VON JÖRG SCHINDLER
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Einmal ist Seyran
Ates gefragt worden, warum sie sich das alles antut. Wieso sie sich den
Drohungen aussetzt,
den Hassbriefen, den
öffentlichen und halböffentlichen Schmähungen. Wieso sie immer weiter macht,
obwohl im
Zweifelsfall wohl
niemand da wäre, um sie zu schützen. Wieso sie nicht einfach schweigt.
"Wenn ich nicht reden
kann", hat sie
geantwortet, "dann ist das, wie tot zu sein." Natürlich habe sie auch
Angst. Aber deswegen aufhören?
Jetzt macht Seyran
Ates doch Schluss. Zumindest mit einem Teil ihrer Arbeit. "Ich habe im
August 2006 meine
Zulassung als
Rechtsanwältin aufgegeben", heißt es auf der Internetseite der
43-Jährigen. Dann folgt eine Erklärung,
die in wenigen Sätzen
gleich dreimal das Wort "Bedrohung" enthält. Eine der mutigsten
Streiterinnen für Frauenrechte
beugt sich dem Druck
der Straße: Am Montag gab es kaum jemanden in Berlin, der sich darüber nicht
bestürzt zeigte.
Vielleicht auch
deshalb, weil man es von ihr am wenigsten erwartet hätte.
Als der Islam ins
Blickfeld des Interesses zu rücken begann und als Stichworte wie
"Zwangsheirat", "Ehrenmord",
"Kopftuch"
zunehmend in deutsche Schlagzeilen drängten, fing auch das öffentliche Leben
von Seyran Ates an.
Die eloquente
Juristin schien wie geschaffen als Kronzeugin gegen eine Religion, die von
vielen nurmehr im Zusammenhang
mit Terror
wahrgenommen wird: In Istanbul geboren, in Berlin aufgewachsen war sie selbst
aus einer fundamentalistischen
Familie geflohen, um
fortan vor allem unterdrückten Musliminnen zu helfen. Einmal hätte sie dafür
selbst beinahe mit dem
Leben bezahlt: 1984
war es, als ein Türke im Kreuzberger Frauenladen eine Besucherin erschoss und
Ates schwer verletzte.
Sechs Jahre benötigte
sie, um zu genesen.
Seither führt die
Anwältin und Autorin ihren Kampf umso vehementer. Und wenn sie gefragt wird,
antwortet sie - nicht
selten provokativ.
Frauen, erklärte Ates, seien "Sklavinnen auf dem muslimischen
Ehemarkt"; viele junge Musliminnen
müssten sich auf
Analverkehr einlassen, weil das "die beste Verhütungsmethode" sei.
"Diese Anwältin ist irre geworden",
titelte daraufhin die
türkische Hürriyet und startete eine Kampagne. Ates ließ sich nicht
beeindrucken. Auch die Linken
schonte die
SPD-Politikerin nicht. Blauäugige "Multi-Kulti-Fanatiker" seien das
und "Wattebäuschenwerfer". Linke,
Liberale und
Feministinnen seien "immer nur ratlos" angesichts des islamischen
Fundamentalismus, sagte sie der taz.
Das sei ein
"tödlicher Fehler". Auch damit machte sie sich wenig, manchmal sogar
die falschen Freunde. Stoppen
aber konnte sie
niemand.
Nach einem Vorfall im
Juni geriet die 43-Jährige jedoch ins Grübeln. Da musste sie nach einem Scheidungstermin
bei
Gericht miterleben,
wie der Ex-Ehemann ihre Mandantin zusammenschlug und auch sie bedrohte. Ates
erstattete Anzeige - bis
heute, sagt sie
enttäuscht, sei nichts geschehen. Vor sich selbst und vor ihrer zweijährigen
Tochter könne sie das permanente
Risiko nun nicht
länger verantworten. Auch der Hilfsorganisation "terre des femmes"
steht sie ab sofort nicht mehr zur Verfügung-
Dass Seyran Ates ganz
schweigen wird, ist jedoch nicht zu erwarten. "Ich werde meine politische
Arbeit fortsetzen", ließ
die erschöpfte
Aktivistin wissen. Ihre Gegner werden das sicher als Drohung verstehen.
Frankfurter Rundschau, 5.9.06, S. 4