Jesuit
Hengsbach: Hartz-Gesetze
und Agenda 2010 gescheitert
Arbeit und Brot
VON FRIEDHELM HENGSBACH
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Die Nerven des Vizekanzlers und Arbeitsministers liegen blank. Sonst
hätte Franz Müntefering in der SPD-Fraktionssitzung nicht zur Bibel gegriffen
und aus dem zweiten Thessalonicherbrief zitiert, "dass einer, der nicht
arbeiten will, auch nicht essen soll".
Die Hartz-Gesetze und die Agenda 2010 sind absehbar gescheitert. "Die
Wichtigste, fundamentalste und komplexeste Sozialreform in der Geschichte der
Bundesrepublik" (Schröder), eine "Zeitenwende auf dem
Arbeitsmarkt" (Clement) hat ihre Ziele verfehlt, an denen sie zu messen
ist: nämlich zusätzliche Wachstumsimpulse und mehr Beschäftigung zu erzeugen.
Politisches Versagen lässt sich durch Optimierung nicht übertünchen. Vielmehr
sollten die verantwortlichen Politiker, die inzwischen als Berater von
Energiekonzernen abgetaucht sind, öffentlich Rechenschaft ablegen.
Die große Koalition korrigiert die fehlerhaften Diagnosen und Therapien nicht:
Sie macht die Arbeitslosen für nicht vorhandene Arbeitsplätze verantwortlich.
Sie vernachlässigt öffentliche und private Investitionen, die nötig sind, um
die eingeschnürte Binnennachfrage zu beleben. Der Arbeitsminister bedient die
verbreiteten Klischees von "unwürdigen Armen", von
"Parasiten", die ein "Recht auf Faulheit" beanspruchen,
nicht wirklich bedürftig sind und den Sozialstaat ausbeuten.
Münteferings Rückzug auf die Bibel ist ungeeignet, der SPD-Fraktion und vor
allem der Bevölkerung eine zeitgemäße politische Orientierung zu bieten. Das
Zitat ist isoliert und missbräuchlich verwendet. Das Gebot, das dem Apostel
Paulus in den Mund gelegt wird, wirft selbst Fragen auf.
Denn erstens sind die Geschütze, die der Verfasser des Briefes gegen einen
Missstand in der Gemeinde auffährt, unverhältnismäßig grob. "Im Namen des
Herrn Jesus Christus" wird angeordnet und ermahnt. Die Tradition und das
Vorbild des Paulus sollen einen Druck zur Nachahmung erzeugen, mit eigenen
Händen zu arbeiten und keinem zur Last zu fallen. Arbeitsscheue und Faule
sollen isoliert werden. Die Gemeinde wird zur Kontaktsperre aufgefordert.
Zweitens werden die Gründe verschwiegen, weshalb Gemeindemitglieder unter den
Verdacht geraten, dass sie die Arbeit scheuen und ein unordentliches, faules
Leben führen. Wanderprediger wurden ja zunächst als willkommene Gäste
aufgenommen, bis man Gegenleistungen für ihre Aufnahme erwartete. In den
christlichen Gemeinden war es nie strittig, dass Arme, Kranke und unverschuldet
Arbeitslose mit der Liebestätigkeit der Wohlhabenden rechnen konnten. Aber das
erwähnt der Briefschreiber nicht.
Drittens ist es möglich, dass der Befehl und die Mahnung, "in Ruhe zu
arbeiten und das eigene Brot zu essen", gegen jene gerichtet ist, die in
der Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltendes sich in eine hektische
Arbeitswut oder in eine verklärte Jenseitigkeit flüchteten.
Solange der Vizekanzler das Grundrecht der Bürgerinnen und Bürger achtet, dass
sie berechtigt sind, eine angebotene Erwerbsarbeit abzulehnen, ist dem Gründer
der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner, zuzustimmen, der fordert: "Wer
nicht arbeitet, soll trotzdem essen!"
Frankfurter Rundschau, 27.5.06, S. 11
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/?em_cnt=891694