Jesuit Hengsbach zu: Gerechtigkeit, Globalisierung, Managerprovisionen

 

An der Spitze

VON FRIEDHELM HENGSBACH

 

Auf dem Platz vor dem Frankfurter Römer steht die Statue der Gerechtigkeit.

Mit verbundenen Augen und erhobenem Arm hält sie den Trägern der politischen Macht

im Rathaus die Waage entgegen. Beeindruckt sie auch die wirtschaftlichen Machthaber,

die ein wenig weiter in den zehnmal so hohen Türmen der Banken residieren?

 

Die Bevölkerung auf dem globalen Dorfplatz ist empört, wie die Manager im

Mannesmann-Prozess auf das hohe Gericht hinabschauen. Sie verlangt einen Sieg

des Rechts. Aber das Schwert der Gerechtigkeit wird wohl stumpf bleiben.

 

Gewollte Managerprovisionen

Auch deshalb, weil das Urteil über das unrechte oder stillose Handeln einzelner

Manager nur eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite, die der Spielregeln auf den

 internationalen Finanzmärkten, fallt in die Kompetenz der Gesetzgebung und der Exekutive.

Die aber haben die Rechtsprechung schon lange allein gelassen.

 

Seit Jahrzehnten versuchen politische  Entscheidungsträger und wirtschaftliche Führungskräfte, das

 Leitbild der sozialen Gerechtigkeit, das an der grundlegenden Gleichheit der Mitglieder einer

demokratischen Gesellschaft orientiert ist, gegen einen "modernen" Gerechtigkeitsbegriff auszuwechseln.

Der betont individuelle Freiheit, Unterschiede der Leistung, verdiente Ungleichheiten.

 

Politik und Wirtschaft redeten sich ein, dass wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung

desto schneller wiederkehrten, je weniger umverteilt wird. So rechtfertigen sie, dass das Gehalt

von Vorstanden stieg und gleichzeitig Leistungen für Kranke und Arbeitslose sowie die unteren Tariflöhne

 sanken. Aber dürfen Spitzenverdiener das Ausmaß der Ungleichheit festlegen, ohne dass die unteren

Einkommensgruppen ein Veto einlegen können?

 

Gesetzgeber und Exekutive ließen sich während der 90er Jahre von der Euphorie an den Börsen und

Finanzmärkten mitreißen und wehrten sich kaum gegen die Überformung des europäischen Wirtschaftsstils

 durch das US-Finanzsystem. Sie verabschiedeten sich von der Vorstellung, das Unternehmen als

Vertragsnetz der darin engagierten Personen zu begreifen. Stattdessen betrachteten sie Firmen als

Vermögensmasse in der Hand der Anteilseigner und nahmen feindliche Übernahmen hin oder hießen sie gut.

 

Dass der Firmenwert als Schlüsselgröße unternehmerischer Entscheidungen und der Aktienkurs als

dessen authentischer Spiegel galten, wurde kaum problematisiert. Es erregte keinen Anstoß, dass

variable Gehaltselemente der Manager an Börsenkurse gekoppelt wurden, die sich - unabhängig von

deren Leistungen - veränderten oder sich beeinflussen und manipulieren ließen.

 

Das ist politisch gewollt. Es umzukehren, überfordert die Justiz allein.

 

 

Quelle: Frankfurter Rundschau; 27

6.2.04