Islamismus
„Ihr müsst euch
bekennen!“
Wo bleibt der Aufstand der anständigen Muslime?
Die Funktionäre drücken sich. Die Liberalen fordern eine deutsche Leitkultur
Seit den
Anschlägen von Madrid am 11. März vergeht kaum ein Tag ohne die Forderung an
die Muslime in Deutschland, sich entschieden vom islamistischen Terrorismus zu
distanzieren. Die Innenminister Schily, Beckstein und Schönbohm finden sich mit
ihren Appellen zum Coming-out der friedliebenden Muslime in der ungewohnten
Gesellschaft des PEN-Clubs, der die islamischen Intellektuellen aufruft, „das
Schweigen gegenüber dem mörderischen Terror“ zu brechen. Und auch die
Oberhäupter der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland, Bischof
Huber und Kardinal Lehmann, sprechen in einem neuen Ton der Dringlichkeit von
einer „Bringschuld des Islams“, endlich die Bejahung von Rechtsstaat und
Demokratie ohne „taktische Anpassungsmanöver“ erkennbar zu machen.
Angesichts von 191
Toten und über 1000 Verletzten fragt eine große Koalition von Politikern,
Intellektuellen und Geistlichen: Wo bitte sind die Lichterketten, wo bleibt der
Aufstand der anständigen Muslime in Deutschland?
Der so genannte
Zentralrat der Muslime in Deutschland sieht zunächst keinen Grund, sich in
dieser Frage zu äußern. Erst mehrere Tage nach den Anschlägen und erst auf
Anfrage deutscher Medien lässt sich der Vorsitzende des Verbands, Nadeem Elyas,
zu einer Stellungnahme bewegen. Sie fällt recht schmallippig aus. Die
Terroristen verfolgen Ziele, so Elyas, „die mit dem Islam nicht das Geringste
zu tun haben“. Die religiösen Rechtfertigungen der Täter seien „ein klarer
Missbrauch der Religion“. Nach solchen einsilbigen Statements setzt Elyas zum
Gegenangriff an: „Allein die Frage, wie stehen sie zu diesen Anschlägen,
beinhaltet schon eine Anschuldigung.“ Erst wenn es darum geht, Muslime als
potenzielle Opfer neuer deutscher Sicherheitsmaßnahmen darzustellen, kommt der
Zentralratsvorsitzende in Wallung. Verdächtige Moscheen mit Video zu
überwachen, lehne er ab, weil dadurch „die Leute ansprechbarer für Fanatismus
werden. Man darf das nicht leichtfertig verursachen, sondern muss damit
rechnen, dass eine destruktive Politik ihre Folgen hat.“ Von der
pflichtschuldigen Betroffenheit zur unterschwelligen Drohung ist es nur ein
kleiner Schritt. Wer Muslime zur Rede stellt und überwacht, dränge sie an den
„Rand der Gesellschaft“ und mache sie „empfänglicher und ansprechbarer für
Fanatismus. Einzelne Muslime könnten dadurch für den Terrorismus gewonnen
werden.“ Nadeem Elyas stellt die Muslime in Deutschland als immer schon
gekränkt, leicht fanatisierbar und latent gewaltbereit dar. Er nährt die
Ressentiments, die er zu bekämpfen vorgibt.
Dass dieser Mann in
Wahrheit nur für einen kleinen Bruchteil der 3,5 Millionen Muslime in
Deutschland spricht, weiß kaum jemand. Sein Verband repräsentiert nach
Schätzungen der führenden Kennerin der Szene, Ursula Spuler-Stengemann von der
Universität Marburg, „höchstens ein bis zwei Prozent der hiesigen Muslime“. Der
anmaßende Titel Zentralrat kommt einer Mogelpackung gleich. Noch aber geht die
Rechnung auf. In den Talkshows sitzt Herr Elyas, und die Agenturen verbreiten
seine Lesart der muslimischen Seele wie ein Hirtenwort.
Viele liberale
Muslime in Deutschland aber wollen sich nicht länger von solchen selbst
ernannten Sprechern repräsentiert sehen. Safter Cinar lebt seit 1967 in Berlin
und ist im Vorstand des Türkischen Bundes für religiöse Angelegenheiten
zuständig. „Wenn im Namen einer Religion schwerste Verbrechen ausgeübt werden“,
sagt der 58-Jährige, „gibt es durchaus die Pflicht, sich hiervon glaubhaft
abzugrenzen. Das hat nichts mit Generalverdacht zu tun, im Gegenteil, eine
offensive Abgrenzung wäre ein probates Mittel gegen Vorurteile. Das ist durch
Organisationen, die den Anspruch erheben, ,die Muslime‘ zu vertreten, nicht
geschehen. Nicht nur diese Organisationen sind in der Pflicht, eindeutig
Stellung zu nehmen. Vielmehr sollte sich die schweigende Mehrheit der Muslime
in unserem Lande, die unsere Grundwerte schätzt und respektiert, bemerkbar machen.“
Diese Mehrheit wird
wohl noch länger schweigen. Die islamischen Geistlichen scheuen die deutsche
Öffentlichkeit als Arena für die Auseinandersetzung mit dem Islamismus. Um eine
Stellungnahme zum Islam in Deutschland nach den Anschlägen von Madrid gebeten,
verweist ein Sprecher des DITIB-Verbandes, des größten islamischen Vereins in
Deutschland, ausweichend auf „Sprachprobleme“. Ein Imam der Mannheimer Moschee,
der größten in Deutschland, lässt sich auf die gleiche Bitte hin mit
„Krankheit“ entschuldigen. Mag sein, dass dem Prediger wirklich unwohl ist.
