Islam - Sterben für Gott?
Sind Selbstmordattentate zulässig? Im Islam entwickelt sich eine befremdliche Diskussion
Von THOMAS
SEITERICH-KREUZKAMP
Selbstmordattentate oder »Märtyrer- Aktionen«?
Zwischen den beiden Begriffen, die im Nahen Osten für ein und dieselbe grausige
Realität stehen, sie aber ganz verschieden bewerten, klafft ein riesiger
Abgrund. Er spaltet die islamische Welt.
Was ist ein »Märtyrer«? An dieser eng mit .dem Problem der Selbstmordattentate verknüpften Frage zeigt sich aktuell, wie fremd sich Muslime und Christen sind.

Zum Selbstmordattentat bereit? Hamas-Anhänger demonstrieren
im Flüchtlingslager Jabalya bei Gaza am 4.0ktober 2002
Im Januar trafen sich
hunderte islamische Rechtsgelehrte und Theologen im Ölscheichtum Katar am
Persischen Golf, um Islamfragen vor dem Hintergrund der aktuellen Weltpolitik
zu diskutieren. Veranstaltet wurde das Großtreffen von der Fikh-Akademie, einem
Ableger der weltweiten Islamschen Konferenz (ICO). Das
Diskussionsergebnis ist bestürzend: Eine Mehrheit befürwortet die
palästinensischen Selbstmordangriffe. Eine förmliche Erklärung zu Gunsten der
so genannten »Märtyrer-Aktionen« wurde aber unterdrückt. Zugleich verurteilte
die Konferenz in aller Schärfe den Terrorismus und diskutierte Strategien gegen
die »amerikanische« Globalisierung.
In dem großen
Kollegium von Muftis und islamischen Würdenträgern aus insgesamt 58 Staaten
vertrat in Katar nur ein einziger offen
die Position, dass der Islam es nicht erlaube, sich selbst aus Rache inmitten
anderer Menschen in die Luft zu sprengen: der saudische Scharia-Professor
Hassan Ibn Mohammed Safar von der Universität Dschidda. Safar verurteilte diese
Akte als Verschleuderung von Menschenleben. Er verwarf die Tötung von
Unschuldigen und lastete islamischen Selbstmordattentätern an, Terrorvorwürfe
und einen allgemeinen Hass gegen die Muslime zu provozieren.
Sofort bekam Safar
Widerspruch von einem der prominentesten Islamtheologen, vom Prediger des
internationalen TV-Senders Al Dschasira, Youssif Karadawi. Der
bezeichnete die »Martyrer-Operationen« gegen die israelischen Besetzer
Palästinas in einem arabischen Wortspiel als »Fortpflanzungsbombe« und einzige
Abwehrwaffe gegenüber Israels Atomwaffen. Eine ganze Reihe von Muftis und
Ulemas schloss sich dieser militanten Sicht an.
Die Theologen und
Rechtsgelehrten setzten sich wahrend des einwöchigen Treffens täglich mit
Studien ausgezeichneter Theologen zu den Themen der Weltpolitik auseinander, so
wie es der Grundsatz vom Islam als »Din wa-Daula«, »Religion und Staat
zugleich«, verlangt. Karadawi, der dank seiner regelmaßigen Fragestunden im
TV-Sender Al Dschasira unter dem Titel »Scharia und Alltag« großes Ansehen
genießt, kritisierte scharf den Terrorismus. Er definierte ihn als
»Gewaltgebrauch zwischen Leuten, die keine Streitforderungen gegeneinander
haben«. Karadawi verwarf in aller Deutlichkeit Geiselnahmen, Luftpiraterie und
die Ermordung von Touristen. Als Beispiele nannte er die Terroranschlage von
Luxor, Bali und des 11. September 2001 in Amerika.
Doch er unterstrich
abermals, dass der Widerstandskampf gegen einen fremden Besetzer nichts mit
Terrorismus zu tun habe. Zu den großen Übeln zählte Karadawi -so die Neue
Ziircher Zeitung -»den Staatsterrorismus des zionistischen Gemeinwesens
gegen die Palästinenser«. Auch die USA, die jenen »aus Blut und Terror
entstandenen Staat« vom ersten Tag an unterstütze, übe »eine Art Terror« aus.
