierabendmahl" haben die Verantwortlichen jetzt die Notbremse gezogen. Die Einsetzungsworte bleiben wie bisher.
Nach teils heftiger Kritik auch aus den eigenen Reihen hat die Kirchentagsleitung mit dem Präsidenten Martin Dolde und Generalsekretärin Friederike Woldt die Liturgie für das "Feierabendmahl" geändert. Die von einer Projektgruppe formulierten Einsetzungsworte sollen nicht gesprochen werden. Das "Feierabendmahl" wird während des Kirchentages (13. bis 17. Juni) in 120 Gemeinden in Frankfurt und dem Umland gefeiert. Dazu sind auch Ungetaufte und Katholiken eingeladen. In einer Erkl\'e4rung der Kirchentagsleitung vom Mittwoch heißt es, man bedaure, "dass diese Formulierung Verletzungen hervorgerufen hat". Allerdings beharrt die Leitung auf einem Sättigungsmahl. Dabei sollen die Einsetzungsworte gesprochen werden: "Das ist mein Leib" und "dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute" . Die Projektgruppe hatte das durch die Sätze: "Mein Leben für euch" und "Schmeckt und seht, was stärkt und zum Leben befreit" ersetzen wollen. Für Aufregung hatte der Zusatz gesorgt: "Wir lassen die Vorstellung, Fleisch zu essen und Blut zu trinken, endgültig hinter uns." Im katholischen Limburger Bistum ist die Entscheidung des Kirchentages positiv aufgenommen worden. Der Beschluss bringe " an wesentlichen Punkten eine Klärung", sagte der Pressesprecher Michael Wittekind der FR. Bei dem "schwierigen theologischen Thema" bestehe allerdings weiterhin Gesprächsbedarf. Bischof Franz Kamphaus hatte Katholiken die Teilnahme an dem "Feierabendmahl" untersagt.
Die Pröpstin für die evangelische Kirche Rhein-Main, Helga Trösken, die den Liturgie-Entwurf mit ausgearbeitet hatte, sprach der FR gegenüber von einem Kompromiss, den sie mittrage. "Das ist kein Rückzug" So bleibe auch das zentrale Thema der Liturgie, der Tanz um das goldene Kalb, erhalten.