Pressemeldung zu: Innnere Sicherheit und Islam
Von Inkompetenz und Schwachsinn
Kontroverse Positionen bei kirchlicher Veranstaltungsreihe zur Bundestagswahl
Von Ulrich Gehring
"Es soll uns niemand vorwerfen, wir hätten zu wichtigen Fragen geschwiegen", begründete Vizedekan Konrad Weil am Donnerstagabend in der Kreuzkirche im Lamboy, warum die evangelische Kirche und die katholische Basisbewegung "Wir sind Kirche" auch dieses Jahr zur Bundestagswahl eine Vortrags- und Diskussionsreihe über gesellschaftliche Themen bieten. Jeweils gut hundert Interessierte besuchten die ersten zwei von vier Veranstaltungen.
HANAU. Kurhessen-Waldecks Bischof Martin Hein betonte am ersten Abend die Bedeutung der Kirchen als transnationale Agentinnen solidarisch und gerecht gestalteter Globalisierung. Dem setzte der als Ersatzreferent eingesprungene Buchautor Hans-Peter Raddatz in dieser Woche das Bild des Islam als einer weltumspannenden Gemeinschaft entgegen, der es immer um die Macht gehe mit Europa als "Nahziel", deren- Mittel regelhaft die Gewalt und hilfsweise die Täuschung seien. Der Islam sei zudem eine dermografische Zeitbombe. Bischof Hein sprach vom Reiz fundamentalistischer Ideen für ohnmächtige Individuen in der unübersichtlichen Welt, die außer Profit kaum noch Werte kenne.
,Der Muslim' ist für Autor Raddatz jemand, der seine Persönlichkeit "gern" opfert, den es mit Stolz und Freude erfüllt, seine Individualität um Allahs willen abzustreifen, die "völlig individualitätslosen" Taliban als Modell.
Hein fordert den Kirchen für die Diskussion mit Vertretern des neoliberalen "Weiter so" ein "Mindestmaß an volkswirtschaftlichen Grundkenntnissen" ab. Referent Raddatz, der sich mit einem Orientalistikstudium und langen Geschäftsaufenthalten am Golf auswies, sagte Kirchen wie Politiker(inne)n hierzulande bezüglich des Islam Inkompetenz, Realitätsferne und Faktenresistenz nach.
Bischof Hein entwickelte aus einer schonungslosen Analyse durchaus Perspektiven für Christenmenschen. Kirchliche Aufgabe sei es: durch Bildung Kinder in die Lage zu versetzen, dass sie selbstständig und wertgeleitet leben können; Begegnung zu ermöglichen - real und nicht nur virtuell; und Heimat zu geben. "Es wäre Kleinglaube, wurden wir uns nicht an die Arbeit machen."
Raddatz sah den Dialog mit Allah-Gläubigen zwar als unumgänglich an, verlangte aber "neue Dialogtechniken". Deutsche Politik habe "kein Konzept", die nach seiner Aussage 90 Prozent nicht organisierten muslimischen Menschen anzusprechen. Tipps hierzu gab er jedoch nicht, außer dem einen, die Zuwanderung zu beschränken. Aus seiner Sicht ist das Asylrecht zu einem Aufenthaltsinstrument für Illegale vorkommen. (Bei der Aussage verließen zwei Pfarrer, etwas von "Schwachsinn" murmelnd, daß Gotteshaus.)
Raddatz' Ausführungen legten insgesamt Zweifel am Sinn von Dialog nahe. Auch der gemäßigte muslimische Nachbar, so der Autor, "marschiert", wenn ihn seine Oberen rufen. Jeder Muslim, jede Muslima also ein/e "Schläfer/in"?
So einfach wollten es sich in der anschließenden Diskussion viele nicht machen. Es gab viel Widerspruch, auch wenn etwa bei Hans-Albert Link durchaus viel Frust hochkam über den in Hanau nach zehn Jahren gescheiterten christlich-muslimischen Dialog. Nicht nur aus Christensicht unakzeptable Vorbedingungen wie die Anerkennung des Koran als letztgültiger Offenbarung führten zu dem Resultat, sondern gerade auch Eifersüchteleien innerhalb des islamischen Kulturkreises. Schulpfarrer Wolfgang Bauer kam auf die von Raddatz praktisch übergangene Lebenswirklichkeit zu sprechen. Die vielen jungen Menschen, die zwischen den Kulturen aufwachsen, gelte es zu erreichen.
Wer hätte mehr Bedarf an Wertvermittlung, an Begegnung, an Beheimatung?
Die letzten Abende der Reihe" Wohin mit dem Kreuz " sind an den Donnerstagen, 6. und 13. Juni, 20 Uhr in der Kreuzkirche: ein Vortrag von Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler: "Wie (un-)sozial ist die BRD?" und die Befragung der Wahlkreis-Kandidaten.
25.5.02
Frankfurter Rundschau 25.5.02, Lokal-Rundschau, Main-Kinzig-Kreis, Seite II