Vielleicht haben wir es bei diesem Mangel an Zivilcourage auch mit einer
Krankheit des Islams zu tun.
Das Schweigen der
offiziellen Vertreter nach Madrid wird von neuen Stimmen unterbrochen. Sie
haben die Abwiegelei und die Opferpose der offiziösen Muslimvertreter satt.
Seyran Ates, geboren 1963 in Istanbul, lebt seit mehr als dreißig Jahren in
Deutschland. Die Berliner Anwältin und Autorin, die in diesem Frühjahr mit dem
Berliner Frauenpreis geehrt wurde, sagt, es sei „überfällig, der
Weltöffentlichkeit ein anderes Gesicht des Islams zu zeigen. Nach Mölln,
Solingen, Hoyerswerda und Rostock waren Hunderttausende Deutsche auf der
Straße, um sich zu distanzieren. Nach New York, Istanbul und Madrid gab es keine
Demonstrationen von friedlichen Muslimen gegen diese Gräueltaten.“ Sie frage
sich, so Ates, ob die Mehrheit der Muslime diese Taten wirklich verabscheut:
„Wenn Massenmorde im Namen des Islams begangen werden, müssen friedliche
gläubige Muslime sichtbar werden. Wir dürfen nicht zusehen, wie der Islam
weltweit zu einer Selbstmordattentäter-Religion degradiert wird.“ Seyran Ates,
die selber in den achtziger Jahren ein Attentat nur knapp überlebte, hält es
für „die Pflicht und Schuldigkeit der islamischen Gemeinden, jene Menschen, die
inzwischen ‚den Islam‘ verabscheuen und auf Terrorismus reduzieren, eines
Besseren zu belehren. Wer für das Kopftuch auf die Straße geht, sollte auch für
den Frieden demonstrieren können. Deutschland hat bei der Integration vieles
falsch gemacht. Die Migranten aber auch. Die Zeit der gegenseitigen Vorwürfe
muss aufhören. Wer Teil dieser Gesellschaft sein will, darf nicht nur
protestieren, wenn es um Rechte geht. Wer sich von der Mehrheitsgesellschaft
und ihrer Leitkultur nicht bevormunden lassen will, muss Gegenangebote machen,
um ein friedliches, demokratisches und gleichberechtigtes Leben zu
gewährleisten.“
Es ist frappierend,
wie oft im Gespräch mit liberalen Muslimen das Wort von der deutschen
Leitkultur fällt. Die Migranten, die selbstbewusst ihren Platz in dieser
Gesellschaft fordern, verbinden mit diesem Begriff die Hoffnung, den
Laisser-faire-Multikulturalismus zu überwinden. Denn gerade in den Nischen der
Gleichgültigkeit, die dieses Konzept hat wachsen lassen, so glaubt Sanem Kleff
von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, gedeiht der Fundamentalismus.
Sanem Kleff, 1955 in Ankara geboren und seit über vierzig Jahren in
Deutschland, leitet das Projekt „Schule ohne Rassismus“, das sich mit
Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus, aber auch mit dem wachsenden
Antisemitismus der islamischen Jugendlichen auseinander setzt. Auch sie hält
angesichts der terroristischen Herausforderung den Begriff der Leitkultur für
unverzichtbar: „Eine Leitkultur besteht allerdings nicht aus einem fest
zementierten Kanon, sondern muss zu jedem Zeitpunkt neu verhandelt werden. Und
das bedeutet heute eben auch: mit uns, den Eingewanderten. Es ist auch unser
Land. Gegen die Bildung von abgeschotteten Subkulturen muss die Idee einer Leitkultur
für alle verteidigt werden. Das heißt aber auch: Wer den Islamismus bekämpfen
will, muss den Islam anerkennen.“
Talat Kamran von der
Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee, der prächtigsten in Deutschland, sieht
die Madrider Ereignisse als herben Rückschlag für seine jahrelangen Bemühungen
um die interreligiöse Verständigung. Kamran ist 1959 in der Türkei geboren,
lebt seit 25 Jahren in Deutschland und betreut seit neun Jahren das Projekt
„Offene Moschee“, das Schulklassen vor Ort den Islam nahe bringen will. „Seit
Madrid bekomme ich Rückmeldungen von Lehrern, dass einige Eltern ihre Kinder
nicht zu unserer Moscheeführung gehen lassen wollen. Die Angst vor dem Islam
nimmt zu. Der schlimmste Feind der Muslime aber sind heute diese Terroristen.
