Die Jakarta -Konferenz 2004

 

ES GEHÖRT ZU DEN STEREOTYPEN der Äußerungen von führenden europäischen Politiken nach terroristischen Anschlagen, die dem islamischen terroristischen Umfeld zugeordnet werden, einerseits darauf hinzuweisen, daß ein Generalverdacht gegen alle Muslime in der Welt und zumal gegen die muslimischen Migranten in Westeuropa nicht berechtigt ist, andererseits aber auch die Forderung zu erheben, daß sich die Muslime deutlich von den terroristischen Aktionen, die im Namen des Islams erfolgt sind, distanzieren. Immer wieder hort man die Formulierung, daß diese Distanzierung noch langst nicht eindeutig genug erfolgt ist. Muslimische Apologeten erklären dann in der Regel, daß der Islam ein Lehramt, vergleichbar dem z.B. in der katholischen Kirche, nicht kenne und daher keine «Exkommunikation» ausgesprochen werden könne. Im übrigen sei ein Ausschluß aus der Glaubensgemeinschaft der Muslime nicht möglich, da der Status eines Gläubigen eine Angelegenheit zwischen Gott und dem einzelnen Individuum sei und nicht von religiösen Autoritäten entschieden werden konnte. Diese Darstellungen finden in den westlichen Medien größere Aufmerksamkeit als andere muslimische Positionen. Daran ändert sich auch nichts, wenn der Rektor der Azhar-Universitat in Kairo, Scheich al-Tantawi, sich äußert. In einer der größten deutschen Tageszeitungen hat der Leiter der wichtigsten Stätte sunnitisch-islamischer Gelehrsamkeit eine eindeutig ablehnende Haltung gegenüber terroristischen Anschlagen und Selbstmordattentaten, die im Namen des Islams erfolgen, zum Ausdruck gebracht.. Scheich al- Tantawi gilt als ein ebenso moderner wie moderater Sprecher des Islams.

Auch einer der konservativen sunnitischen Fernsehpredigern, Yusuf al-Qardawi, dem Nähe zu einer der ältesten islamitischen Organisation, den Muslim-Brüdern, zugeschrieben wird, hat sich scharf gegen jede Form von Terrorismus ausgesprochen. Scheich al-Qardawi, der in dem bekannten Satelliten-Sender al-Jazira ein überaus erfolgreiches Fernsehprogramm hat, in dem er ebenso zu allgemeinen wie speziellen Fragen des islamischen Lebens Stellung nimmt, hat auch jede Form von Selbstmordattentaten eindeutig verurteilt.

 

Nun mag man diese beiden Äußerungen als Einzelmeinungen abtun, auch wenn sie von prominenten muslimischen Gelehrten stammen, die im übrigen in vielen anderen Fragen eindeutig unterschiedlicher Meinung sind. Ende Februar 2004 hat sich jedoch eine große Anzahl von führenden muslimischen Gelehrten und Politikern in der indonesischen Hauptstadt Jakarta zu einer internationalen Konferenz zusammengefunden, zu der auch westliche Beobachter aus Politik und Wissenschaft als Teilnehmer eingeladen waren. Dieses Treffen war um so wichtiger, als Indonesien im Oktober 2002 in Bali und im August 2003 in Jakarta Ziel eines Anschlags von radikalen Muslimen gewesen war. Die Initiative zu dieser Konferenz war von der Organisation der islamischen Staaten (Organization of Islamic Countries, OIC) ausgegangen. Diese Vereinigung von Staaten mit muslimischer Mehrheit existiert seit 1969. Infolge von immer wieder entstehenden internen Spannungen und unterschiedlichen Interessen hat die OIC nur selten die Hoffnungen erfüllen können, die viele Menschen in der islamischen Welt auf sie gesetzt ha- ben. Nur selten ist es ihr gelungen, militärische Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Mitgliedsstaaten zu verhindern. Man kann aber davon ausgehen, daß sie zumindest in einigen Fallen zu einer Beendigung solcher Konflikte auf diplomatischem Wege beigetragen hat. Die OIC verfügt also durchaus über Autorität innerhalb der islamischen Welt. Die Durchführung der Konferenz von Jakarta lag in den Händen der Nahdat ul Ulama (Bewegung der islamischen Gelehrten), die nicht nur die größte religiöse Organisation Indonesiens ist, sondern die größte islamische Nicht-Regierungs-Organisation der Welt überhaupt. Die Nahdat ul Ulama hat mehr als 45 Millionen Mitglieder. Ihr Einfluß auf das islamische Denken ist auch auf ganz praktische Umstande zurückzuführen. Sie ist in Indonesien gegründet worden. Dieses Inselreich gilt als das Land mit der zahlenmäßig größten islamischen Bevölkerung überhaupt. Die geografischen Bedingungen des Landes, das aus einer kaum zählbaren Anzahl von Inseln besteht, haben es mit sich gebracht, daß sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Formen des Islams entwickeln konnten, die westliche Beobachter gerne als einen islamischen Synkretismus beschreiben. Zwar haben sich, wie das Attentat von Bali gezeigt hat, auch radikale Strömungen etablieren können, die überwältigende Mehrheit der indonesischen Muslime folgt jedoch ausgesprochen toleranten Vorstellungen. Der Erfolg und die Autorität der Nahdat ul Ulama ist darauf zurückzuführen, daß sie diese tolerante Grundhaltung der Mehrheit der indonesischen Muslime durch ihre dogmatischen Positionen theologisch untermauert. Sie verbreitet auf verschiedenen Wegen diese Position über den indonesischen Raum hinaus in der islamischen Welt. Eine weitere Ursache für den Einfluß der Organisation mag auch in der Tatsache gesehen werden, daß die Führung der Nahdat ul Ulama eine große personelle Kontinuität aufweist. So wurde sie von 1984 bis 1999 von Dr. Abdurrahman Wahid als Generalsekretär geführt, der kurze Zeit Staatspräsident Indonesiens war und sich trotz seines angegriffenen Gesundheitszustandes großer Verehrung in der Bevölkerung erfreut. Sein Großvater hatte die Nahdat ul Ulama 1926 gegründet. Auch sein Vater war in der Organisation an führender Stelle tätig. Diese Kontinuität, die sich auch inhaltlich festmachen laßt, hat zu einer Verlässlichkeit geführt, die für die Mitglieder und Anhänger der Organisation von großer Bedeutung ist. Man kann die Mitglieder der Nahdat ul Ulama als Vertreter eines modernen, aufgeschlossenen Islams bezeichnen, auch wenn angesichts der Größe der Organisation unterschiedliche, ja divergierende Positionen nicht ausgeschlossen werden dürfen.

