ES GEHÖRT ZU DEN
STEREOTYPEN der Äußerungen von führenden europäischen Politiken nach
terroristischen Anschlagen, die dem islamischen terroristischen Umfeld
zugeordnet werden, einerseits darauf hinzuweisen, daß ein Generalverdacht gegen
alle Muslime in der Welt und zumal gegen die muslimischen Migranten in
Westeuropa nicht berechtigt ist, andererseits aber auch die Forderung zu
erheben, daß sich die Muslime deutlich von den terroristischen Aktionen, die im
Namen des Islams erfolgt sind, distanzieren. Immer wieder hort man die
Formulierung, daß diese Distanzierung noch langst nicht eindeutig genug erfolgt
ist. Muslimische Apologeten erklären dann in der Regel, daß der Islam ein
Lehramt, vergleichbar dem z.B. in der katholischen Kirche, nicht kenne und daher
keine «Exkommunikation» ausgesprochen werden könne. Im übrigen sei ein Ausschluß
aus der Glaubensgemeinschaft der Muslime nicht möglich, da der Status eines Gläubigen
eine Angelegenheit zwischen Gott und dem einzelnen Individuum sei und nicht von
religiösen Autoritäten entschieden werden konnte. Diese Darstellungen finden in
den westlichen Medien größere Aufmerksamkeit als andere muslimische Positionen.
Daran ändert sich auch nichts, wenn der Rektor der Azhar-Universitat in Kairo,
Scheich al-Tantawi, sich äußert. In einer der größten deutschen
Tageszeitungen hat der Leiter der wichtigsten Stätte sunnitisch-islamischer Gelehrsamkeit
eine eindeutig ablehnende Haltung gegenüber terroristischen Anschlagen und
Selbstmordattentaten, die im Namen des Islams erfolgen, zum Ausdruck gebracht..
Scheich al- Tantawi gilt als ein ebenso moderner wie moderater Sprecher des
Islams.
Auch einer der
konservativen sunnitischen Fernsehpredigern, Yusuf al-Qardawi, dem Nähe zu
einer der ältesten islamitischen Organisation, den Muslim-Brüdern, zugeschrieben
wird, hat sich scharf gegen jede Form von Terrorismus ausgesprochen. Scheich
al-Qardawi, der in dem bekannten Satelliten-Sender al-Jazira ein überaus
erfolgreiches Fernsehprogramm hat, in dem er ebenso zu allgemeinen wie
speziellen Fragen des islamischen Lebens Stellung nimmt, hat auch jede Form von
Selbstmordattentaten eindeutig verurteilt.
Nun mag man diese
beiden Äußerungen als Einzelmeinungen abtun, auch wenn sie von prominenten
muslimischen Gelehrten stammen, die im übrigen in vielen anderen Fragen
eindeutig unterschiedlicher Meinung sind. Ende Februar 2004 hat sich jedoch
eine große Anzahl von führenden muslimischen Gelehrten und Politikern in der
indonesischen Hauptstadt Jakarta zu einer internationalen Konferenz
zusammengefunden, zu der auch westliche Beobachter aus Politik und Wissenschaft
als Teilnehmer eingeladen waren. Dieses Treffen war um so wichtiger, als
Indonesien im Oktober 2002 in Bali und im August 2003 in Jakarta Ziel eines
Anschlags von radikalen Muslimen gewesen war. Die Initiative zu dieser
Konferenz war von der Organisation der islamischen Staaten (Organization
of Islamic Countries, OIC) ausgegangen. Diese Vereinigung von Staaten mit
muslimischer Mehrheit existiert seit 1969. Infolge von immer wieder
entstehenden internen Spannungen und unterschiedlichen Interessen hat die OIC
nur selten die Hoffnungen erfüllen können, die viele Menschen in der
islamischen Welt auf sie gesetzt ha- ben. Nur selten ist es ihr gelungen, militärische
Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Mitgliedsstaaten zu verhindern. Man
kann aber davon ausgehen, daß sie zumindest in einigen Fallen zu einer
Beendigung solcher Konflikte auf diplomatischem Wege beigetragen hat. Die OIC
verfügt also durchaus über Autorität innerhalb der islamischen Welt. Die Durchführung
der Konferenz von Jakarta lag in den Händen der Nahdat ul Ulama (Bewegung
der islamischen Gelehrten), die nicht nur die größte religiöse Organisation
Indonesiens ist, sondern die größte islamische Nicht-Regierungs-Organisation
der Welt überhaupt. Die Nahdat ul Ulama hat mehr als 45 Millionen Mitglieder.
Ihr Einfluß auf das islamische Denken ist auch auf ganz praktische Umstande zurückzuführen.
