Islamkundlicher Religionsunterricht - Ausbildung an Uni Frankfurt
Frankfurts Uni-Präsident Steinberg
Nicht angewiesen auf die Koranschule im Hinterhof
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Herr Steinberg, Sie waren mit der Berichterstattung der FR vom 9. Juni über die Tagung "Geistiges Erbe des Islam - Koranwissenschaften heute" nicht einverstanden. Welche Beanstandungen haben Sie?
Der zentrale Punkt ist, dass in meinem Vortrag keine Rede davon war, dass am von der türkischen Regierung finanzierten Lehrstuhl für Islamische Religion in Frankfurt Religionslehrer ausgebildet werden sollen. Ich sprach von Religionskunde, nicht Religionslehre. In Nordrhein-Westfalen wird das Fach bereits unterrichtet, das ausdrücklich kein Religionsunterricht nach Artikel 7, Absatz III im Grundgesetz ist. Sie haben zudem einen für mich wichtigen Punkt ausgelassen, was ich verfälschend finde. Uns geht es an der Goethe-Universität um eine auf wissenschaftlicher Grundlage vermittelte Islamkunde. In diesem Zusammenhang habe ich hingewiesen auf den hermeneutischen Zirkel, dem methodisch-theoretischen Hintergrund der Schule von Ankara, die auch in Frankfurt vertreten ist. Die Modernisierung der Auslegung des Korans hat deshalb solche Fortschritte gemacht, weil diese Schule Gadamer rezipiert hat. Dort, wo der hermeneutische Zirkel praktiziert wird, gibt es keinen Fundamentalismus. Für die Bibel gilt ja das Gleiche.
Könnten Sie bitte den Unterschied zwischen Religionskunde und Religionslehre klarstellen?
Religionslehre ist bekenntnisgebunden, also nicht reine Wissensvermittlung. Sie wird unter Mitverantwortung von Religionsgemeinschaften angeboten. Da es in Deutschland keinen islamischen Ansprechpartner gibt, scheidet bekenntnisgebundener Religionsunterricht für Muslime auf absehbare Zeit aus. Islamkundlicher Unterricht ist ein rein staatliches Fach wie zum Beispiel Ethik. Er soll ein Wissensangebot sein an den hohen Anteil von Kindern aus islamischen Familien im Interesse der Vermittlung ihrer Wurzeln und ihrer kulturellen Identität. Damit sie nicht nur auf die Koranschule im Hinterhof angewiesen sind.
Und die Stiftungsprofessur soll Religionskundelehrer für deutsche Schulen ausbilden?
Wir beobachten im Moment aufmerksam den Bedarf an religionskundlichem Unterricht an den Schulen. Die Goethe- Universität möchte darauf reagieren und zur Lehrerausbildung beitragen. Sie könnte ihren Ausgangspunkt von den beiden derzeitigen Stiftungsprofessuren nehmen.
Schafft das nicht Probleme? Was wäre etwa, wenn die Saudis, die Wahhabiten, also Anhänger einer konservativen und dogmatischen Richtung des sunnitischen Islams sind, auch eine Professur unterhalten möchten?
Deswegen ist meine Position die, dass wir ganz normale Lehrstühle brauchen, die vom Land Hessen, finanziert und nach dem üblichen Ausschreibungsverfahren besetzt werden. Auch die Stiftungsprofessuren sind so besetzt worden. Aber den Kern des Programms müssen - darauf hatte ich in meiner Rede zur Tagungseröffnung ausdrücklich hingewiesen - ein bis zwei staatliche Professuren bilden. Die beiden jetzigen Professuren sind übrigens in der Religionswissenschaft verankert.
Ich dachte, sie wären bei der Evangelischen Theologie angedockt.
Ja, im Fachbereich Evangelische Theologie. Der enthält den Studiengang Religionswissenschaft, an dem auch andere Fachbereiche mitwirken wie Philosophie und Katholische Theologie. Diesen Studiengang kann man mit dem Schwerpunkt Islam belegen. Jedoch ist für alle die Auseinandersetzung mit der christlich-jüdischen Tradition obligatorisch. Es gibt also den Versuch einer Verknüpfung, die das Entstehen religiöser Parallelgesellschaften verhindern soll. Wir haben heute schon 80 Studierende im Haupt- und 100 im Nebenfach.
Ist es vorgesehen, dass die Inhaber der Islam-Lehrstühle Muslime sein sollen?
Nein. Wir haben etwa im Fachbereich Evangelische Theologie eine neu berufene Professorin, die ihren Schwerpunkt in den Islamwissenschaften hat. Sie ist zwar evangelische Theologin, aber sie käme selbstverständlich auch für eine solche Professur in Betracht.
Interview: Arno Widmann
Aufgezeichnet von: Natalie Soondrum
Zur Person
Rudolf Steinberg (65) ist seit 2000 Präsident der Universität Frankfurt. Zuvor war er Professor der Rechtswissenschaft.
Anlass für das Gespräch war der Bericht der FR (9. Juni) über die internationale Korankonferenz an der Goethe-Universität vom 5. bis 7. Juni
Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1350741
Frankfurter Rundschau, 14.6.08, S. 29