Auszug aus:
Das Land der reinen Lehre
In Saudi-Arabien ist der Islam so radikal wie nirgendwo sonst. Ölmidliardäre und Stiftungen exportieren ihn in die ganze Welt / VON ALBRECHT METZGER
......
Kein Platz für andere Religionen
In religiösen Fragen lässt sich Abu Harnsa nichts vormachen. Sein Weltbild ist unerschütterlich, Gegenargumente bügelt er mit heiligen Texten nieder. Ist es nicht ungerecht, dass Muslime in Europa Moscheen bauen dürfen, ein Christ aber mit harten Strafen rechnen rnuss, wenn er in Saudi-Arabien offen seinen Glauben praktiziert? Abu Hamsa kontert mit einem Hadith, einem Ausspruch des Propheten. Dari 'n heißt es, auf der Arabischen Halb- insel habe neben dem Islam keine andere Religion Platz.
"Selbst wenn ich es ändern wollte", sagt Abu Hamsa, hätte ich kein Recht dazu. Das ist ein heiliger Text, an dem ich nicht rütteln kann."
.......
Der Wahhabismus
der Saudis hat eine lange Tradition der Gewalt gegenüber Andersdenkenden. Die Prinzen vom Golf jagen jetzt auch den Amerikanern Angst ein. Doch das Pentagon braucht sie
.......
Aber die Geschichte des Wahhabismus ist stär ker von Gewalt geprägt, als Sudeiri zugeben möchte. Die Bewegung geht auf den Reformer Mohammed Ibn Abd al-Wahhab zurück, der im 18. Jahrhundert lebte. Die Zentren der islamischen Welt hatten sich zu dieser Zeit längst nach Norden verschoben. Zu den religiösen Bräuchen auf der Halbinsel gehörte es, bei verstorbenen Heiligen um Fürsprache zu bitten. Das erregte den Unmut des frommen Mannes. Er wollte die Heimat des Islam zum ursprünglichen Glauben zurückführen. Abd al-Wahhab ließ die Gräber der Heiligen einreißen und verbot alle Praktiken, die seiner Meinung nach dem Islam widersprachen.
Er verlangte von seinen Anhängern, den Vorschriften aus Koran und Sunna, den Überlieferungen des Propheten, buchstabengetreu zu folgen. Interpretationen der Heiligen Schrift lehnte er als Ketzerei ab. Mehr noch. Wer sich nicht an seine Auslegung hielt, durfte als Abtrünniger getötet werden.
..........
Härter noch als die strengen moralischen Sitten ist Saudi-Arabiens Justiz. Nirgendwo wird das islamische Strafrecht so gnadenlos angewandt wie hier.
..........
Während die Amerikaner den Kapitalismus angelsächsischer Prägung in den letzten Winkel der Erde tragen, investieren die Saudis Millionenbeträge, um andere Muslime mit dem "wahren Islam" zu erleuchten. Über Organisationen wie die Islamische Weltliga finanziert die saudische Regierung weltweit Schulen und Vielzahl staatlicher wie privater Wohlfahrtsstiftungen notleidende Muslime. "Es ist unser Ziel, Muslimen an jedem Ort zu helfen", sagt der stellvertretende Minister für Religiöse Führung Tau- fiq al-Sudeiri. "Egal, ob sie mit unserer Meinung übereinstimmen oder nicht."
Doch gerade die Wohlfahrtstiftungen sind seit dem 11. September in die Schusslinie geraten. Einige sollen Osama bin Laden unterstützt haben. Ob das womöglich mit Wissen des saudischen Herrscherhauses geschah, weiß man nicht.
Quelle: DIE ZEIT, 26.9.02, S. 10