Fundamentalisten regieren laut Geheimdienst die "Banlieues"

Die Vorstädte französischer Metropolen werden zu Gettos: Der Verfassungsschutz des Landes sieht sie als vom Staat abgewandte Parallelgesellschaften.

VON H-H. KOHL (PARIS)

Jenseits der administrativen Wirklichkeit im übrigen Frankreich sind zahlreiche "Banlieues" der französischen Großstädte angekommen. Zu diesem Ergebnis kommt die "Direction centrale des renseignements généraux" (DCRG) in einem Bericht, aus dem die Pariser Tageszeitung Le Monde am Dienstag eine Zusammenfassung zitierte. Der Bericht liegt Innenminister Dominique de Villepin seit Anfang Juni vor.

In den Vororten der französischen Großstädte leben rund 1,8 Millionen Menschen. In mehr als 300 dieser Quartiere, warnt der Bericht, gälten überwiegend islamische Traditionen und nicht die Werte der Aufklärung. Die DCRG, dem deutschen Verfassungsschutz vergleichbar, spricht von einem alarmierenden "Rückzug in die kommunitaristischen Gettos".

Die DCRG überwacht 630 so genannte "sensible" Quartiere im gesamten Land. In den im Bericht genannten mehr als 300 Gebieten konstatiert der Geheimdienst " Gewalttätigkeiten, religiöse Aktivitäten und Beziehungen zwischen Männern und Frauen", die diese Wohnviertel vom übrigen Land "immer weiter entfernen".

Acht Kriterien hat sich der Geheimdienst zurechtgelegt, um für ein "sensibles" Quartier den Wandel zu einem "Rückzugsgetto" festzumachen. Neben einem hohen Anteil Immigranten, die "teilweise auch in Polygamie leben", zählt die DCRG dazu "ein Netzwerk kommunitaristischer Vereinigungen", "ethnische Geschäfte und Händler", eine "Vervielfältigung moslemischer Gebetshäuser" sowie "das Tragen orientalischer und religiöser Kleidung".

Weitere Merkmale seien "antisemitische und antiwestliche Graffiti" sowie innerhalb der Schulen die Existenz geschlossener Gruppen von Schulanfängern, die nicht französisch sprechen. Auch die Abwanderung "gebürtiger Franzosen" aus solchen Quartieren ist laut Geheimdienst ein Indiz.

Ein Warnsignal, finden die Berichterstatter: In diesen Vorstädten hätten sich die Menschen in eine Welt der traditionellen Lebensweise zurückgezogen, organisierten sich in Vereinen, die sich an ihrer Herkunft orientieren, und lösten ihre Probleme "parallel zu den Institutionen des Staates".

Da die "gebürtigen Franzosen" in großer Zahl diese Quartiere verlassen und die im Land sonst üblichen Geschäfte schließen, entwirft der Bericht eine pessimistische Prognose über die Möglichkeiten, die Entwicklung zu stoppen.

Nach Einschätzung des Geheimdienstes florieren in den Vierteln islamische Einrichtungen. Radikale Prediger, die den Bruch mit den kulturellen und staatlichen Institutionen Frankreichs fordern, hätten Aufwind, so die DCRG. In mehr als 200 Wohnquartieren machten die Geheimdienstler fundamentalistische Prediger aus, die "vor allem bei der Jugend und den Kindern Erfolg haben, weil sie sich in zahlreichen Vereinen um sie kümmern". Junge Frauen würden zum Tragen des Schleiers gezwungen, und an den Schulen und in den Betrieben wachse der fundamentalistische Einfluss.

Als Indiz dafür wertet der Geheimdienst schon die wachsende Zahl von Gebetshäusern sowie einen in den Betrieben steigenden Druck auf die Unternehmensführungen, Gebetsräume bereitzustellen. Wenn es die nicht gebe, entstünden offenbar Untergrund-Moscheen: So seien allein im Disneyland Park bei Paris mehr als zehn geheime Gebetshäuser ausgemacht worden.

7.7.04

Quelle: Frankfurter Rundschau, 7.7.04, S. 1

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