Die Sensation von Istanbul:
Muslimische Würdenträger und Intellektuelle verabschieden ein Manifest gegen
den fundamentalistischen Terror.
Hoch oben über Istanbul, im
alten Palast der Sultane, mit Blick auf das Goldene Horn, hatte sich am
vergangenen Wochenende die erstaunlichste Versammlung von muslimischen
Würdenträgern und Führungsfiguren eingefunden, die Europa seit langem gesehen
hat. Der Großmufti von Bosnien und Herzegowina, Mustafa Ceric aus Sarajevo,
trug im vollen Habit vor der Silhouette der Süleymanye-Moschee das Manifest der
europäischen Muslime vor – die Topkap-Erklärung.
Einige der größten
Autoritäten der sunnitischen Welt saßen im Publikum – der umstrittene Jussuf
Al-Karadawi aus Katar, der Mufti Ägyptens, Ali Gomaa, und der greise Scheich
Bin Bayyah aus Saudi-Arabien. Ihnen zur Seite standen die populären
Intellektuellen der jungen Generation – der Fernsehprediger Amr Khaled aus
Ägypten, Hamza Jusuf aus Amerika und der Schweizer Tariq Ramadan. Die
Weltspitze des Islams war aus Ost und West gekommen, um die Grundsatzerklärung
der europäischen Muslime zu beglaubigen. Sie enthält unmissverständliche Worte
zum »Krebsgeschwür des Terrorismus«: »Wir verurteilen und verabscheuen die
gewalttätigen Aktionen einer kleinen Minderheit von Muslimen, die Gewalt und
Terror gegen ihre Nachbarn und Mitbürger entfesselt haben, indem sie die Lehre
des Islams verdrehen.«
Diese Worte waren unter den
Teilnehmern des vorangegangenen zweitägigen Kongresses heftig umstritten,
besonders angesichts der dramatischen Ereignisse im Gaza-Streifen. So wurde ein
Passus aufgenommen über »die Ungerechtigkeiten und Leiden, wie etwa in
Palästina«, die »zur Hoffnungslosigkeit und zur Verzweiflung vieler Muslime auf
der ganzen Welt beigetragen haben«. Wohlgemerkt: Die Lage der Palästinenser
trägt zur Verzweiflung bei, sie ist nicht deren alleinige Ursache. Das ist ein
Bruch mit der apologetischen Haltung, die den Terrorismus allein als eine
Reaktion auf den Nahostkonflikt erklärt. Diese zurückhaltende Sprache kann man
als Versuch der europäischen Muslime sehen, sich von der Dominanz des
Nahost-Themas zu emanzipieren, ohne sich zu entsolidarisieren.
Die europäischen Muslime
haben auch wahrlich genügend eigene Probleme, wie in Istanbul deutlich wurde.
Die brennenden Vorstädte von Paris, die Londoner und Madrider Attentate und die
Gefängnisse voller junger Muslime überall in Europa waren das eigentliche Thema
der Tagung. Vom Karikaturenstreit, der kaum erwähnt wurde, ist ein Gefühl des
Unerwünschtseins geblieben. In Istanbul wurde nach Wegen gesucht, aus der
Defensive zu kommen, nach Wegen aus der »Opfermentalität«, die viele Redner
verurteilten.
Die junge Soziologin Hebba
Rauf Izzat aus Kairo kritisierte die Tendenz zur »Einkapselung«. Statt das
Anderssein zu kultivieren, solle man sich lieber fragen, was die Muslime zum
Florieren der europäischen Gesellschaften beitragen könnten. Moscheen sollten
keine Reservate sein, in denen Muslime ungestört eine möglichst reine Identität
ausbilden könnten, sondern »offene, zivile Räume«.
