Islam: Der islamische Extremismus in Europa nimmt zu. Das schadet
auch den Muslimen
Islam
Bloß nicht zu laut sagen
Der islamische Extremismus in Europa nimmt zu. Das schadet auch
den Muslimen
Obwohl
in Europa rund 25 Millionen Muslime leben, wird der Islam vielfach noch immer
als etwas Exotisches wahrgenommen, das nicht wirklich zu uns gehört. Zu Recht
haben antirassistische Gruppen und Institutionen wie das von der EU
finanzierte, in Wien ansässige European Monitoring Center on Racism and
Xenophobia (EUMC) deshalb immer wieder vor antiislamischen Vorurteilen gewarnt.
Antiislamisch muss man eine Haltung nennen, wenn sie „die Muslime“ als ein
geschlossenes Kollektiv hinstellt und als solches ablehnt.
Nun aber hat das EUMC eine von ihm in Auftrag gegebene Studie des
Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) über antisemitische
Tendenzen in Europa von der Veröffentlichung zurückgehalten. Sie war von der
Direktorin und dem Vorsitzenden des EUMC bereits akzeptiert und mit einem
Vorwort versehen worden, bevor das Management Board des Instituts, das sich aus
Vertretern aller EU-Mitgliedstaaten, des Europäischen Parlaments, des
Europäischen Rats und der EU-Kommission zusammensetzt, sie zurückwies. In der
inkriminierten Studie wird festgestellt, dass antijüdische Gewaltakte in
verschiedenen europäischen Ländern nicht nur von „angestammten“
Rechtsextremisten, sondern zunehmend auch von – meist jugendlichen – radikalen
Islamisten begangen werden. Mehr noch, die Studie macht deutlich, dass dieser
islamistische Judenhass keineswegs bloß eine Reaktion auf die israelische Besatzungspolitik
in Palästina ist. Er gründet oft auf einer fest gefügten antisemitischen
Weltanschauung, wie sie in arabischsprachigen Propagandapublikationen in
Zeitungen, auf Hörkassetten und durch das Internet über ganz Europa verbreitet
werden.
Weil ihm die Nichtveröffentlichung den Vorwurf einbrachte, es
wolle judenfeindliche Tendenzen innerhalb muslimischer Gruppen herunterspielen
oder scheue gar politische Verwicklungen mit arabischen Ländern, hat das EUMC
die Studie nun auf seine Internet-Seite gestellt (www.eumc.eu.int/eumc/index.php). In
einem beigefügten Statement begründet es, warum es die Untersuchung für
überarbeitungsbedürftig hält. Den Autoren Werner Bergmann und Juliane Wetzel
wird unter anderem vorgeworfen, sie stellten Muslime als „homogene
Gemeinschaft“ dar und brächten diese als Ganze mit antisemitischen Ideen in
Verbindung.
Bei Lektüre der Studie erweist sich dieser Vorwurf jedoch als
völlig haltlos. An keiner Stelle erweckt sie den Eindruck, islamistisch
motivierter Antisemitismus sei typisch für Muslime insgesamt. Doch wenn sich
antijüdische Hassreden auf islamische Traditionen und Glaubensinhalte berufen –
soll man das bemänteln? Gleich zu Beginn weist die Studie auf die Schwierigkeit
hin, zwischen Kritik an der Politik Israels und der Verbreitung verfestigter
antisemitischer Stereotype klar zu unterscheiden. Gerade darum aber muss sie
die oft diffuse Gemengelage aus politischem Aktivismus, religiöser Inbrunst und
sozialer Verzweiflung, in der radikale islamistische Agitatoren Resonanz
finden, sorgfältig beschreiben.
Vor der Aufklärung über diese beunruhigende Wirklichkeit aber
glaubt das Wiener EU-Institut die europäischen Muslime offenbar beschützen zu
müssen. Dass dies unnötig ist, zeigen Stimmen wie die des Zentralrats der
Muslime in Deutschland, der die Antisemitismus-Studie begrüßt und angekündigt
hat, sich mit ihr intensiv auseinander setzen zu wollen. Ihr Vorsitzender
Nadeem Elyas räumt ein, dass antijüdisches Gedankengut in arabisch-islamischen
Kreisen „latent schon immer präsent war“. Eine paternalistische Haltung, die
Muslimen solche kritische Selbstreflexion nicht zutraut, verrät unter dem
Vorwand des Antirassismus nichts als Geringschätzung gegenüber den muslimischen
Europäern. Gerade diese Haltung ist es, die das Bild von Muslimen als einer
gesonderten homogenen Gruppe festschreibt.
Abgeschottet statt anerkannt
Als gäbe es nicht zahlreiche Bürger muslimischer Herkunft, die
sich vor dem wachsenden Einfluss fundamentalistischer Fanatiker in islamischen
Gemeinden mindestens ebenso fürchten wie Nichtmuslime! Wer glaubt, bei der
Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien müsse man schonender
vorgehen, wenn diese ihre mörderischen Wahnvorstellungen aus dem Islam
ableiten, diskreditiert die islamische Religion und Kultur. So schottet man sie
als eine vermeintlich unantastbare Besonderheit ab, statt ihr zu Anerkennung
als einem festen Bestandteil der pluralistischen Gesellschaft zu verhelfen.
Die demokratische Öffentlichkeit in Europa darf nicht aus falsch
verstandener religiöser oder kultureller Toleranz wegschauen, wenn sich
extremistische Ideologien unter frommer Terminologie tarnen. Nur wenn sie diese
Extremisten ebenso ernst nimmt wie alle anderen auch, beweist sie, dass sie
Muslime als gleichwertige Bürger ernst nimmt. Nur dann hilft sie auch den
Kräften in den islamischen Gemeinden, die sich gegen ihre schleichende
Majorisierung durch radikale Agitatoren zur Wehr setzen wollen.
Doch eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit
islamistischer Ideologie stößt auf Schwierigkeiten. Wer kann schon arabischen
Predigten folgen, die viele Muslime in Europa in Moscheen hören, wer die
arabischen und türkischen Bücher und Zeitungen verstehen, die sie täglich
lesen? Wer kann die religiös verschlüsselte Metaphorik entziffern, der sich
extremistische Gruppen bedienen? Nicht nur der Verfassungsschutz, auch die
politische Klasse und die Medien müssten über viel mehr Sachkundige verfügen,
die mit der Alltagsrealität der Muslime vertraut sind und über sie berichten.
Damit fängt Integration an: dass die demokratische Gesellschaft von sich aus
den Schleier kultureller Absonderung durchdringt und an den Problemen ihrer
muslimischen Bevölkerung aktiven, und das heißt auch streitbaren Anteil nimmt.