Im Koran steht, wer einen Unschuldigen tötet, tötet die ganze Welt. Die
Mehrheit der Muslime fürchtet sich vor der terroristischen Gefahr und steht
loyal zur deutschen Gesellschaft. Deutschland ist unsere Heimat. Wir wollen als
Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden. Wir werden Terroranschläge weder
tolerieren noch begünstigen.“
Die Kölner
Bundestagsabgeordnete Lale Akgün ist seit ein paar Wochen die neue
Islam-Beauftragte der SPD. Der Bundeskanzler hat die 1953 in Istanbul geborene
promovierte Psychologin kürzlich auf seine Türkeireise mitgenommen. Sie steht
für einen selbstbewussten und konfliktfreudigen Kurs in Fragen der Integration
und arbeitet an einem „Masterplan für die Muslime in Deutschland“. Akgün
bedauert, dass „die muslimischen Einwanderer, deren überwiegende Mehrheit einen
unscheinbaren und unspektakulären liberalen Islam des privaten Alltags lebt,
zunehmend für die schrecklichen Taten der Terroristen verantwortlich gemacht
werden. Das ist ungerecht, weil viele Ältere aus der Generation der Gastarbeiter
von sich aus spontan ihr Mitgefühl äußern und sich vom Terror distanzieren.
Diese Menschen empfinden die Behauptung religiöser Motive durch die Terroristen
als Gotteslästerung.“ Akgün ist allerdings sehr beunruhigt darüber, dass „der
Terror in den islamistischen Jugendmilieus als legitime Verteidigung gedeutet
wird“. Der Grund für den Zulauf zu diesen Milieus sei die „verweigerte Teilhabe
an der deutschen Gesellschaft“, sagt sie, ohne damit irgendetwas zu
entschuldigen. Die empörende Chancenlosigkeit der jungen Männer in den
Großstädten enthebe die Muslime nicht der Pflicht, sich „öffentlich von den
Morden ihrer Glaubensbrüder zu distanzieren“.
Der Schriftsteller
Feridun Zaimoglu reagiert allergisch auf Appelle jeglicher Art, besonders aber
wenn sie aus dem Establishment der deutschen Mehrheitsgesellschaft kommen.
Zaimoglu, 1964 im anatolischen Bolu geboren, in München und Berlin
aufgewachsen, hat nie Anerkennung als „Alibi-Ali“ (Zaimoglu) gesucht. Er ist
ein hoch geschätzter Sprachkünstler unter den Schriftstellern seiner
Generation: „Mich widern diese selbstgerechten Aufklärer an, die sich nur in
ihrer Liberalität bestätigen wollen. Es ist billiger Populismus, irgendwelche
Appelle gegen den bösen Fundamentalismus aufzusetzen, die doch niemand
erreichen. Ohne mich.“
Zaimoglu ist
allerdings fern davon, die Gefahr kleinzureden. Im Gegenteil: „Der Begriff
Islamo-Faschismus scheint mir nach meinen Erfahrungen mit den jungen Radikalen
sehr treffend. Das sind junge, kluge Kader mit einem politischen Willen. Dass
die sich mit 72 Jungfrauen locken lassen, ist eine dumme Karikatur. Es fehlt
hierzulande einfach das Grundwissen über diese Szene. Der politische Islam ist
als Jugendbewegung überhaupt noch nicht verstanden. Und diese Bewegung ist im
Wachsen, glauben Sie mir. Mit diesen Leuten muss man eine echte
Auseinandersetzung führen. Distanzierungen helfen genauso wenig wie gutwilliges
Dialoggequatsche. Diese jungen Leute lassen sich nicht irgendeine postmoderne
Identität anhängen. Sie reagieren auf Leidenschaft, Enthusiasmus, Bekenntnis.
Ich sage denen: Als orientalischer Deutscher bin ich für die deutsche
Leitkultur. Ihr seid auch Deutsche, ihr müsst euch bekennen. Wer sich nicht an
die Spielregeln hält, muss hart angegangen werden. Jede Kultur, auch die
deutsche, hat ein Recht auf Selbstverteidigung. Dann leuchten bei denen die
Augen, und wir können anfangen, ernsthaft zu reden.“
Zaimoglu ist sich
der Ironie wohl bewusst, dass ausgerechnet er – der als Erfinder von „kanak
attack“ zum Symbol des unassimilierten neuen Selbstbewusstseins der hiesigen
Türken wurde – nun einer deutschen republikanischen Leitkultur das Wort redet.
„Ich weiß natürlich, warum die Deutschen Probleme mit patriotischem
Enthusiasmus haben. Vielleicht ist es ja mein Job als Orientale, sie damit zu
versöhnen.“
Die moderaten
Muslime, die ihren Weg in den Gesellschaften des Westens machen, wissen nicht
erst seit Madrid, dass ihre Lebensweise den Terroristen ein Dorn im Auge ist.
Niemand wird für ihre Sache das Wort ergreifen, wenn sie es nicht selber tun.
http://www.zeit.de/2004/15/Islamismus