Islamismus
Radikale Botschaft, sanft im Ton
Islamisten in Deutschland predigen
nicht nur Hass, sie werben mit ewigen Werten. An ihrer Gefährlichkeit ändert
das wenig
Von dieser Buchmesse berichteten die deutschen
Medien nicht. Wozu auch? Ihre Leser, Zuschauer und Zuhörer können den Inhalt
der meisten hier präsentierten Bücher, der Videos und Hörkassetten, nicht
verstehen. Verglichen mit den großen Bücherschauen und Literaturfestivals des
deutschen Kulturbetriebs, handelte es sich bei dem 2. Berliner Buch- und
Kulturfest, das im April stattfand, nur um ein Randereignis. Die Autoren, die
von zahlreichen türkischen Verlagen präsentiert wurden, sind in Deutschland so
gut wie unbekannt.
Noch immer sitzt in unseren Köpfen die Vorstellung fest, dass das,
was wir nicht lesen und verstehen können, uns auch nicht unmittelbar betreffen
könne. Aber die Besucher, die sich an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag auf
der Berliner Buchausstellung umsehen, orientieren sich nicht an den Debatten,
die in deutschen Talkshows, Leitartikeln und Feuilletons geführt werden. Sie
suchen und finden auf jener Messe Orientierung in einem festgefügten Wertesystem
und Zugehörigkeit zu einer anscheinend intakten Gemeinschaft, die alle Bereiche
des Lebens umschließt. Alles das also, was in unserer auf individuelle
Autonomie, persönliches Glück und Massenkonsum ausgerichteten Gesellschaft so
leicht nicht zu haben ist.
Ort des Geschehens, Berlin, Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg: Die
Literatur, die hier verbreitet wird, beeinflusst einen stetig wachsenden Teil
der Bevölkerung unseres Landes. In unmittelbarer Nähe zum Kottbusser Tor liegt
das Gemeindezentrum des Vereins Mevlana Moschee, der seine Mitgliederzahl mit
„etwa 1.200“ angibt. Es ist der Ort der Veranstaltung, auf der es fast
ausschließlich Bücher zu kaufen gibt, die sich mit religiösen, ethischen und
politischen Fragen des Islams und seiner Umsetzung im täglichen Leben befassen.
Einstweilen ist das Zentrum noch in einem hässlichen Altbau
untergebracht, doch bald soll an dieser Stelle ein prächtiges „Kulturhaus“ mit
Moschee, Versammlungs- und Seminarräumen entstehen. Ein Projekt, das allerdings
umstritten ist. Manche befürchten, dass der Mevlana-Moschee-Verein der
Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) nahe stehe, die vom
Verfassungsschutz wegen ihres islamistischen Hintergrunds beobachtet wird.
Indes, die Führung der IGMG bemüht sich neuerdings um moderatere Töne.
Islamistisch – bei diesem Schlagwort denken viele Bundesbürger
weniger an die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit für jedermann als
vielmehr an so genannte Schläfer oder finster dreinblickende Mullahs. Dabei
bedeutet Islamismus weit mehr: Der Begriff steht für eine weit verzweigte
gesellschaftliche und kulturelle Bewegung, die wachsenden Einfluss auf das
Denken und das Alltagsverhalten gerade bei jüngeren Mitgliedern der islamischen
Gemeinden ausübt. Hinter der pauschalisierenden Bezeichnung „Islamismus“
verbergen sich zahlreiche Strömungen und vielfältige Ausdrucksformen.
Gewaltbereite Gruppen stellen in diesem Kosmos nur eine Minderheit dar. Aber
das Problem besteht darin, dass die Grenzlinien zu den bloß ideologisch
orientierten Aktivisten nicht immer eindeutig erkennbar sind.
Der Islamismus verbreitet eine starke Botschaft, die sich nicht
auf Hasspredigten gegen die westliche Welt reduzieren lässt. Wer sich mit ihm
auseinandersetzen will, muss zunächst sein Denken, seine Redeweisen und seine
Taktiken begreifen. Wer dies tut, erkennt, dass der Islamismus als eine offen
operierende, politisch-kulturelle Bewegung auf Dauer eine größere
Herausforderung für die westliche Verfassungsordnung sein könnte als der
Terrorismus kleiner Gruppen.
