Bei einer Podiumsdiskussion zum geplanten Kopftuchverbot prallten die Meinungen hart aufeinander
VON DETLEF SUNDERMANN
Der
Muslimische Arbeitskreis Hanau (MAH) veranstaltete zum Kopftuchverbot in spe
für hessische Beamtinnen eine Podiumsdiskussion mit Vertretern von Parteien und
islamischen Organisationen. Zu mehr als einem Austausch von Positionen kam es
nicht. Der geforderte Dialog blieb weitgehend eine Worthülse und manche Frage
blieb offen.
HANAU .20. APRIL. Die
Fronten waren im Nachbarschaftshaus Tümpelgarten in jeder Hinsicht klar
abgesteckt. Im Saal saßen die Frauen bis auf ein, zwei Muslima in der hinteren
Ecke des Saals, während der männliche Teil des Publikums die vorderen Reihen
besetzte oder am Bartresen stand. Durchmischter war indes die Sitzfolge auf dem
Podium. Muslime saßen neben Christen. Was als Geste des Willens für ein
Miteinander aufgefasst werden konnte, lockerte im Verlauf der Diskussion
keineswegs die fest einzementierten Meinungen.
Lediglich der Grüne
Wolf Hilbig vertrat unter den nicht-muslimischen Diskutanten eine konträre
Meinung. "Wir", damit meinte er auch die Landesfraktion der Grünen,
"halten ein Verbot für verfassungswidrig. " Angesichts der angeblich
bundesweit rund 30 Kopftuchträgerinnen im Staatsdienst, hielt er das Verbot
zudem für "überflüssig“. Dass der Vorstoß der Landesregierung entgegen
Hilbigs Behauptung zu einem Berufsverbot für bestimmte Personengruppe führe,
konnte Annedore Stübing von der BfH nicht nachvollziehen, denn diesen Frauen
bliebe immer noch die Anstellung in Privatschulen oder etwa an der Vhs.
"Die Schule ist
ein Ort der Begegnung“, der von politischen wie religiösen Symbolen
"keimfrei" gehalten werden müsse, so die Leiterin der Gebeschusschule.
Stübing wies auf das tolerante Miteinander der Schülerinnen und Schüler aus 29
Nationen mit verschiedenen Glaubensrichtungen an ihrer Schule hin. Der neutrale
Umgang ist indes nach ihrer Ansicht durch eine kopftuchtragende Lehrerin nicht
mehr gegeben. Die BfH-Frau betonte, dass es nicht um ein generelles
Kopftuchverbot an Schulen gehe wie es etwa in Frankreich angestrebt werde. So werde beispielsweise an der Gebeschusschule
nach dem Unterricht ein folkloristischer Tanzkurs angeboten, den eine praktizierenden
Muslima leite.
Die Vorstellung von
einer "keimfreien" Schu1e lehnte Rechtsreferent Ünal Kaymakci von der
Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) ab. Man müsse " Verständnis
für die muslimischen Frauen zeigen, die ihre Religion ausleben wollen".
Nach Ansicht von Kaymakci, dessen Organisation wegen mutmaßlicher
islamistischer Tendenzen 2001 vom Verfassungsschutz unter Beobachtung stand,
würden auch die Christen von einem Scheitern des Kopftuchverbots profitieren,
die dann ebenfalls ihre Symbole offen etwa im Schuldienst tragen konnten.
Susanne
Doring-Acikgoz vom MAH, die auf dem Podium mit verhülltem Haupthaar saß, hob
die Gefährlichkeit der Debatte um das Kopftuch hervor. Viele Muslima bekämen in
der Öffentlichkeit zunehmend die Ausgrenzung
zu spüren. Dietmar Hussing ( CDU) machte dagegen deutlich: " Wir empfinden
Muslimas nicht als Bedrohung", jedoch gelte es ob der "Militanz in
der Welt nunmehr Pflocke einzuschlagen". Für den "praktizierenden
Katholiken Holger Vogt (FDP) hieß es: "Das Kopftuch als Zeichen einer
politischen Demonstration hat in der Schule nichts zu suchen“. Der evangelische
Pfarrer Konrad Well wollte vor aller Diskussion um die Verfassungskonformität
zunachst wissen, "welche Geisteshaltung steckt unter einem Kopftuch“.
"Belohnung
von Gott"
Eine rechte Antwort
bekam der Gottesmann hierauf jedoch nicht. Allein ob eine Muslima das Tuch als
"Belohnung von Gott“ wie eine Besucherin sagte, oder zum "Erhalt der
Ehre des Mannes“, so ein Besucher, trage, blieb ebenso ungeklärt wie, ob es im
Koran konkrete Anweisungen gebe. Der Diskurs über die Rechte der Frauen im Islam ergab, dass ein Gast erklärte,
dies sei seit mehr als 1400 Jahren im Koran festgeschrieben. Hilbig fügte an,
dass es mit der Gleichbehandlung der Geschlechter unter den Christen auch nicht
zum Besten steht und sich beim genauen Lesen der Bibel frauenfeindliche
Passagen finden ließen.
Kaymakci warnte vor
einem Verbot, das letztlich nur Parallelgesellschaften produziere. Ein Schulpfarrer
erklärte diese düstere Vision als Wirklichkeit. Muslimische Madchen aus strenggläubigen
Familien würden vom Vater von Klassenfahrten und gemischten Sportunterricht
ferngehalten. Stübing berichtete, dass sich in der Vergangenheit Menschen aus
muslimischen Einrichtungen oft dem interkulturellen Austausch entzogen.
So habe der Iman auf
die Einladung zum Erntedankfest in ihrer Schule mit hohem Anteil von Kindern
auch türkischer Familien nicht einmal geantwortet.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 21.4.04, Ausgabe Wetterau – Main-Kinzig S. 41