 

Hauptthema: Die islamische Welt und der Westen

Die Nahdat ul Ulama hatte zu dieser Konferenz neben Vertretern der westlichen Wissenschaften, die sich mit dem Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen befassen, prominente Muslime aus Südostasien, Südasien und der arabischen Welt ein- geladen. Neben Wissenschaftlern waren Repräsentanten islamischer Regierungs- und Nicht-Regierungs-Organisationen anwesend, ferner Intellektuelle, Politiker, Wirtschaftsführer und Medienvertreter. Die Konferenz stand unter dem Motto «Den Islam hochhalten als Ranmatan lil Alamin». Die arabischen Worte stammen aus der 2. Sure des Koran und wurden von den Veranstaltern in einer originellen Interpretation verstanden als «Gnade für die beiden Welten», also die islamische Welt und den Westen. Die Teilnehmer an der Konferenz trafen sich in drei Arbeitsgruppen. Diese waren «Islam, Frieden und Entwicklung», «Islam und die wirtschaftliche Entwicklung» und «Medien und ihre Herausforderungen gegenüber der modernen Welt». Vor allem in der ersten Arbeitsgruppe wurden Themen angeschnitten, die für den Dialog zwischen dem Islam und der westlichen Welt von besonderer Bedeutung sind. Es ging um die Haltung des Islams gegenüber zentralen Begriffen westlichen Selbstverständnisses wie Freiheit, Toleranz, Demokratie, Friede und Erziehung, Menschenrechte und um das Miteinander verschiedener Kulturen oder Zivilisationen und die Vermittlung dieser Werte durch Erziehung. Lebhafte Diskussionen zeigten die unterschiedlichen Positionen bekannter muslimischer Denker auf, wobei Sprecher aus der arabischen Welt häufig dem Westen gegenüber kritischer auftraten als solche aus Süd- und Südostasien. Wahrend die Äußerungen in der Arbeitsgruppe zu Fragen der Wirtschaft in dieser oder einer ähnlichen Form auch auf vergleichbaren Foren, z.B. in Davos, zu hören sind, machte die Arbeitsgruppe zu Medienfragen deutlich, wie schwer sich muslimische Autoritäten mit den rasanten Veränderungen im Bereich der neuen Medien tun. Problematisch sind dabei aus deren Sicht einerseits die Unterhaltungsmedien, die in ihren Angeboten muslimischen Moralvorstellungen auf eklatante Weise wider- sprechen. Andererseits nutzen muslimische Fernsehprediger diese Medien, um ihrem so verstandenen Erziehungsauftrag gegenüber der Gemeinschaft der Muslime gerecht zu werden.

 

Auch die Veränderungen im Bereich der Kommunikationsmedien wie dem Internet erfordern ein Umdenken auch der religiösen Autoritäten. Da sich Repressionsmaßnahmen wie das Verbot von Satellitenantennen als wenig effektiv erweisen werden aus der Sicht der islamischen Gelehrten andere Schritte eingeleitet werden müssen, um die positiven Seiten dieser Entwicklung zu fordern und die negativen einzudämmen.

