Jesuit Hengsbach: Agenda 2010 ist "gigantische Fehldiagnose"

Baden-Baden, 22.1.2004 (epd). Der katholische Sozialethiker Friedhelm
Hengsbach hat die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Bundesregierung scharf
kritisiert. Der "Agenda 2010" liege eine "gigantische Fehldiagnose"
zugrunde, sagte Hengsbach in einem Interview mit dem in Baden-Baden
erscheinenden "Badischen Tagblatt". Kürzungen im unteren Bereich des
Arbeitsmarktes führten nicht zu mehr Beschäftigung.

Der Theologe sieht die Agenda 2010 bereits jetzt als gescheitert an. "Es ist
keine Reform, sondern eine Reform-Inszenierung", so Hengsbach. Als
Jahrhundertwerk sei sie gepriesen worden, aber es blieben "nur
Reparaturarbeiten auf dem Verschiebebahnhof". Dieses "politische Spektakel"
sei entwürdigend und habe die Gesellschaft gespalten.

Der Leiter des Frankfurter Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts für
Wirtschafts- und Gesellschaftsethik forderte eine Abkehr von der
dominierenden neoliberalen Wirtschaftsideologie. Allein durch das Vertrauen
in die Selbstheilungskräfte des Marktes und die Maxime, der schlanke Staat
sei der beste aller Staaten, lasse sich kein Wachstum erzielen.
Arbeitsplätze entstünden vielmehr "durch eine Kombination öffentlicher und
privater Investitionen". Vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und
Kultur könne eine reife Industriegesellschaft neue Beschäftigung schaffen.
(0064/22.01.04)

Quelle: http://www.epd.de/suedwest/suedwest_index_19845.htm