Sie ist in Indonesien gegründet worden. Dieses Inselreich gilt als das Land mit
der zahlenmäßig größten islamischen Bevölkerung überhaupt. Die geografischen
Bedingungen des Landes, das aus einer kaum zählbaren Anzahl von Inseln besteht,
haben es mit sich gebracht, daß sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Formen
des Islams entwickeln konnten, die westliche Beobachter gerne als einen
islamischen Synkretismus beschreiben. Zwar haben sich, wie das Attentat von
Bali gezeigt hat, auch radikale Strömungen etablieren können, die überwältigende
Mehrheit der indonesischen Muslime folgt jedoch ausgesprochen toleranten
Vorstellungen. Der Erfolg und die Autorität der Nahdat ul Ulama ist darauf zurückzuführen,
daß sie diese tolerante Grundhaltung der Mehrheit der indonesischen Muslime
durch ihre dogmatischen Positionen theologisch untermauert. Sie verbreitet auf
verschiedenen Wegen diese Position über den indonesischen Raum hinaus in der
islamischen Welt. Eine weitere Ursache für den Einfluß der Organisation mag
auch in der Tatsache gesehen werden, daß die Führung der Nahdat ul Ulama eine
große personelle Kontinuität aufweist. So wurde sie von 1984 bis 1999 von Dr. Abdurrahman
Wahid als Generalsekretär geführt, der kurze Zeit Staatspräsident
Indonesiens war und sich trotz seines angegriffenen Gesundheitszustandes großer
Verehrung in der Bevölkerung erfreut. Sein Großvater hatte die Nahdat ul Ulama
1926 gegründet. Auch sein Vater war in der Organisation an führender Stelle tätig.
Diese Kontinuität, die sich auch inhaltlich festmachen laßt, hat zu einer Verlässlichkeit
geführt, die für die Mitglieder und Anhänger der Organisation von großer
Bedeutung ist. Man kann die Mitglieder der Nahdat ul Ulama als Vertreter eines
modernen, aufgeschlossenen Islams bezeichnen, auch wenn angesichts der Größe
der Organisation unterschiedliche, ja divergierende Positionen nicht
ausgeschlossen werden dürfen.
Die Nahdat ul Ulama
hatte zu dieser Konferenz neben Vertretern der westlichen Wissenschaften, die
sich mit dem Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen befassen, prominente
Muslime aus Südostasien, Südasien und der arabischen Welt ein- geladen. Neben
Wissenschaftlern waren Repräsentanten islamischer Regierungs- und
Nicht-Regierungs-Organisationen anwesend, ferner Intellektuelle, Politiker,
Wirtschaftsführer und Medienvertreter. Die Konferenz stand unter dem Motto «Den
Islam hochhalten als Ranmatan lil Alamin». Die arabischen Worte stammen aus der
2. Sure des Koran und wurden von den Veranstaltern in einer originellen
Interpretation verstanden als «Gnade für die beiden Welten», also die
islamische Welt und den Westen. Die Teilnehmer an der Konferenz trafen sich in
drei Arbeitsgruppen. Diese waren «Islam, Frieden und Entwicklung», «Islam und
die wirtschaftliche Entwicklung» und «Medien und ihre Herausforderungen gegenüber
der modernen Welt». Vor allem in der ersten Arbeitsgruppe wurden Themen
angeschnitten, die für den Dialog zwischen dem Islam und der westlichen Welt
von besonderer Bedeutung sind. Es ging um die Haltung des Islams gegenüber
zentralen Begriffen westlichen Selbstverständnisses wie Freiheit, Toleranz,
Demokratie, Friede und Erziehung, Menschenrechte und um das Miteinander
verschiedener Kulturen oder Zivilisationen und die Vermittlung dieser Werte
durch Erziehung. Lebhafte Diskussionen zeigten die unterschiedlichen Positionen
bekannter muslimischer Denker auf, wobei Sprecher aus der arabischen Welt häufig
dem Westen gegenüber kritischer auftraten als solche aus Süd- und Südostasien.
Wahrend die Äußerungen in der Arbeitsgruppe zu Fragen der Wirtschaft in dieser
oder einer ähnlichen Form auch auf vergleichbaren Foren, z.B. in Davos, zu hören
sind, machte die Arbeitsgruppe zu Medienfragen deutlich, wie schwer sich muslimische
Autoritäten mit den rasanten Veränderungen im Bereich der neuen Medien tun.
Problematisch sind dabei aus deren Sicht einerseits die Unterhaltungsmedien,
die in ihren Angeboten muslimischen Moralvorstellungen auf eklatante Weise
wider- sprechen. Andererseits nutzen muslimische Fernsehprediger diese Medien,
um ihrem so verstandenen Erziehungsauftrag gegenüber der Gemeinschaft der
Muslime gerecht zu werden.
Auch die Veränderungen
im Bereich der Kommunikationsmedien wie dem Internet erfordern ein Umdenken
auch der religiösen Autoritäten. Da sich Repressionsmaßnahmen wie das Verbot
von Satellitenantennen als wenig effektiv erweisen werden aus der Sicht der
islamischen Gelehrten andere Schritte eingeleitet werden müssen, um die
positiven Seiten dieser Entwicklung zu fordern und die negativen einzudämmen.