Tariq Ramadan ging noch
weiter in der Selbstkritik: »Häusliche Gewalt, Zwangsheiraten und die
Ungleichheit von Mann und Frau müssen wir in unserem eigenen Interesse
kritisieren – nicht nur, weil es uns von außen nahe gelegt wird.« Drakonische
Strafgesetze in islamischen Ländern – wie etwa Steinigung von Ehebrecherinnen –
nannte er »unislamisch«. Er zeigte sogar Verständnis dafür, dass sich viele
Europäer vor dem Islam fürchteten: »Nicht jede Kritik an uns ist mit
Vorurteilen und Islamophobie zu erklären. Die Europäer haben gute Gründe, Angst
zu haben, wenn sie vorgeführt bekommen, was Muslime anrichten.« Die
friedliebenden Muslime müssten sich den Medien öffnen und sich als »kritisch
loyale« Bürger ihrer Nationen verstehen. Ihre Kritik sollten sie nicht aufgrund
islamischer, sondern auf der Basis britischer, deutscher, französischer Werte
formulieren. Das Ziel müsse ein »neues Wir« sein. Darum gelte es, die alten
Streitigkeiten der Herkunftsländer hinter sich zu lassen und die »vielen guten
Elemente der europäischen Kultur« anzuerkennen – wie Rede- und
Religionsfreiheit, Rechtsstaat und Demokratie.
Die Schlusserklärung trägt
deutlich die Handschrift des in Oxford lehrenden Tariq Ramadan. »Die
europäischen Muslime sind heute in Europa zu Hause. Sie haben Beiträge zu
Europas Vergangenheit geleistet und sind Anteilseigner (stakeholders) seiner Zukunft.« Sie hätten »große Chancen, sich als
Bürger in einer pluralistischen Umgebung zu entfalten und vom Zugang zu
Bildung, Wohlstand und Entwicklung zu profitieren. Als Bürger sind Muslime
durch das islamische Recht verpflichtet, den Gesetzen ihrer Länder zu gehorchen,
besonders wenn sie Religionsfreiheit und soziale Gerechtigkeit genießen. Als
loyale Bürger sind sie verpflichtet, ihre Länder gegen Aggressoren zu
verteidigen.« Das ist ein Perspektivwechsel von der Umma auf die europäische
Bürgergesellschaft als Bezugspunkt.
Die Erklärung ist eine
Reaktion auf die Londoner Attentate vom 7. Juli vergangenen Jahres. Die
Konferenz sollte nicht zuletzt auch ein Signal kurz vor dem Jahrestag der
Anschläge senden. Es war ein geschickter kulturdiplomatischer Akt des britischen
Außenministeriums, das Geld für das Treffen bereitzustellen. Die britische
Regierung war klug genug, die Einladungspolitik den Muslimen zu überlassen und
Istanbul als symbolischen Ort zwischen den Welten zu wählen. Denn hier war es
möglich, islamische Autoritäten einzubeziehen, die im Westen nicht akzeptabel
wären – wie Scheich Al-Karadawi, der die »Märtyreroperationen« in Israel und im
Irak gerechtfertigt hat. In Istanbul saß er nun geduldig im Publikum und nahm
zur Kenntnis, dass europäische Redner Mal um Mal Selbstmordterrorismus als
unerträglich und unislamisch brandmarkten.
Die britische Regierung hat
erkannt, dass sie selbstbewusste Partner unter den Muslimen braucht, wenn sie
die Entfremdung der islamischen Jugend stoppen will. Sie hat dafür in Kauf
genommen, dass in Istanbul einige Gruppen vertreten waren, die in ihren
Heimatländern sehr skeptisch gesehen werden – wie etwa die den Muslimbrüdern
nahe stehende UOIF aus Frankreich und die in Deutschland als islamistisch
verteufelte Milli Görüs. Die Topkap-Erklärung gibt dieser Haltung Recht. An
einem loyalen, selbstbewussten und sichtbaren Islam müssten alle Europäer
interessiert sein. Das nächste Treffen sollte in London, Paris oder Berlin
stattfinden.
Quelle: DIE ZEIT, 6.7.06, S. 38
http://www.zeit.de/2006/28/Tagung-Muslime