Islam - Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette
Recep Tayyip Erdogan
Vor zwei Jahren musste Recep Tayyip Erdogan eine viermonatige Haftstrafe wegen Volksverhetzung antreten. Da meinten viele, seine politische Karriere sei beendet. Aber jetzt ist er wieder da. Ihren Wahlsieg verdankt die türkische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) nicht zuletzt dem Charisma und den rhetorischen Talenten ihres 48-jährigen Führers.
,Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.' Jene Zeilen aus einem religiösen Gedicht, die Recep Tayyip Erdogan 1998 öffentlich vortrug, reichten der türkischen Justiz, um ihn wegen Volksverhetzung zu verurteilen. Für einen Parlamentssitz durfte Erdogan wegen der Vor- strafe nicht kandidieren, auch Ministerpräsident kann er deshalb nicht werden. Möglicherweise muss er auf Weisung des Verfassungsgerichts sogar den Parteivorsitz abgeben. Aber auch ohne Amt zieht er im Hintergrund die Fäden.
Erdogan ist eine schillernde Figur. Für die einen ist er der türkische Hoffnungsträger, für die anderen der Wolf im Schafspelz. .........
Weniger gern lässt er sich daran erinnern, dass er als Oberbürgermeister versuchte, den Alkoholausschank einzuschränken, getrennte Schulbusse für Mädchen und. Jungen einzuführen und klassische Musik, Ballett sowie westliche bilden- de Kunst aus dem Kulturleben der kosmopolitischen Metropole zu verbannen. Möglichst in Vergessenheit geraten sollen auch Erdogans feurige Reden aus früheren Jahren. Damals brüstete er sich als ,Imam von Istanbul', prophezeite eine zu- künftige große islamische Eroberung' und versprach seinen Anhängern: Wir werden uns erheben! Wenn Allah will, beginnt der Aufstand!' .......
Sein Vater schickte ihn auf ein Imam Hatip Gymnasium, eine Religionsschule, in der die Imame, die islamischen Vorbeter, ausgebildet werden. .......... Noch während der Schulzeit schloss er sich der fundamentalistischen Heilspartei an, wurde Vorsitzender der Istanbuler Jugendorganisation der Partei, später Bezirksvorsitzender und 1994 Oberbürgermeister. .......... Aber politisch gibt sich der einstige Fundamentalist nun ganz geläutert. Religiöse Themen klammerte er im Wahlkampf völlig aus. Erdogan selbst bezeichnet sich als strenggläubigen Moslem, aber das sei seine Privatsache, sagt er, und kein Politikum.
Quelle: Frankfurter Rundschau 5.11.02, S. 2, Hintergründig, Recep Tayyip Erdogan