Islamischer Fundamentalismus / Reislamisierung

1. Reislamisierung und der Westen

Nach Fuad Kandil sollte beim Islam statt von Fundamentalismus besser von Reislamisierung gesprochen werden. Das Wort Fundamentalismus, ein aus dem christlichen Bereich stammender Begriff, könne nicht zutreffend die Phänomene beschreiben, die wir heute in der islamischen Welt beobachten. Um das Phänomen "Reislamisierung" zu verdeutlichen stellt Kandil die Wertvorstellungen der islamischen Welt denen des Westens gegenüber.

Reislamisierung   Westen
Ÿ Gott steht im Mittelpunkt   Ÿ Der Mensch steht im Mittelpunkt (Humanismus)

Ÿ Alles ist Gott untergeordnet

Ÿ Allzuständigkeit der  Religion in:

  - Staat

  - Gesellschaft

  - Kultur

 

à Absolute Unterwerfung unter

   Gottes Gesetz:

  - in jedem Einzelfall

  - Eine Differenzierung

   (Kompromiß) wird abgelehnt

   (Integralismus)

 

Ÿ Der Staat ist der Garant der

  göttlichen Ordnung

Ÿ Menschenrechte bleiben der

  Scharia untergeordnet

 

- Marktwirtschaft

- Säkularismus

- Pluralismus

- Individualismus

- parlamentarische Demokratie

- Menschenrechte

Kandil weist auf die Situationsbedingtheit von Ideologien hin. So habe der Kommunismus die Befreiung von Leibeigenschaft, ungerechten Lebensbedingungen und das goldenen Zeitalters verheißen. Der Islamismus beschwört die glorreiche Vergangenheit des Islam und abstrahiert somit von der bedrückenden Gegenwart. Zum sozio - ökonomischen kommt ein sozio - kultureller Aspekt hinzu. Der Islamismus vermittelt kulturelle Würde und Selbstfindung.

2. Die islamischen Welt im Mittelmeerraum und Arabien

Um den Weg zur Reislamisierung aufzuzeigen, weist Kandil auf die Entwicklung der Islamischen Welt im Mittelmeerraum und Arabien seit der Zeit von dem 1. Weltkrieg hin.

 

2.1 Die islamische Welt vor dem 1. Weltkrieg (Mittelmeerraum)

2.1.1. Konstitutionelle Bewegung

Forderung:

- Machtbeschneidung der Sultane

- einheimische zivile Regierung

- Beibehaltung des osmanischen Reiches als Dachverband

Verfechter: liberales Bürgertum

 

2.1.2. Nationalisten

Forderung:

- selbständige islamische Nationen

- Islam als ein Merkmal von Nation

Verfechter: städtische Intelligenz

Aber:

Salafiya (islamisch klassizistische Kulturbewegung) sah Islam als übergeordnetes Merkmal an

 

2.1.3. Islamisten

Forderung:

- Islam als Merkmal revolutionärer Identität

- Einheit von Religion und Staat

- Idee der Gerechtigkeit

Verfechter: Handwerker, Kaufleute, kleine Leute

Islamisten und Sozialisten/Kommunisten hatten Anfang des 20 Jhd. enge Kontakte

 

2.2 Die islamische Welt vor dem 2. Weltkrieg (Mittelmeerraum)

2.2.1. Nationalisten

- Islam und Nation wurden zu Tauschbegriffen vor allem im türkischen Laizismus

- Säkularisierung und Türkifizierung des Staates

- Die Armee wurde Garant nationalstaatlicher Macht

- republikanischer Nationalismus

à deislamisierung der politischen Öffentlichkeit:

durch den Kampf gegen die "rückständigen" Tradition. Es gab keinen Bedarf an einem spezifisch islamischen Diskurs

 

2.2.2. Liberalismus

- liberaler Nationalismus - Wirtschaftsliberalismus

 

2.2.3. Sozialismus

atheistische orientiert

- Reaktion auf die Verarmung der (Ägyptischen) Massen nach der Weltwirtschaftskrise

 

2.2.4. Muslimbruderschaften

 

2.3. Die islamische Welt nach dem 2. Weltkrieg (Mittelmeerraum)

2.3.1. Militärputsche gegen die Regierungen (Monarchien) und korrupte Parteien (Syrien, Ägypten, Irak)

 

2.3.2. Aus der sozialen Frage wird ein sozialistisches Programm

Syrische Muslimbrüder feiern Mohammed als ersten Gründer eines sozialistischen Staates

 

2.3.3. Mit der arabischen Niederlage im 6 Tage Krieg gegen Israel 1967 scheitert das sozialistische Experiment. Die Haltlosigkeit der Versprechen werden für die Massen klar.

