VON FRIEDHELM
HENGSBACH
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Das Volk habe eine
rätselhafte, gefährliche Wahlentscheidung getroffen und nicht begriffen, wie
dringlich weitere Reformen seien. Es sei in eine unverständliche
Blockadehaltung gegen unvermeidliche Zumutungen zurückgefallen. So klingt die
Grundstimmung unternehmerischer Führungskräfte, wirtschaftlicher Experten und
bürgerlicher Eliten nach der Bundestagswahl.
Ist eine Entscheidung von Wählerinnen und Wählern verwerflich, die den eigenen
Willen behauptet haben - gegen bürgerliche Kampagnen für eine neue soziale
Marktwirtschaft, gegen mediale Offensiven des politischen Wechsels oder gegen
mächtige Konzernchefs, die Betriebe und Belegschaften nötigen?
Den Willen des Wahlvolks zu entschlüsseln, ist nun Aufgabe der gewählten
Parteien. Dass sie dabei Interessen und Macht spielen lassen, ist nicht zu
beanstanden, solange sie behutsam vorgehen. Unbestritten ist wohl, was das
Wahlvolk abgewählt hat: eine Fortsetzung oder gar Zuspitzung des
marktradikalen, wirtschaftsliberalen Großexperiments auf den Arbeitsmärkten
sowie die weitere Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten in den Unternehmen.
Auch der Kanzler-Agenda ist die Zustimmung verweigert worden.
Wirtschaftswachstum dadurch herzustellen, dass man eine Abwärtsspirale
derjenigen in Kauf nimmt, die bereits in einer prekären Situation leben, wurde
als ungerecht empfunden. Erst recht eine systemsprengende Deformation der
Solidarität, indem gesellschaftliche Risiken, die nicht durch persönliches
Verhalten verursacht sind, individualisiert und der privaten Vorsorge auch dort
zugewiesen wurden, wo die Mittel dazu fehlen. Dass wirtschaftliches Denken unverzichtbar
und Bestandteil jeder menschlichen Entscheidung ist, und dass ohne höhere
wirtschaftliche Wertschöpfung kein Mehr an gemeinsamer Lebensqualität erreicht
wird, ist den Wählerinnen und Wählern wohl vertraut.
Das Defizit an sozialer Gerechtigkeit sowie die geringe Wirksamkeit von
Einschnitten am Arbeitsmarkt und in der Sozialpolitik waren der Anlass für
außerparlamentarische Proteste und das Auftreten der Linkspartei. Alle
Agenda-Parteien haben in ihren Wahlprogrammen darauf reagiert. Und es sieht so
aus, dass im neuen Parlament das Spektrum der Interessen der Bevölkerung besser
abgebildet ist, insbesondere derjenigen, die in Armut und prekärem Wohlstand
leben. Wie die Alt-Parteien jedoch in ihrer politischen Rhetorik die
Linkspartei ausgrenzen, wirkt aus der Sicht demokratischer Spielregeln etwas
stillos.
In den Koalitionsgesprächen sollte eine leistungsfähige, bewusst sozial und
ökologisch gestaltete Marktwirtschaft in den Blick geraten - und jeweils zwei
Seiten einer Münze: Neben den Arbeitsmärkten die Relevanz der Finanz- und
Gütermärkte für mehr Beschäftigung. Neben der global wettbewerbsfähigen
Exportindustrie die Belebung der Binnennachfrage, die Arbeit am Menschen in den
Sektoren Bildung, Gesundheit und Kultur sowie eine produktivitätsorientierte
Lohnpolitik. Falls mögliche Koalitionen an ausgerasteten oder bockigen
Matadoren des Wahlkampfs scheitern, sollten diese ausgewechselt werden.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 24.9.05, S. 11
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/wirtschaft_und_boerse/wirtschaft/?cnt=731175