Allerdings findet diese Auseinandersetzung bisher so gut wie gar
nicht statt. Kaum eine deutsche Zeitung, Fernseh- und Rundfunkanstalt
beschäftigt innenpolitische Redakteure, die Türkisch oder Arabisch verstehen
und den Debatten in muslimischen Gemeinden folgen können. Dabei leben in
Deutschland ungefähr drei Millionen Muslime, gut zwei Drittel von ihnen stammen
aus der Türkei. Die allermeisten von ihnen verbinden mit ihrem Glauben
keinerlei politische oder gar radikale Absichten. Erschreckend genug aber, allein
bei der IGMG sammeln sich laut Verfassungsschutz 26.500 Mitglieder (siehe Überforderte Ermittler).
Die große Weltreligion Islam darf nicht mit dem Islamismus
gleichgesetzt werden. Der Islamismus ist eine politisch-ideologische Bewegung,
denn er verspricht eine ideale Gesellschaft, in der alle Widersprüche der
modernen Zeit aufgehoben und durch die Harmonie einer ganzheitlichen,
gemeinschaftlichen Ordnung ersetzt werden.
Wahr ist aber auch, dass der Islamismus ohne seine inbrünstige
Berufung auf die „einzig wahre“ Religion nicht wirksam wäre. Daraus bezieht er
einen Großteil seiner Anziehungskraft. Der Islamismus verspricht nicht bloß
eine weltliche ideale Ordnung, sondern er kann darauf verweisen, dass sie durch
den Willen einer höheren, unbezweifelbaren Macht verbürgt sei. Ein Islam ohne
Islamismus ist denkbar. Ein Islamismus ohne Islam nicht.
Bei dem ägyptischen Religionsgelehrten Mohammed Qutb, dessen
Schriften auf dem Berliner Buchfest auf Deutsch ausliegen, handelt es sich, wie
in der Einleitung erklärt wird, um den Bruder von Sayyid Qutb, einen
maßgeblichen Vordenker des modernen militanten Islamismus, der 1966 unter dem
Regime Nassers während der Repression gegen die fundamentalistische
Moslembruderschaft in Ägypten hingerichtet worden war. Mohammed Qutb wird als
„Verfasser zahlreicher Schriften und Bücher und anerkannter Gelehrter des
islamischen Rechts“ vorgestellt. Er lebe, fern seiner ägyptischen Heimat, als
Universitätsprofessor in Saudi-Arabien. Er fasst die islamistische Verheißung
so zusammen: „Wir glauben, dass der Islam das beste aller Systeme auf Erden
ist. Und wir glauben durch unsere geschichtliche, geografische und nationale
Stellung, dass der Islam der einzig mögliche Weg ist, zu Selbstachtung, Stolz
und Gerechtigkeit zu gelangen. Aber wie kann man heute, in einer
islamfeindlichen Welt, den Weg zur Verwirklichung dieses Systems gehen?“
Der Schriftgelehrte gibt selbst die Antwort: „Zur Verwirklichung
dieses Vorhabens gibt es nur einen einzigen Weg – den Glauben! Das, was diese
Religion so groß werden ließ, ist auch jetzt wieder seine Heilung … Es gibt
keinen Zweifel daran, dass sich die Menschheit eines Tages in eine Welt retten
muss, in der die Materie mit dem Geist und der Seele vereint ist. Es besteht
kein Zweifel daran, dass sie sich eines Tages in den Islam ergeben wird.“
Ein solch großes Ziel lässt sich nicht allein durch Hasspredigten,
durch Druck und Drohungen verfolgen. Die Präsentation dieser Botschaft muss
deshalb zunehmend verfeinert, die sozialen und kulturellen Angebote müssen
reichhaltiger werden. Damit werden sie für immer mehr moderne Muslime
attraktiv. Nicht nur für die ungebildeten und verelendeten Underdogs.
