Der Protest gegen die dänischen Karikaturen verunsichert Europa: Können wir auf einen Islam hoffen, der sich mit unseren Freiheitsrechten verträgt?
Angesichts der eskalierenden
Konflikte mit islamistischen Gruppen fordern einsichtige Muslime wie der aus
Syrien stammende und in Göttingen lehrende Bassam Tibi seit langem die
Entwicklung eines Euro-Islams. Er soll, um die Integration in westliche
Gesellschaften zu erleichtern, bestimmte Werte der abendländischen Kultur
aufnehmen, vor allem die Trennung von Religion und Politik sowie die
Anerkennung individueller Menschenrechte.
Dieser Forderung kann man nur
zustimmen. Es stellt sich aber die Frage, ob ein solcher Euro-Islam noch ein
authentischer Islam ist. Niemand bezweifelt zum Beispiel, dass ein liberaler
Jude ein wirklicher Jude ist, auch wenn er sich nicht um koscheres Essen
kümmert. Kann aber ein Muslim, der die abendländische Leitkultur bejaht, noch
als wirklicher Muslim gelten? Ist ihm zuzumuten, sich einen aufgeklärten oder
liberalen Islam zu Eigen zu machen? Schließlich haben sowohl die Trennung von
Religion und Politik als auch der Primat des Individuums vor der Gesellschaft,
die einander bedingen, christliche Wurzeln.
Die Rechte des Individuums.
Die Geschichte des Urchristentums zeigt, dass es der Einzelne war, der sich für
den Anschluss an die christliche Gemeinde entscheiden musste. Dies bedeutete
oft einen Bruch mit den nächsten Angehörigen. Ein Satz wie »Wer Vater oder
Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter
mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert« (Mt 10,37) weist auf diese
Situation hin. Wenn auch oft der Hausvater die Religion des Hauses bestimmte,
so waren andererseits Ehen von Christen und Nichtchristen nicht ungewöhnlich (1
Kor 7,12–16). Durch die Taufe wurde der Einzelne in die christliche Gemeinde
aufgenommen, und dieses Zeichen der Individuation, das sich später sogar mit
der persönlichen Namensgebung verband, ist in der volkskirchlichen Situation
immer festgehalten sowie durch täuferische Gruppen betont herausgestellt
worden.
Wichtiger ist freilich der
theologische Sachverhalt, der sich in diesem Zeichen artikuliert. Während die
hellenistische Religiosität davon ausging, dass die religiöse Wahrheit der
vernünftigen Einsicht, der »Weisheit« (sophia), offen steht und nur
aus Uneinsichtigkeit geleugnet werden kann, sagt Paulus von der christlichen
Botschaft, sie sei »den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit« (1
Kor 1,23). »Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit
nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt zu retten, die
daran glauben« (1 Kor 1,21). »Glaube«, durch eine in den Augen der Griechen
»törichte Predigt« erweckt, ist also kein intellektueller Vorgang, sondern ein
existenzieller Lebensvollzug – ein Überführtwerden von der in der Predigt laut
werdenden, den Nichtglaubenden ärgerlichen oder törichten Botschaft. »Denn die
göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit
ist stärker, als die Menschen sind« (1 Kor 1,25).
Das heißt: Die Wahrheit, die
der Glaube glaubt, ist zwar mit anderen Wahrheitsansprüchen nicht kompatibel,
aber sie ist auch keine allgemeine oder allgemein einsichtige Wahrheit. Der
christliche Glaube ist vielmehr ein durch und durch persönlich geprägtes, das
heißt individuelles Phänomen und insofern auch die wesentliche Grundlage des
modernen Menschrechtsgedankens, wenn darin auch Momente der stoischen Ethik
aufgenommen wurden.
Im Unterschied zum
Urchristentum hat sich der frühe Islam nicht auf dem Weg der Mission
ausgebreitet, die den Einzelnen anspricht, sondern auf dem Weg militärischer
Eroberung. Als Mohammed in seiner Heimatstadt Mekka keine Unterstützung fand,
wich er bekanntlich nach Medina aus, wo er mit Hilfe befreundeter Stämme die
Herrschaft in die Hand bekam und von wo aus er den Krieg gegen Mekka führte.
