Islamische Richter beharren auf Steinigung Islamische Doppelmoral
Todesurteil für Nigerianerin, die ein uneheliches Kind gebar
Von Christoph Link (Nairobi)
Ein islamisches Gericht im Norden Nigerias hat am Montag das Todesurteil gegen eine Frau bestätigt, die außerehelich ein Kind geboren haben soll. Die 30-jährige Amina Lawal soll nach dem Spruch der vier muslimischen Richter zu Tode gesteinigt werden.
Mit den Rufen "Allah ist groß" begleitete die Zuschauermenge im voll besetzten Gerichtssaal von Funtua 300 Kilometer nördlich von Nigerias Hauptstadt Abuja die Verlesung des Urteils. Die Angeklagte Amina Lawal brach in Tränen aus. Die Mutter von drei Kindern hatte alle Hoffnungen in dieses Berufungsverfahren gesetzt, sie ist von ihrer Unschuld überzeugt. Vom immensen psychischen Druck geschwächt und krank hatte sie vor dem Verfahren angekündigt, sich dem Urteil zu beugen.
Erste Aufgabe ihrer vom Frauenverband "Baobab" und der Ford- und McArthur-Stiftung gestellten Anwälte wird es deshalb sein, Lawal von der Anrufung weiterer Berufungsinstanzen zu überzeugen. Ein Anwalt Lawals kündigte jedenfalls noch im Gerichtssaal eine weitere Berufung an.
Der zum Tode Verurteilten steht nach nigerianischem Recht noch die Anrufung des höchsten Islamischen Gerichtshofes in Katsina zu, außerdem steht ihr der Gang zum Obersten Verfassungsgerichtshof in Abuja offen.
Vieles deutet darauf hin, dass die Bestätigung des Urteils gegen Amina Lawal aus politischen Gründen erfolgte. Die islamischen Justiz- und Politikerkreise im Norden Nigerias wollen offenbar eine weitere Aufweichung ihres erst vor drei Jahren eingeführten strengen Strafkataloges der Scharia nicht hinnehmen. Zudem scheint der Druck aus dem Westen sowie von der christlich dominierten Zentralregierung in Abuja und den humanitären Verbänden offenbar eine Gegenreaktion zu erzeugen. So war es gewiss kein Zufall, dass die erste Verurteilung Amina Lawals zum Tode im März 2002 in der Stadt Bakori just an dem Tage erfolgte, als eine andere Todeskandidatin, die Nigerianerin Saflya Husaini, freigesprochen wurde.
Bisher ist noch keine Steinigung ün muslimischen Norden Nigerias tatsäch- lich ausgeftihrt worden, doch hat es bereits Amputationen und Auspeitschungen gegeben.
Das Todesurteil gegen Amina Lawal ist aus westlicher Sicht völlig unverständlich. Die islamischen Richter werfen ihr Ehebruch vor, weil sie nach der Scheidung von ihrem Mann erneut ein Kind bekommen habe. Laut Scharia-Gesetz gilt Geschlechtsverkehr als außerehelich- bei Frauen, die nicht verheiratet sind oder nach einer Scheidung nicht wieder geheiratet haben. Kommentar Seite 3
Quelle: Frankfurter Rundschau 20.8.02, S. 5
Islamische Doppelmoral
In Nigeria haben in den vergangenen drei Jahren die muslimischen Bundesstaaten den strengen Strafrechtskatalog der Scharia eingeführt. Mit unglaublichen Folgen. Jetzt hat ein ialamisches Berufüngsgericht in der Kleinstadt Funtuna das Todesurteil gegen die junge Mutter Amina Lawal bestätigt. Weil sie ein außereheliches Kind gebar, soll sie zu Tode gesteinigt werden.
Das Urteil ist himmelschreiendes Un recht und ein Verstoß gegen ein ganzes Bündel von internationalen Menschenrechten. Gegenüber muslimischen Männern bezeugen die Scharia-Richter eine üble Art von Doppelmoral: Während bei Männern für eine Verurteilung wegen Ehebruchs eine strenge Beweisführung (vier Augenzeugen) verlangt wird, genügt bei Frauen das Vorliegen einer außerehelichen Schwangerschaft und die Steinigung droht.
Der armen Amina Lawal steht als Rettungsanker der Gang vor das Verfassungsgericht in der Hauptstadt Lagos offen. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass der Muslim-Bundeastaat Katsina ihr den Ausweg verbauen wird. Längst ist die Scharia ein politischer Zankapfel für das 120-Millionen-Volk der Nigerianer geworden. Der christliche Süden ist über die Scharia im Norden ebenso entsetzt wie der Rest der Welt.
Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo, ein Christ, kämpft nach drei Jahren an der Macht längst ums politische Überleben. Bisher hat er den Kampf mit den Scharia-Befürwortern nur halbherzig zu führen gewagt. Der Fall Amina Lawal sollte ihn aus der Reserve locken. cli
Quelle: Frankfurter Rundschau 20.8.02, S. 3