Gefärhdet der Islam die abendländische Traditions- und Wertegemeinschaft?

 

KOMMENTAR: FRANKREICH

Tiefe Risse

VON HANS-HELMUT KOHL

In Frankreich findet ein Wettlauf gegen die Zeit statt. Dabei geht es um den Zusammenhalt einer abendländischen Traditions- und Wertegemeinschaft, die Gefahr läuft, auseinander zu brechen. Der Inlandsgeheimdienst wies kürzlich nach, dass schon heute rund 1,8 Millionen Menschen in Stadtvierteln leben, die den Namen "kommunitaristisches Getto" verdienen. Dort gelten nicht mehr die Regeln der Republik, die mit der Erklärung der Menschenrechte ihren Anfang nahm und mehr als 200 Jahre lang für Laizität und Weltoffenheit stand.

Heute droht sie  zermahlen zu werden zwischen dem Anspruch staatlicher Institutionen, die Lebensbedingungen nach den Prinzipien Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu garantieren - und der Anmaßung fundamentalistischer Prediger, die für ihre Religion republik- und rechtsfreie Räume beanspruchen. Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz, dazu Verachtung des Rechts, das in einer Demokratie das Parlament setzt, die Justiz auslegt und die Regierung vollzieht, sind die Symptome der Malaise.

Frankreich leidet an der Zersplitterung seiner Gesellschaft. Die Therapie ist mühsam und schmerzhaft. Aber sie kann nur darin bestehen, die Errungenschaften der Aufklärung und des Humanismus zu verteidigen.

Hans-Helmut Kohl

13.07.04

Quelle: Fankfurter Rundscahu, S. 2

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