Damit begann die arabische Eroberung der Länder vom Zweistromland bis nach
Spanien, die mit einer kollektiven Islamisierung verbunden war, von der nur
Juden und Christen, die Mohammed als seine Vorläufer ansah, bis zu einem
gewissen Grade ausgenommen waren.
Aber auch in diesem Fall sind
die theologischen Überlegungen stringenter als die historischen. Für den Islam
ist die im Koran begegnende offenbarte Wahrheit zugleich eine allen Gutwilligen
einleuchtende Vernunftwahrheit. Immerfort verweist der Koran auf die Wunder der
Schöpfung als Beweis für seine Gotteslehre oder auf die Erzählungen des Alten
Testaments als Beleg für das Gericht Gottes über die Bösen. Der Islam ist
insofern eine Religion von umfassender Rationalität. Sich nicht überzeugen zu
lassen ist böswillige Verstocktheit, die vielen Polytheisten in der Frühzeit
des Islams das Leben gekostet hat, und vom Islam abzufallen gilt nicht von
ungefähr schon im Koran als todwürdiges Verbrechen.
In diesen Zusammenhang gehört
das Verständnis des Korans. Während die Bibel ein wie auch immer inspiriertes
menschliches Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist, ist für
den Islam der Koran selbst die Offenbarung. Dies Buch gilt als wesensgleich mit
Gott, ist sein unerschaffenes Wort. Wo im Koran alt- und neutestamentliche
Worte und Berichte in einer von der biblischen Vorlage abweichenden Form
begegnen, liegt deshalb kein Irrtum Mohammeds vor, vielmehr haben Juden und
Christen ihre Schriften später gefälscht. Wegen seiner Wesensgleichheit mit
Gott kann der Koran auch nicht übersetzt werden, sodass nur relativ wenige
Muslime, die das klassische Arabisch beherrschen, den Koran überhaupt lesen
können. In den Koranschulen wird der arabische Koran auswendig gelernt, und in
allen Moscheen werden arabische Suren gebetet, auch wenn die Betenden den Sinn
der gebeteten Worte gar nicht verstehen.
Darum kann man gegenüber dem
Koran auch nicht die Haltung des Glaubens im christlichen Verständnis
einnehmen. Zwar trennt der Islam die Menschen in Gläubige und Ungläubige, aber
die Gläubigen sind einfach die Angehörigen der Umma, der muslimischen
Gemeinschaft, in die hinein man geboren, nicht etwa getauft wird; die
Ungläubigen alle anderen Menschen. Keinesfalls aber vollziehen die Gläubigen
einen Akt glaubender Anerkennung im Sinn der christlichen Bekehrung, weshalb im
islamischen Denken auch eine Apostasie, ein bewusster Abfall vom Glauben, undenkbar
ist. Ich halte es kaum für möglich, dieses geschlossene und stark ritualisierte
System zu durchbrechen und dem einzelnen Muslim gegenüber dem Koran eine
Stellung einzuräumen, wie sie der Christ im Hören und Verstehen gegenüber der
biblischen Botschaft einnimmt, ohne den Islam substanziell zu verändern.
Trennung von Religion und
Politik.
Diese Skepsis verstärkt sich, wenn man bedenkt, dass der Koran den Muslim auch
der Scharia unterwirft, also seine gesamten Lebensverhältnisse regelt:
Religion, Sittlichkeit, Kult, Kultur, Recht und Politik. Das aber beschränkt
die zweite Reformidee für einen Euro-Islam: dass er Staat und Kirche
beziehungsweise Religion und Politik trennen soll, um integrationsfähig zu
sein. Er darf die staatlichen Entscheidungen nicht mehr an ein religiöses
Bekenntnis binden.
Die Trennung von Staat und
Kirche ist im Christentum historisch fundiert. Die frühchristlichen Gemeinden
hatten keinerlei politischen Einfluss, sondern unterlagen über Jahrhunderte
latenter oder manifester staatlicher Repression. Im Bestreben, ihre religiöse
Freiheit zu behaupten, waren die Christen aber bemüht, sich als vorbildliche
Bürger des heidnischen Staates zu erweisen. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist, und Gott, was Gottes ist« (Mk 10,17).