Von religiösen Botschaften angezogen fühlten sich offenbar auch
jene beiden Mädchen, die sich an einem der letzten Tage des Buch- und
Kulturfestes in Berlin an einem Stand für Video- und Musikkassetten
interessierten. Sie fallen auf, denn sie sind hier die einzigen weiblichen
Wesen, die kein Kopftuch tragen. Auf die Nachfrage, für welche Art von
Literatur sie sich interessieren, erklären sie in flüssigem Deutsch, sich mit
religiöser Anleitungsliteratur eingedeckt zu haben. Ihr Wunsch sei es, noch
bessere Musliminnen zu werden.
Beide sind 17 Jahre alt, in Berlin geboren, sie besuchen ein
Gymnasium. Welche Rolle die Religion in ihrem täglichen Leben spielt? „Die
allergrößte“, sagen sie mit Nachdruck. Was das für ihren Alltag praktisch
bedeute? „Wir machen bestimmte Sachen nicht, die Deutsche in unserem Alter tun,
zum Beispiel am Abend ausgehen.“ Warum sie kein Kopftuch tragen? „Wir warten
damit bis zur Hochzeit. Dann werden wir das Kopftuch anlegen.“ Dass sie einen
Mann finden könnten, der das nicht will, scheint ihnen erst gar nicht in den
Sinn zu kommen.
Scharon als Vampir
Gekauft haben die beiden Mädchen deutsche Übersetzungen türkischer
Schriften. Neuerdings werden zunehmend türkische und arabische Bücher, die den
Gläubigen die wahre Auslegung des Koran versprechen, ins Deutsche übertragen.
„Wir wollen die deutschen Ausdrücke für die Worte wissen, die im Koran
Bedeutung haben“, erläutern die Mädchen, „damit wir den Islam auch den
Deutschen erklären können.“
Zu den Angeboten auf der Buchmesse gehörten auch Exemplare der
türkischen Tageszeitung Vakit. Auf der Titelseite einer ihrer neuesten
Ausgaben ist eine Karikatur abgebildet, die einem den Atem stocken lässt. Man
sieht darauf eine Gestalt, deren Kopf aussieht wie die Weltkugel. Grimmig tippt
sie gerade einem in Stürmer-Manier gezeichneten Zerrbild des Juden –
dargestellt mit Schläfenlocken und bluttriefenden Händen – auf die Schulter.
Voller Entsetzen wendet sich dieser um: Die Gestalt mit der Weltkugel als Kopf
trägt einen Sprengstoffgürtel. Nach der gezielten Tötung des Hamas-Führers
Scheich Jassin kam Vakit, die mit einer geschätzten Auflage von rund
50.000 Exemplaren zu den zehn größten türkischen Zeitungen gehören soll, auf
der Titelseite mit der Schlagzeile „Tollwütiger Jude!“ heraus. Neben
die Balkenüberschrift platzierte das Blatt eine Collage, die den israelischen
Ministerpräsidenten Ariel Scharon mit Vampirzähnen zeigt.
Käme eine deutschsprachige Zeitung mit solcher Aufmachung daher –
die Reaktionen der kritischen Öffentlichkeit lässt sich leicht vorstellen. Vakit
dagegen wird mitten in Berlin unbeanstandet verkauft. Welche Auswirkungen die
Schlagzeilen auf die Gemütslage der Leser hierzulande haben, scheint in
Deutschland außerhalb der muslimischen Gemeinden niemand zu interessieren.
