Landesamt stellt Verfassungsschutzbericht 2003 vor /
Weniger Rechts- und Linksextreme in Hessen
Das Landesamt für Verfassungsschutz
konzentriert sich weiter auf die Beobachtung islamistischer Organisationen. Die
Mitgliederzahlen von rechts- und linksextremen Gruppierungen in Hessen seien
dagegen zurückgegangen.
VON MATTHIAS BARTSCH
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Wiesbaden · 24. Mai · mat · Zwar lägen den Behörden nach wie vor keine
konkreten Hinweise vor, aber die "abstrakte Gefahr" eines Anschlags
islamistischer Terroristen besonders auf jüdische, israelische oder
US-amerikanische Einrichtungen sei unverändert hoch, sagte Hessens
Innenminister Volker Bouffier (CDU) bei der Vorstellung des
Verfassungsschutzberichts 2003. Bouffier warnte vor einer "schleichenden Unterwanderung
unserer Gesellschaft durch nicht-militante islamistische Organisationen".
Sie nutzten die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft, um extremistische
Botschaften oder antisemitische Hetzparolen zu verbreiten. In Hessen seien
rund 7750 Personen diesen Gruppen zuzuordnen. Als Beispiel nannte der
Innenminister, wie in den Vorjahren, die türkische Gruppe "Milli
Görüs" (IGMG), die rund 3500 Mitglieder in Hessen zähle, bundesweit
etwa 26 500.
Damit sei Milli Görüs die mitgliederstärkste und finanzkräftigste islamistische
Organisation in Deutschland. Bouffier warf der Gruppe eine
"Doppelstrategie" vor: Nach außen zeigten sich ihre Vertreter
tolerant, gesetzestreu und liberal. In internen Publikationen und
"Sommerkursen" werde dagegen zur Gründung eines islamistischen
Gottesstaates und zur Aggression gegen Nicht-Muslime aufgerufen, würden
antijüdische Verschwörungstheorien verbreitet und Kinder zur Distanz zu
"schmutzigen Burgen des Westens" oder zum Kopftuchtragen
aufgefordert.
Die rund 200 hessischen Verfassungsschützer werden die Beobachtung
islamistischer Gruppen "weiter ausbauen", kündigte Bouffier an. Im
Links- und Rechtsextremismus sieht der Minister dagegen derzeit eine gewisse
Entspannung: Das "Personenpotential" der Rechtsextremen sei im Jahr
2003 in Hessen zurückgegangen. Die Mitgliederzahl der NPD sei landesweit von
350 auf 300 gesunken, die der "Republikaner" von 1600 auf 1300 und
die der "Deutschen Volksunion" (DVU) von 900 auf 800.
Allerdings: Die Zahlen der gewaltbereiten Skinheads und Neonazis blieben mit
600 und 200 laut Verfassungsschutzbericht in Hessen konstant. Und die Zahl der
rechtsextremen Straftaten stieg sogar um rund zehn Prozent auf 563. Darunter
waren 30 Gewaltdelikte (davon 25 Körperverletzungen), 126 fremdenfeindliche und
99 antisemitische Straftaten.
Die linksextreme Szene in Hessen bezeichnete Verfassungsschutz-Präsident Lutz
Irrgang als "aktionslos und verunsichert". Die Autonomen-Gruppen
seien in Hessen nur noch "bedingt handlungsfähig", die Zahl ihrer
Mitglieder sei von 460 auf 420 Personen gesunken. Aber auch linke Parteien wie
die DKP (von 500 auf 450) und die PDS (von 550 auf 470) hätten
Mitgliederverluste hinzunehmen. Die Zahl der linksextrem motivierten Straftaten
gibt der Verfassungsschutzbericht mit 101 an, darunter acht Körperverletzungen.
Wenig Konkretes erhält der Verfassungsschutzbericht zu den Themen
"organisierte Kriminalität" und "Spionageabwehr". Ein Fall
von Wirtschaftsspionage sei 2003 nicht bekannt geworden, sagte Irrgang.
Der SPD-Abgeordnete Günter Rudolph kritisierte Bouffiers "verharmlosende
Äußerungen" zum Thema Rechtsextremismus. Die Schilderung der Bedrohung
durch Islamisten bleibe abstrakt. Und bis heute sei völlig unklar, welche
Ergebnisse die von Bouffier so vehement geforderte Rasterfahndung überhaupt
gebracht habe, sagte Rudolph.
25.5.04
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 34
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/frankfurt_und_hessen/frankfurt/?cnt=442744&