 

2.3.4. Hinwendung zum Islamismus. Er beschwört die glorreiche Vergangenheit des Islam und abstrahiert somit von der bedrückenden Gegenwart. Zum sozio-ökonomischen kommt jetzt ein sozio-kultureller Aspekt hinzu.

Der Islamismus vermittelt kulturelle Würde und Selbstfindung.

 

3. Der Westen und die Länder der 3. Welt nach 1945

Kandil weist darauf hin, daß seit 1945 die Industrieländer offen und direkt in 78 Fällen an militärischen Konflikten in der 3. Welt beteiligt waren. Dazu komme das, was die Statistiken nicht wiedergeben, weil der Begriff "militärische Intervention" die Realität nicht ausreichend wieder gibt. Nach Kandil haben die Industrieländer auf vielfältige Weise die Kriege in der Dritten Welt mit initiiert, geschürt, ausgeweitet und ausgenutzt. Die Einflußnahme reicht von sog. Militärhilfe, dem Abschluß von militärischen Beistandspakten, militärischen Kooperationsabkommen, Waffenhandel, die Finanzierung von Waffenkäufen, die Einrichtung logistischer Infrastruktur, die militärische Ausbildung, die Entsendung von Militärberatern und der Transfer von rüstungstechnologischem know how, u.ä.m.

 

Aus westlicher Perspektive erfolgten diese Interventionen freilich immer mit dem Ziel, den Weltfrieden aufrecht zu erhalten. Durch diese Interventionen wurde jedoch zugleich eine Weltordnung stabilisiert, deren Strukturen die Interessen der Staaten des industrialisierten, ökonomisch und technisch hochentwickelten Nordens systematisch begünstigt. Die sog. unterentwickelten Staaten des Südens dagegen werden dadurch systematisch benachteiligt. In dieser Entwicklung zeige sich die strukturelle Gewalt im vom Westen dominierten Weltsystems. Diese Erfahrungen haben auch die Länder der islamischen Welt geprägt.

 

4. Aspekte zur Entstehung von Fundamentalismus / Reislamisierung und Politisierung von Religion

1. Kulturelle Abwehrreaktion

Reislamisierung kann entstehen als Kulturelle Abwehrreaktion einer in die Defensive geratenen Kultur gegenüber der sich weltweit ausbreitenden europäischen Moderne. Die Anpassungsleistung wird als Über-forderung empfunden (Iran unter Kohmeni). Das stark angeschlagene Selbstwertgefühl verlangt nach Abgrenzung. Dadurch entsteht eine unberechenbare Komponente in der Politik.

 

2. Die eigene Kultur wird als Lösungsmodell für die Probleme der Gegenwart entdeckt als Reaktion auf das Scheitern der bisherigen sozio-ökonomischen Entwicklungsbemühungen. Auch in den Entwicklungsländern ist der Wohlstand Ziel der nach Befriedigung ihrer materiellen und existentiellen Bedürfnissen strebenden Menschen. Diese Bedürfnisse treiben die Massen in die Arme derjenigen, die Heilslehren und Erlösung in jeder Hinsicht versprechen.

 

3. Die Politisierung des Islam ist eine religiöse Artikulierung eines Protestes gegen erfahrene Benachteiligungen. Der Protest richtet sich in erster Linie gegen heimische Despoten, korrupte Politiker, autoritäre Regime und gegen unerträgliche soziale Ungerechtigkeit..

Er richtet sich in zweiter Linie gegen den Westen, der solche Systeme und damit die unerträglichen Zustände stützt. Der Westen wird zum Hauptfeind.

 

4. Dieses Feindbild Westen erhält eine religiöse Untermauerung und wird damit zu einer qualitativen Verschärfung der Gegensätze zwischen islamischer Welt und dem Westen. Die realen Hintergründe werden religiös vernebelt, was zu starker Emotionalsierung führt.

 

nach: Kandil, Fuad,; Fundamentalismus und Politisierung des Islam: Überlegungen aus der Sicht einer angestrebten Weltfriedensordnung, in: Bertsch, Ludwig (Hrsg.), Christen und Muslime in der Verantwortung für eine Welt- und Friedensordnung, S.5 ff,Frankfurt 1992, Stiftung Hochschule St. Georgen, Offenbacher Landstr. 224, 60599 Frankfurt