Auf diese Leser geht ein Dauerbombardement von israelfeindlichen
und antijüdischen Hasstiraden nieder. Der Palästina-Konflikt ist eines der
täglichen Hauptthemen von Vakit; das Blatt lässt keinen Zweifel daran,
wen es für den Alleinschuldigen am Blutvergießen im Nahen Osten hält. Unter der
Überschrift „Der größte Traum des Mörders ist die Israelisierung Palästinas“
heißt es in einem Beitrag: „Es wird berichtet, dass … Scharon plane, durch die
Tötung palästinensischer Führer die Spannungen zu erhöhen, um dann gegen die
gesamte Bevölkerung einen Massenmord zu verüben. Es wird betont, dass nach
diesem hinterhältigen Plan Juden aus der ganzen Welt in den geräumten Gebieten
angesiedelt werden sollen.“
Die vage Formulierung „es wird berichtet“ erlaubt es, die Quelle
dieser vermeintlichen Information im Dunkeln zu lassen. Auch achtet das Blatt
in den Formulierungen darauf, nicht unmittelbar zu weiteren Selbstmordattentaten
gegen Israel aufzurufen. Verbreitet wird diese Botschaft aber indirekt, durch
die ausführliche Wiedergabe aufgebrachter Reaktionen aus der islamischen Welt
über die Taten Israels. So wird über eine Demonstration in Istanbul berichtet,
ausführlich der Wortlaut der dort skandierten Parolen rapportiert: „Die Bürger
… trugen dabei Spruchbänder mit den Aufschriften ,Hoch die globale Intifada‘,
,Mörder Israel, raus aus dem Mittleren Osten‘, ,Israel wird im Blut der
Blutzeugen ertrinken‘“. Genannt werden des Weiteren die Sprechchöre: „Unser Weg
ist der Weg des Blutzeugen Rantisi“ und „Die Wut der Hamas wird Israel
ersticken“.
Zum Kreis jener Autoren, die auf der Berliner Bücherschau eigene
Werke signierten, gehört der in Istanbul lebende Autor Münib Engin Noyan.
Kürzlich ist die deutsche Fassung seines Büchleins Mein Qur’ân Tagebuch
erschienen, Qur’ân steht für Koran. Gestenreich erläutert Noyan einer Gruppe
von türkischen Jugendlichen den wahren Sinn des Islams, wobei er immer wieder
auf ein zerlesenes Exemplar des Heiligen Buches deutet, das er in die Höhe
hält. Er ist überzeugt, dass die Antworten auf alle Fragen des heutigen Lebens
bereits im Koran stehen, sie müssten nur entdeckt werden. Ausdrücklich bezieht
er das auch auf die Politik. Alles Leben sei von Allah geschaffen und seinem
Willen unterworfen, die Politik sei doch nur ein Teil des Lebens.
Alle Anleitung aus dem Koran
Es ist noch nicht lange her, da war Münib Engin Noyan ein in der
Türkei sehr populärer Musiker, dessen Repertoire von Folklore bis Musical
reichte, ein Idol der linken, säkularen Jugend. Mittlerweile aber widmet er
sich ausschließlich der Verbreitung seines Verständnisses vom Koran. Im
Gespräch spielt er sein Charisma als Medienstar genüsslich aus. Sein Deutsch
ist einwandfrei, er habe, betont er, eine deutsche Großmutter. Noyan scheint
kritisches Nachfragen zu mögen, seine Antworten sind präzise, die Worte muss er
nicht lange wägen. Nein, er habe sich aus dem Musikgeschäft keineswegs
zurückgezogen, weil er etwas gegen die moderne Welt habe. Der Koran biete
Anleitung für alle Lebenslagen und Epochen, folglich also auch für die heutige.
Noyan lacht, er tut alles, um den Eindruck zu widerlegen, ein strenggläubiger
Muslim sei freudlos und bigott. Die Metaphern, die er benutzt, sollen signalisieren,
dass er sich auf der Höhe der Zeit befindet. Der Islam sei wie das neueste
Microsoft-Programm, mit dem man auch alle früheren Versionen öffnen könne. So
habe auch der Islam alles, was an den früheren Religionen gut und wertvoll war,
in sich aufgenommen und diese übertroffen.
Gilt denn aber alles, was Gott über den Propheten Mohammed
offenbart hat, wörtlich und uneingeschränkt, auch die Scharia, das religiös
begründete Recht des Islam? „Aber natürlich!“, ruft Noyan. „Die Scharia ist das
oberste Gesetz der Muslime.“ Was aber ist, wenn sie mit der Verfassung eines
Landes wie Deutschland in Konflikt gerät, müssen sich Muslime dann trotzdem
streng an sie halten? Selbstverständlich, sagt Noyan bestimmt, wer die Scharia
nicht unter allen Umständen als sein oberstes Gesetz betrachte, sei kein
Muslim. Ob er damit meint, man müsse notfalls auch gegen geltende Gesetze
verstoßen, bleibt allerdings offen.