 

Die Hauptpunkte der nicht verabschiedeten Deklaration

Zum Abschluss der Veranstaltung diskutierten die Teilnehmer den Entwurf einer Deklaration, die wegen verschiedener Einwände nicht verabschiedet wurde, aber dennoch ein lesenswertes Dokument der Haltung einer weltweit operierenden islamischen Organisation darstellt. Unter den zahlreichen Punkten sind einige besonders hervorzuheben. So wird festgestellt, daß Unterschiede zwischen einzelnen Kulturen und Zivilisationen eine Gnade Gottes sind. Dies impliziert, daß Gott die Menschen auffordert, diese Unterschiede zu akzeptieren und zu tolerieren. In einem anderen Punkt wird darauf hingewiesen, daß die Lehren des Islams die Werte der menschlichen Würde betonen und die Aufrechterhaltung harmonischer interreligiöser Beziehungen fordern. Die Gelehrten verurteilen Akte des Terrorismus in jeder Form und lehnen die Identifikation von Terrorismus mit irgendeiner Religion ab. Sie stellen fest, daß der Kampf gegen den Terrorismus nur gewonnen werden kann, wenn konzentrierte und ausgewogene Maßnahmen ergriffen werden, die die Wurzeln des Terrorismus bekämpfen, als da sind Armut, Ungerechtigkeit und Intoleranz. Sie unterstützen alle Bemühungen von verschiedenen Gruppen in der internationalen Gemeinschaft, die das Ziel haben, Frieden, Sicherheit und Wohlstand zu bewahren und die Prinzipien von gegenseitigem Respekt, Toleranz und globaler friedlicher Koexistenz fordern. Neben diesen auf den globalen Kontext bezogenen Feststellungen äußern sich die Gelehrten auch zu innerislamischen Fragen. Diese Punkte sind insofern interessant; als sie zentrale Fragen der Probleme islamischer Gesellschaften ansprechen. Die Gelehrten unterstützen alle Bemühungen, die Stellung der Frau innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Übereinstimmung mit den islamischen Werten zu verbessern. Sie äußern sich überzeugt, daß die islamischen Wertvorstellungen geeignet sind, Armut und Rückständigkeit in der muslimischen Gemeinschaft zu bekämpfen. Dies sol1 unter anderem geschehen durch die Einrichtung von zentralen Unterrichts- und Forschungseinrichtungen. Sie verlangen die Einrichtung von Rundfunk- und Fernsehprogrammen, die ein unverfälschtes Bild vom Islam, seinen Werten und dem Leben der Muslime in al1er Welt vermitteln. Nicht zuletzt auf diese Weise sol1 der Dialog zwischen den Kulturen gefordert werden.

 

Gleichzeitig wurde ein Aktionsplan entworfen, der die Realisierung der in der Deklaration formulierten Forderungen befordern soll. Auch hier geht es vornehmlich um Fragen der Verbesserung des Erziehungswesens, wobei eine Vereinheitlichung der Lernziele angestrebt werden soll. Im Vordergrund sol1en dabei Themen wie die Verbesserung des Verständnisses von Demokratie, die Forderung der Menschenrechte und der Kampf gegen die Korruption stehen. Im wirtschaftlichen Bereich wird eine größere Zusammenarbeit zwischen islamischen Wirtschaftsinstitutionen und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen islamischen Banken empfohlen. Ziel dieser Bemühungen soll es sein, die wirtschaftliche und soziale Lage in der islamischen Welt zu verbessern. Im Rahmen der Mediendiskussionen fordern die Gelehrten eine konsequente Nutzung aller modernen Medien, um das internationale Bild des Islams zu verbessern, aber auch die Ausbildung und Erziehung von Muslimen iiberal1 in der Welt zu fordern.

 

Anhand der vorliegenden Dokumente kann man feststellen, daß aus der Sicht der führenden islamischen Rechtsgelehrten vor allem die Frage der Erziehung von zentraler Bedeutung ist. Dabei können sich die Erziehungsinhalte nicht al1ein auf technische oder naturwissenschaftliche Themen beschränken. Es muß vielmehr darum gehen, Muslimen die Breite und Flexibilität des Islams zu vermitteln und so eine Gegenposition gegen verengte radikal-islamische Vorstellungen aufzubauen. Ein konkretes Ergebnis der Konferenz von Jakarta war, daß die «International Conference of Islamic Scholars» sich in einem zweijährigen Rhythmus treffen will, um die Themen der Jakarta-Konferenz weiterzuentwickeln.

 

Peter Heine, Berlin

 

Quelle: Orientierung, Katholische Blätter für weltanschauliche Informationen, Zürich, Nr. 8, 30.4.04, S. 85 ff