"Der Islam braucht eine theologische Wende"
Kommentar von Sonntagsblattredakteur Martin Schwab
Seitdem am 11. September islamische Fanatiker mit dem World Trade Center ein Symbol der westlichen Welt zu Fall brachten, gilt der Islam in Europa und den USA als ein heißes Thema. Auch in Deutschland wo rund 3,5 Millionen Muslime leben. Der Islam ist von einer Begleiterscheinung zu einer Herausforderung geworden. Eine neue Rolle, der er sich auf Dauer stellen muss.
Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland sind friedliche Menschen und verabscheuen die Terroranschläge gegen Amerika. Doch es gibt auch eine Gruppe, in der es offene Sympathie für die Terroristen gibt. Der Verfassungsschutzbericht für das vergangene Jahr schätzt die Zahl dieser islamistischen Fundamentalisten auf 31000. Vielleicht 1000 sollen gewaltbereit sein. Den Fundamentalisten geht es darum, die Regierungssysteme in ihren Heimatländern durch eine auf der Scharia basierende islamistische Gesellschaftsordnung zu ersetzen - wenn nötig mit Gewalt gegen alle, die als Feinde des Islams angesehen werden. Der Staat reagiert: Vergangene Woche wurde das Religionsprivileg im Vereinsrecht abgeschafft, um besser gegen als Religionsgemeinschaften getarnte extremistische Vereinigungen vorgehen zu können.
Aber eigentlich gefordert bleibt die große Mehrheit der Moslems in Deutschland selbst. Führende Autoritäten haben sich schnell vom Terroranschlag distanziert und den Islam zu einer Religion des Friedens erklärt. Jetzt kommt es darauf an, die Erklärungen in die Praxis umzusetzen. Muslime müssen Extremisten in ihren Reihen sozial isolieren und ächten. Das kann die Religionsgemeinschaft selbst am besten, auch wenn es aufgrund der dezentralen Sruktur ein längerer Prozess sein wird. Das gilt auch für die aktuellen theologischen Diskussionen innerhalb des Islams: gewaltfördernde theologische Positionen haben in unserem Land nichts zu suchen.
Letztlich muss der Islam, will er in Deutschland ein Angebot für die Menschen und ein Partner des Staates sein, sich auf den steinigen Weg der theologischen Modernisierung begeben. Es gilt, sich seiner Geschichtlichkeit zu stellen und eine Entmythologisierung zu vollziehen - so wie es das Christentum in einem schmerzhaften Prozess im 20. Jahrhundert auch getan hat. Nur so kann man religiösem Fanatismus den Nährboden entziehen.
26.09.2001
Martin Schwab
Quelle:
www.katholische-kirche.de