Karadawis Position wurde in der Gelehrtenkonferenz nicht angefochten.
Wie ist die
islamische Theologendebatte über Selbstmordattentate zu beurteilen? Stefan
Wild, Professor für Orientalistik an der Universität Bonn, erklärt im Gespräch
mit Publik-Forum, es gebe drei Positionen:
Position eins, die
unbedingte Achtung des suicide bombings, vertreten neben dem saudischen
Spitzentheologen Safar auch »konservative«, dem Gedanken unbedingter
Gottesfurcht verpflichtete Theologen, etwa im Iran. Position drei dagegen, die
situationsbedingte Erlaubtheit der Selbstmordattentate, wird von einer Anzahl
palästinensischer islamischer Theologen vertreten. Eine Theologie mit grausigen
Folgen! Als sogenannte »Martyrer« agieren die islamischen Kampfer von Hamas und
Islamischem Dschihad gegen die israelischen Kinder, Frauen und Männer.
»Viele Rechtsgelehrte
aus der arabischen Welt neigen zu den radikalen Positionen«, so erklärt der
Islam-Experte Wild, »islamische Theologen hingegen aus Südafrika, Europa oder
dem Iran« lehnten den Selbstmordterror ab, unter Hinweis auf die Gotteslehre.
Das erste sich
»islamisch« rechtfertigende Selbstmordattentat gegen Israelis durch einen
Palästinenser ereignete sich 1994 in Afula in Israel. Die Untatverstand sich
als Rache- Antwort auf den Mord des jüdischen Fundamentalisten Baruch Goldstein
an 40 betenden Muslimen in der Abrahams-Moschee in Hebron. Mordtaten- aus
Religion?
Diese Frage wirft
Rolf Koppe auf. Er ist der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD). Koppe antwortet mit dem Text » Wer ist ein Märtyrer? «
auf die weltweit am meisten beachtete Lehrautorität im Islam, den Scheich der
Al-Azhar-Universitat in Kairo, Tantawi (Publik-Forum 24/02). Tantawi
hatte seine vom März 2002 stammende, Selbstmordtaten akzeptierende Erklärung
revidiert und im November vor westlichem Publikum erklärt: »Wir sind nicht
damit einverstanden, dass sich jemand inmitten unschuldiger Menschen, Frauen
und Kinder in die Luft sprengt.« Zugleich heißt es allerdings weiter: » Wer sich
aber inmitten von Soldaten, die ihn töten wollen, oder inmitten einer Armee,
die seine Heimatvergewaltigt, in die Luft sprengt, ist ein Märtyrer.«
Aggression sei verboten, Selbstverteidigung sei erlaubt.
Der evangelische
Theologe Koppe hinter- fragt die Unscharfe und Gewundenheit seines islamischen
Gegenübers Tantawi. Koppe legt dar: »So ist das christliche Verständnis vom
Martyrertod im Ganzen gesehen ein völlig anderes« als im Islam. »Denn der Tod
eines Martyrers wird niemals durch ihn selbst sondern von anderen
herbeigeführt. Ein Martyrer instrumentalisiert sich auch nicht selbst als
lebendige Waffe, die andere tötet sondern er wird um der Nachfolge Christi
willen verfolgt und getötet.« Die christliche Auffassung vom Martyrer liegt
seit den Christenverfolgungen der Antike fest. Im Islam hingegen entwickelt
sich in den letzten Jahren unter dem Eindruck des Nahostkonflikts ein neues
Verständnis von Märtyrertum. Es bietet ein großes Gefahrenpotenzial - nicht nur
für die zahlreichen menschlichen Opfer dieser Ideologie - auch für den
Religionsfrieden. Denn die neue islamische »Martyrerlehre« könnte die drei
monotheistischen Religionen der Juden. Christen und Muslime. die alle den Einen
Gott verehren. extrem weit auseinander führen.
Quelle: Publik-Forum, 7.2.03, S. 50 f