Diese historische Trennung
beruhte auf der theologischen Unterscheidung von irdischem Wohl und ewigem
Heil, von weltlichem Recht und göttlicher Gerechtigkeit, von irdischen Staaten
und Reich Gottes. Sie hat in Augustins Rede von der civitas terrena
und der civitas Dei oder in Luthers Zwei-Reiche-Lehre jeweils
zeittypische Ausprägungen gefunden, nachdem sie auf dem Konzil von Nicäa 325
dogmatisch fixiert worden war. Dies von Konstantin berufene Konzil sollte zwar
primär den Streit zwischen Arianern und Orthodoxen beenden. Indem aber das
Bekenntnis von Nicäa innerhalb der trinitarischen Gottesvorstellung Vater und
Sohn sowohl gleichstellte als auch unterschied, wurden Schöpfung und Erlösung,
Wohl und Heil als Werke des einen Gottes bekannt und mit gleicher Würde versehen,
zugleich aber unterschieden, sodass der seiner Göttlichkeit entkleidete Kaiser
seine politische Aufgabe im Auftrag Gottes wahrnehmen konnte.
Die christliche
Trinitätslehre ist das theologische Fundament der Unterscheidung von Religion und
Politik. Für den Islam ist dagegen historisch festzustellen, dass Mohammed
sowohl Religionsstifter als auch autoritärer Staatsmann gewesen ist. Die Suren
des Korans, die entstanden sind, nachdem Mohammed in Medina und später in Mekka
die politische Macht errungen hatte, dienen durchweg der Regelung rechtlicher
und politischer Belange, und zwar in der gleichen zeitlosen und
unhinterfragbaren göttlichen Autorität, wie sie auch den mehr religiös
orientierten Suren eignet. Dieser Ausgangspunkt wurde durch das Kalifat fortgesetzt
– der Kalif war geistlicher und weltlicher Herrscher – und hat sich bis in die
Gegenwart nicht geändert, auch wenn das Kalifat durch andere staatliche
Strukturen abgelöst und 1924 von der türkischen Nationalversammlung auch
offiziell aufgelöst wurde. Aber selbst in der laizistischen Türkei ist der
Islam Staatsreligion, die von dem staatlichen Direktorium für
Religionsangelegenheiten gelenkt wird. Deswegen gelingt den Muslimen in
Deutschland nicht, sich in einer umfassenden Körperschaft zu organisieren; denn
eine kirchenähnliche Organisation neben der staatlichen Organisation ist für
den Islam nicht vorgesehen.
Dieser historischen
Ausgangssituation entspricht als theologisches Fundament der radikale
Monotheismus des Islams. Dessen Grundbekenntnis lautet: »Es gibt keinen Gott
außer Gott«, und mit diesem Bekenntnis warnt der Koran vor den Christen, die
dem Vater einen Sohn beigegeben haben und damit in den Polytheismus
zurückgefallen seien. Dieser gleichsam »naive« Monotheismus ist für die
Identität des Islams unaufgebbar und verbietet jede Form der Trennung von
Religion und Staat. Der bedeutende Philosoph und geistige Vater Pakistans, Sir
Muhammad Iqbal (1873 bis 1938), der versucht hat, islamische Kultur mit
abendländischem Denken zu verbinden, hat stets darauf insistiert, dass der
Islam keine Kirche, sondern ein Staatswesen sei, die Religion keine
Privatangelegenheit, sondern Fundament eines umfassenden gesellschaftlichen
Organismus.
Es ist der strenge
Monotheismus, der eine Verbindung von authentischem Islam und offener
Demokratie ausschließt. Dies zu bestreiten würde bedeuten, das trinitarische
Gottesbild in den Islam zu verpflanzen, ein für Muslime abscheulicher
Synkretismus. Deshalb ist es ein Gebot nüchterner Einsicht, die Hoffnung auf
eine multikulturelle Gesellschaft nicht mit dem Traum eines Euro-Islams zu
verbinden. Gewiss gibt es Euro-Muslime, die freilich im Kreis ihrer
Glaubensbrüder oft argwöhnisch beobachtet werden; einen Euro-Islam kann es
nicht geben.
DIE ZEIT, 9.2.06, S. 47
Quelle: http://www.zeit.de/2006/07/Muslime?page=1