Zum Abschluss der
Veranstaltung diskutierten die Teilnehmer den Entwurf einer Deklaration, die
wegen verschiedener Einwände nicht verabschiedet wurde, aber dennoch ein
lesenswertes Dokument der Haltung einer weltweit operierenden islamischen
Organisation darstellt. Unter den zahlreichen Punkten sind einige besonders
hervorzuheben. So wird festgestellt, daß Unterschiede zwischen einzelnen
Kulturen und Zivilisationen eine Gnade Gottes sind. Dies impliziert, daß Gott
die Menschen auffordert, diese Unterschiede zu akzeptieren und zu tolerieren.
In einem anderen Punkt wird darauf hingewiesen, daß die Lehren des Islams die
Werte der menschlichen Würde betonen und die Aufrechterhaltung harmonischer interreligiöser
Beziehungen fordern. Die Gelehrten verurteilen Akte des Terrorismus in jeder
Form und lehnen die Identifikation von Terrorismus mit irgendeiner Religion ab.
Sie stellen fest, daß der Kampf gegen den Terrorismus nur gewonnen werden kann,
wenn konzentrierte und ausgewogene Maßnahmen ergriffen werden, die die Wurzeln
des Terrorismus bekämpfen, als da sind Armut, Ungerechtigkeit und Intoleranz.
Sie unterstützen alle Bemühungen von verschiedenen Gruppen in der
internationalen Gemeinschaft, die das Ziel haben, Frieden, Sicherheit und
Wohlstand zu bewahren und die Prinzipien von gegenseitigem Respekt, Toleranz
und globaler friedlicher Koexistenz fordern. Neben diesen auf den globalen
Kontext bezogenen Feststellungen äußern sich die Gelehrten auch zu
innerislamischen Fragen. Diese Punkte sind insofern interessant; als sie zentrale
Fragen der Probleme islamischer Gesellschaften ansprechen. Die Gelehrten
unterstützen alle Bemühungen, die Stellung der Frau innerhalb der muslimischen
Gemeinschaft in Übereinstimmung mit den islamischen Werten zu verbessern. Sie äußern
sich überzeugt, daß die islamischen Wertvorstellungen geeignet sind, Armut und Rückständigkeit
in der muslimischen Gemeinschaft zu bekämpfen. Dies sol1 unter anderem
geschehen durch die Einrichtung von zentralen Unterrichts- und
Forschungseinrichtungen. Sie verlangen die Einrichtung von Rundfunk- und
Fernsehprogrammen, die ein unverfälschtes Bild vom Islam, seinen Werten und dem
Leben der Muslime in al1er Welt vermitteln. Nicht zuletzt auf diese Weise sol1
der Dialog zwischen den Kulturen gefordert werden.
Gleichzeitig wurde
ein Aktionsplan entworfen, der die Realisierung der in der Deklaration
formulierten Forderungen befordern soll. Auch hier geht es vornehmlich um
Fragen der Verbesserung des Erziehungswesens, wobei eine Vereinheitlichung der
Lernziele angestrebt werden soll. Im Vordergrund sol1en dabei Themen wie die
Verbesserung des Verständnisses von Demokratie, die Forderung der
Menschenrechte und der Kampf gegen die Korruption stehen. Im wirtschaftlichen
Bereich wird eine größere Zusammenarbeit zwischen islamischen
Wirtschaftsinstitutionen und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen islamischen
Banken empfohlen. Ziel dieser Bemühungen soll es sein, die wirtschaftliche und
soziale Lage in der islamischen Welt zu verbessern. Im Rahmen der
Mediendiskussionen fordern die Gelehrten eine konsequente Nutzung aller
modernen Medien, um das internationale Bild des Islams zu verbessern, aber auch
die Ausbildung und Erziehung von Muslimen iiberal1 in der Welt zu fordern.
Anhand der
vorliegenden Dokumente kann man feststellen, daß aus der Sicht der führenden
islamischen Rechtsgelehrten vor allem die Frage der Erziehung von zentraler
Bedeutung ist. Dabei können sich die Erziehungsinhalte nicht al1ein auf
technische oder naturwissenschaftliche Themen beschränken. Es muß vielmehr
darum gehen, Muslimen die Breite und Flexibilität des Islams zu vermitteln und
so eine Gegenposition gegen verengte radikal-islamische Vorstellungen
aufzubauen. Ein konkretes Ergebnis der Konferenz von Jakarta war, daß die
«International Conference of Islamic Scholars» sich in einem zweijährigen
Rhythmus treffen will, um die Themen der Jakarta-Konferenz weiterzuentwickeln.
Peter Heine,
Berlin
Quelle: Orientierung, Katholische Blätter für weltanschauliche Informationen, Zürich, Nr. 8, 30.4.04, S. 85 ff