In seinem Koran-Tagebuch hat Münib Engin Noyan ein Kapitel der
Frage gewidmet, wie sich Muslime in einer nicht-muslimischen Umgebung verhalten
sollen. Er erzählt von einem türkischen Friseur in Deutschland, dem er rät,
eine deutsche Übersetzung des Korans griffbereit zu haben, um sie einem
deutschen Kunden in einem geeigneten Augenblick zum Lesen zu geben. Noyans offensives
Auftreten signalisiert ein neues Selbstbewusstsein, mit dem islamistische
Strömungen der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft neuerdings
gegenübertreten. Die Botschaft: Es gibt nichts, was ein rechtgläubiger Muslim
seinen nicht-muslimischen Mitbürgern gegenüber zu verbergen hätte.
Einer der erfolgreichsten Autoren religiös-politischer Schriften,
die auch in Deutschland verbreitet werden und auf dem Berliner Buchfest
ausliegen, ist Adnan Oktar, der unter dem Pseudonym Harun Yahya publiziert. Oktar,
1956 in Istanbul geboren, der von seinem dort ansässigen Okusan-Verlag als
„bekannter türkischer Intellektueller“ vorgestellt wird, hat angeblich bereits
mehr als zweihundert Bücher verfasst. Sie werden in zahlreichen Sprachen,
darunter Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Albanisch, vertrieben.
Unter seinen ins Deutsche übersetzten Werken gibt es auch eines zum Thema Islam
und Terrorismus. Oktar alias Harun Yahya erklärt darin, wie der
Klappentext zusammenfasst, „dass der Islam Terrorismus verbietet und auf die
Errichtung von Frieden und Sicherheit in der Welt ausgerichtet ist“.
Eine Botschaft, die für westliche Ohren zunächst beruhigend
klingt. Doch die kategorische Behauptung, Islam und Terror schlössen einander
definitiv aus, hat auch eine Kehrseite. Sie kann von den Lesern nämlich auch so
verstanden werden: dass der real existierende Terrorismus von Muslimen verübt
werde, sei unmöglich. Dann aber drängt sich die verschwörungstheoretische
Vermutung auf, terroristische Anschläge würden von Feinden des Islams begangen
und den Muslimen in die Schuhe geschoben, um ihnen zu schaden.
Verschwörungstheoretisches Denken liegt Harun Yahya, der eine
Homepage über die Machenschaften der „Freimaurer“ betreibt, durchaus nahe. In
Schriften wie Die Allianz der Tugendhaften. Gegen den moralischen Verfall
durch Unglauben zeichnet er ein simples Schwarzweißbild vom Verhältnis
zwischen Gut und Böse. Es gebe eine „Allianz der Bösen“, die für alles Unheil,
für Unterdrückung und Unfriede auf der Welt verantwortlich sei. Und Harun Yahya
lässt keinen Zweifel daran, gegen wen sich diese „Allianz“ richtet: „Die
Existenz von gläubigen Menschen“, schreibt er, „ist der Hauptgrund, warum die
Bösen sich vereinigen, denn ein Gläubiger ist ein Vertreter des Islams, Gottes
wahrer Religion, und strebt nach der Implementierung der moralischen Werte des
Quran auf Erden… Wo immer es Prostitution, Bestechung, Hochstapelei,
Glücksspiel, Betrug, Grausamkeit zu Waisen und Armen, Verschwendung, Unmoral
sowie Mangel an Liebe und Respekt gibt, ist die Allianz der Bösen aktiv.“
In einem Zirkelschluss hämmert Yahya seinen Lesern somit ein, dass
nicht sein kann, was nicht sein darf. Weil der Islam die einzig wahre Religion
Gottes sei und jene, die an ihn glauben, für das Gute stünden, müsse alles Böse
auf der Welt auf das Konto der „Ungläubigen“ gehen. Und folgerichtig
konzentrierten sie ihre üblen Bestrebungen darauf, die einzig wahren
„Tugendhaften“, nämlich die Muslime, anzugreifen. „Dies ist eine Zeit, in der
die Tugendhaften, welche bereits ihrer grundlegenden Rechte und Freiheiten
beraubt worden sind, unterdrückt und ungerecht behandelt werden, wohingegen
Schwindler, Mörder und Tyrannen die Freiheit haben, das zu tun, was sie wollen.
