"Islamisten
sehen sich durch Politik und Justiz unterstützt"
Hans-
Peter Raddatz über den Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, Feindbilddenken
und die Vereinigten Staaten
Die Arabische Welt
ist Ehrengast der Buchmesse. Wie groß ist die Chance auf einen intensiveren
Dialog zwischen Nichtmuslimen und Muslimen?
Es kommt darauf an,
wie sich der Pavillon der Araber präsentieren wird, Unter den arabischen
Literaten gibt es etliche mutige Systemkritiker, doch bleibt abzuwarten, ob man
sie ausreichend zu Wort kommen läßt. Denn ein Hauptveranstalter ist die Arabische
Liga, die primär von traditionellen Kräften bestimmt wird, und diese sind nun
einmal islamistisch.
Das gilt vor allem
für Saudi-Arabien?
Die führende Kraft im
arabischen Raum ist nach wie vor Ägypten. Saudi-Arabien hat sich in den
vergangenen 20 Jahren in den Vordergrund geschoben, indem man den Öl-Reichtum
auch in eine weltweite wahhabitische Propaganda investierte, wobei man
allerdings auch die dubiose Rolle der Amerikaner nutzen konnte.
'Wie meinen Sie
das?
Im Rahmen ihrer
Rohstoffpolitik haben die Vereinigten Staaten leider immer auch die Islamisten
mit ins Boot genommen, um die wesentlichen Kräfte in den jeweiligen Ländern
kontrollieren zu können. Unter ihrer Ägide haben besonders die radikalen
Muslimbrüder starke Positionen in Ägypten, aber auch in Saudi-Arabien und Pakistan
entwickeln können. Ohne ihre Mitwirkung können die dortigen Regierungen kaum
noch wichtige Entscheidungen fällen.
Noch einmal zurück
zum Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Wie sieht er in Deutschland
momentan aus?
Bislang hat man den
Muslimen die Integration in unsere Gesellschaft erspart, indem man ihnen
unterstellte, einer generell friedfertigen Religion anzugehören. Unter dem
Schutz dieses Generalvertrauens haben sich aber eher islamistische Kreise entwickeln
können, die nun immer lauter den Führungsanspruch über die gesamte Gemeinschaft
erheben. Sie sehen sich darin von maßgeblichen Kräften unseres Staates in
Politik, Justiz, Universitäten und so weiter unterstützt. Die wesentliche Folge
ist, daß man ihren Forderungen nach Verwirklichung islamischer
Rechtsvorschriften immer weiter
entgegenkommt. Dies hat fatale Auswirkungen auf unsere Verfassung,
Rechtsprechung, die Position der Frau und , vieles andere mehr.
Wie sähe die
Alternative für die Muslime aus?
Der Islam versteht
sich zunächst als politisches Herrschaftssystem, das sich religiös legitimiert.
Er entspricht damit nicht der Religionsvorstellung, die unserer Verfassung zugrunde
liegt. Es wäre daher die eigentliche Aufgabe des Dialogs gewesen, den Muslimen
Wege aufzuzeigen, wie sie ihre Religion privatisieren können. Ein Muslim, der
keine aggressiven Absichten hegt, hat keine Probleme, entsprechend seinem Ritus
zu leben und auf den politischen Geltungsanspruch seines Rechtssystems zu
verzichten.
Und das kann in
Deutschland eher gelingen als in einem arabischen Staat?
Vorausgesetzt die
Demokratie ist intakt. Wie gesagt, haben wir dagegen erhebliche proislamische,
zum Teil proislamistische Strömungen in unserer offiziellen Politik
festzustellen. Wenn zum Beispiel das Außenministerium fortfährt, islamistische
Einrichtungen, wie die Bonner Fahd-Akademie und die Berliner AI-Nur-Moschee,
zu schützen, konnten wir auf Dauer ein Problem bekommen. Das auffallendste Merkmal
der bislang praktizierten Islam-Politik besteht in der ausgeprägten
Bereitschaft, islamischen Rechtsvorschriften den Vorzug vor der geltenden
eigenen Rechtsordnung zu geben. Ein wichtiges Beispiel ist die Konservierung
der traditionell untergeordneten Frauenrolle auf dem Boden des deutschen
Grundgesetzes.
Aber die meisten
Muslime sind doch keine finsteren Fundamentalisten.
Gewiss nicht, doch
sind es aus den genannten Gründen unsere eigenen Verantwortlichen, die
fundamentalistischen und nicht den gemäßigten Kräften in der muslimischen
Gemeinschaft Vorschub leisten. Denn wenn dem nicht so wäre, konnten die Frauen
frei ihren Beruf beziehungsweise Ehemann wählen und die Muslime ihre Religion
gefahrlos verlassen.