Wenn unschuldige und schutzlose Leute überall auf der Welt ermordet werden,
bloß weil sie an Allah glauben und weil sie sagen, dass sie Muslime sind, und
wenn solche, die sich ,Muslime‘ nennen, bei all diesem Leiden gelassen bleiben
und darüber mit einem Lächeln im Gesicht sprechen können, dann ist dies das Resultat
der Arbeit der bösen Allianz. Das Wiederherstellen von Frieden und das Sichern
von Wohlergehen, Glück, Gerechtigkeit, Toleranz, Liebe und Respekt in der Welt
ist nur durch Anerkennung und Implementierung der Werte des Quran möglich.“
Von wohl keinem deutschen Gericht könnten diese Sätze als Aufruf
zur Gewalt oder zum Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung gewertet werden. Doch
enthalten sie alle Elemente einer Argumentation, aus der sich diese
Schlussfolgerung ziehen lässt. Demnach haben sich alle „Bösen“ der Welt gegen
den Islam verschworen. Yahya gibt dafür auch jenen Muslimen die Schuld, die in
diesem Kampf passiv bleiben.
Glaube aus dem Internet
Broschüren diesen Inhalts sind nicht die einzige Form der
Verbreitung von Ideen islamistischer Strömungen. An den Angeboten im Internet
lässt sich ihre große Bandbreite ermessen. Von Schweden aus verbreitet der
marokkanische Exilant Ahmed Rami seine extremistische, antisemitische Propanda
auf seiner Homepage Radio Islam, die man in vielen Sprachen, auch auf Deutsch,
lesen kann. Dort kann man zum Beispiel sein Buch Die Macht der Zionisten
herunterladen, in dem Rami den Holocaust als „Schwindel“ bezeichnet. Außerdem
versucht er nachzuweisen, die berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion, eine
an der Wende zum 20. Jahrhundert entstandene Fälschung des zaristischen
Geheimdienstes, seien authentisch und gäben die bis heute gültigen Pläne der
„Zionisten“ zur Unterwerfung der Völker wieder. Ramis Propaganda stellt ein
Bindeglied zwischen islamistischen Extremisten und rechtsradikalen
Geschichtsrevisionisten dar.
Von solchen offen judenfeindlichen Anschauungen versuchen sich
Internet-Seiten wie www.muslim-markt.de
fern zu halten. Auf dieser Seite finden
deutschsprachige Muslime ein umfassendes Serviceangebot: Von Hinweisen auf
muslimische Schulen, auf Friseure und Hotels bis zu einer „Liste der
Speisezusätze im Hinblick auf ihre religiöse Reinheit“. Gleichwohl wurde Yavuz
Özuguz, der die Seite gemeinsam mit seinem Bruder Görhan betreibt, im Januar
dieses Jahres vom Amtsgericht Delmenhorst wegen Volksverhetzung verurteilt.
Anlass war die Veröffentlichung eines Artikels mit dem Titel Zionismus ist
Rassismus. Beanstandet wurden auch antiisraelische Äußerungen in einer von
muslim-markt wiedergegebenen Rede von Ajatollah Ali Said Chamenei, dem
mächtigsten Mann im Iran und Führer der konservativen Religiösen.
Die Brüder Özuguz stehen der iranischen Richtung des schiitischen
Islams nahe. Ihr Verein Islamischer Weg ist Teil des deutschen Ablegers des
weltweiten Netzwerks Ahl-ul-Bayt World Assembly, das von Chamenei angeleitet
wird. Mittelpunkt in Deutschland ist das Islamische Zentrum Hamburg (IZH). Nach
einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2002 schreibt die Satzung des
Vereins vor, dass der Leiter des Zentrums ein ausgewiesener iranischer Theologe
sein muss. Die Besetzung des Amtes erfolge stets von Iran aus. Das IZH ist
Mitorganisator des jährlich stattfindenden Al-Quds-Tags, an dem nach einem
Aufruf des Ajatollah Chomeini aus dem Jahre 1979 alle Muslime der Welt für die
„Befreiung Jerusalems“ demonstrieren sollen.