Fördern Sie mit
Ihren Warnungen vor den erstarkenden islamistischen Kräften nicht ein Feindbild
Islam?
Bislang war es unser
sogenannter Dialog selbst, der das Feindbilddenken gerade dadurch gefördert
hat, dass er sich die Sache der Islamisten auf die eigene Fahne geschrieben
hat. Das können Sie allein schon daran erkennen, daß in den Augen der Dialogführer
jeder, der den "Frieden des Islam" in Zweifel zieht, zum Störer
dieses Friedens gestempelt wird. Wer a1so für die Demokratie eintritt, muß in
dieser Ideologie zwangsläufig ein Feindbild erzeugen, weil das islamistische
Interesse sich mit der demokratischen Rechtsordnung nicht vereinbaren lässt.
Eine solche Harmonisierung wäre nur dann gegeben, wenn die Muslime ihren
Glauben vom politischen Anspruch abtrennen würden.
Aber das ist doch
eine Utopie. oder?
Nur, wenn wir unseren
eigenen Staat nicht ernst nehmen. Zudem waren auch jene Muslime beim Wort zu
nehmen, die sich auf die positiven Kräfte des "ethischen Islam"
berufen, wie man ihn zum Beispiel in Frankreich fördern mochte. Leider hat sich
auch hier immer wieder das Übergewicht des politischen Islam ausgewirkt, ganz
zu schweigen von den negativen Auswirkungen der Globa1isierung.
Inwiefern ?
Bekanntlich verlagern
westliche Firmen zu- weilen ihre Produktionsstätten, unter anderem auch in
muslimische Länder, wo es Arbeitskräfte in reichlichem Maße gibt. Wenn
allerdings in diesem Rahmen Verhältnisse entstehen, die an moderne Sklaverei
grenzen, kann es nicht verwundern, wenn die Islamisten hieraus ihre Vorteile
ziehen. Sie haben es äußerst geschickt verstanden, sich dem Volk als soziale
Kraft darzustellen und sich gleichzeitig mit den herrschenden Schichten und den
westlichen Eliten zu arrangieren. Ihre derzeitige Bedeutung, auch und gerade in
Europa, würde durch eine Wirtschafts- und Migrationspo1itik, die nicht nur das
Interesse der Herrschenden im Auge hat; ganz sicher eingeschränkt.
Wie kann man den Ängsten
vor dem Islam, die es hierzulande gibt, begegnen?
Angst ist eine
berechtigte Emotion, solange die Fülle islamischer Gewalttaten nicht in einen verständlichen
Kontext gestellt wird. Dazu wären zwei Dinge notwendig: Zum einen hätten die
Muslime sich realistisch mit ihrer Gewaltgeschichte zu befassen,
zum anderen hatten
die westlichen Verantwortlichen zu einer demokratiebezogenen Politik zurückzukehren.
Mir ist kein
Politiker bekannt, der nur im Ansatz versucht hätte, den ständig beschworenen
"gemäßigten Muslimen zu einer Plattform zu verhelfen, auf der es ihnen möglich
wäre, sich von der immer stärker werdenden islamistischen Kontrolle zu befreien.
Statt dessen hofiert man zum Beispiel Edelislamisten wie den Schweizer Muslimbruder
Tariq Ramadan, der zwar auf hohem intellektuellen Niveau argumentiert, aber
sehr bedenk1iche Schnittstellen mit liriks- und rechtsradikalen Kontakten und
deren Antisemitismus offenbart hat.
Ramadan ist auch
als Redner bei einer Buchmessen-Veranstaltung eingeladen worden.
Das kann kaum
erstaunen, weil der PEN- Club als einer der Initiatoren auftritt. Ihm gehören
nicht wenige an, denen islamische Gewalt als "Notwehr" gegen den
westlichen Wirtschaftsdruck erscheint. Wir wissen, daß solche Vorwürfe
teilweise zutreffen, doch kann vom Westen nicht verlangt werden, seine eigene
Geschichte in die Vormoderne zurückzudrehen, nur um den Muslimen die
Modernisierung zu ersparen. Nur so wäre auch die islamische Bildungsschwäche zu
überwinden, die hoffentlich im arabischen Pavillon nicht zu offensichtlich
wird. Vergessen wir nicht: Aus islamistischer Sicht ist ein Buch, das sich
Gedanken außerhalb des islamischen Weltbildes erlaubt, ein "Feind des
Staates".
Die Fragen stellte
Stefan Toepfer.
Nach: FAZ, 5.10.04