Die Kraft der Konvertiten
Das Zentrum ist Anziehungspunkt für regierungstreue Iraner. Doch
die Bewegung, die auf Chomeinis Idee einer Einigung aller muslimischen
Glaubensrichtungen zurückgeht, zieht auch viele Sunniten arabischer,
pakistanischer und afrikanischer Herkunft in ihre Moschee.
Ebenfalls geht die Studie der Uni Hamburg auf die wachsende Rolle
der zum Islam übergetretenen Deutschen im Gemeindeleben des Islamischen
Zentrums ein. Mit knapp einem Dutzend sei die Zahl dieser Konvertiten zwar
nicht groß, doch das Zentrum nehme zunehmend ihre Hilfe speziell für die
„Werbung für den Islam“ in Anspruch. Man setze dabei auf deren „Sprachkompetenz
und Institutionenkenntnis“. In der iranischen Gemeinde gelten sie „durch ihre
Konversion als Beweis für die Überlegenheitsideologie des Islam“. Zugleich hält
man sie aber auch für übereifrig – besonders die Frauen, die strikt auf die
Verhüllung nach den im Iran geltenden Vorschriften achten.
Deutsche Konvertiten haben mittlerweile ein loses Netzwerk aus
vielen Gruppen und Eigeninitiativen herausgebildet. Sie haben rund um
Diskussionsforen wie die Monatszeitschrift al-Islam eine breite
Debatte entwickelt, wie der Islam der deutschen Gesellschaft als einzige
Alternative zum angeblichen Verfall westlicher Werte nahe gebracht werden kann.
So präsentiert Mikail Alman auf der Website Islam Offensiv seine Ideen über die
„Werte des Westens“ und den Islam als einzigen Gegenentwurf: „Die Zeiten
wandeln sich und wir uns mit ihnen … Eines aber bleibt konstant: die
Glaubensgewissheit der Muslime. Deshalb ist der Boden, auf dem wir gehen, fest
und sicher. Deshalb haben wir das Ziel am Ende des geraden Weges immer ganz
genau im Auge. Deshalb kann uns nichts erschüttern – gerade in unseren Tagen,
in denen die Muslimen-Verfolgung weltweit forciert wird, weil der ,Westen‘ seit
dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums keine Alternative mehr hat – außer dem
Islam und seinem Gesellschaftsmodell.“
Diese erweckten deutschen Muslime suchen nach Wegen aus der
„Parallelgesellschaft“. Sie verstehen sich zunehmend als integraler Teil der
deutschen Gesellschaft und nicht mehr als exotische Randgruppe. Dabei
entwickeln sie ein nicht nur religiöses, sondern auch politisch-soziales
Missionskonzept. Als Grundlage dienen die angeblich unfehlbaren, zeitlosen
Wahrheiten des Korans. Weit auf diesem Weg vorangekommen ist der Rechtsanwalt
Abu Bakr Rieger, der die in Berlin erscheinende Islamische Zeitung
herausgibt. In dieser Monatszeitung sind allerdings in letzter Zeit auch
bemerkenswerte Zeichen der Mäßigung zu beobachten. So stellte Rieger in einem
Kommentar unlängst die Frage, ob sich die Muslime tatsächlich überzeugend genug
vom Terror distanzierten, ob sie deswegen nicht doch einmal auf die Straße
gehen sollten. Allerdings nennt Rieger den Terror durchgängig „nihilistischen
Terror“ – und drückt damit aus, dass dieser eben doch nichts mit dem Islam zu
tun habe.
Ob diese neue islamistische Szene in einen demokratischen
Diskussionsprozess eingebunden werden kann, oder ob sie zu einem Anziehungspol
auch für mehr und mehr heilssehnsüchtige Deutsche wird – das hängt nicht
zuletzt davon ab, wie selbstbewusst sich die demokratische Öffentlichkeit einer
Auseinandersetzung mit diesen Kräften stellen wird. Ignorieren oder verbieten
lässt sich der neue Islamismus nicht mehr. Er kann nur argumentativ bezwungen
werden.