Ehrenmord in Wiesbaden - Drohte dem Opfer Zwangsheirat in Berlin?

Ali Karabey gesteht, seine Schwester mit mehreren Schüssen getötet zu haben / Haftbefehl wegen Mordes

 

WIESBADEN Der 24 Jahre alte Ali Karabey hat gestanden, am Montag seine 20 Jahre alte Schwester getötet zu haben. Mutmaßliches Motiv: Sie wollte einen Deutschen heiraten, was die Familie ablehnte. Seit gestern sitzt Karabey wegen Mordes in Untersuchungshaft.

Von Christoph Cuntz

 

Wie gestern bereits in einem Teil der Ausgabe berichtet, hatte sich Ali Karabey in der Nacht zum Dienstag gestellt - knapp zwölf Stunden, nachdem er in einer Gartenhütte am Rande von Dotzheim seine Schwester Gönül getötet hatte. Er hatte zuvor im Radio gehört, dass öffentlich nach ihm gefahndet wird.

Bei der Polizei legte der 24-Jährige ein Geständnis ab. Ein Satz, mehr nicht. Danach brach er seine Aussage ohne Angabe von Gründen ab und verlangte nach einem Anwalt. Der riet ihm, vorerst keine weiteren Angaben mehr zu machen.

Allerdings führte der 24-Jährige die Polizei noch zu einem Gebüsch in der Wiesbadener Innenstadt, in dem eine 9-Millimeter-Pistole lag. Ob es die Tatwaffe ist, wird noch untersucht. Sollte es sich bewahrheiten - Karabey hätte die Waffe illegal besessen.

Ihr Magazin fasst acht Patronen, es war leer, als die Polizei die Waffe in Gewahrsam nahm. Doch der 24-Jährige hatte am Montag in der Gartenhütte sechs Mal auf seine Schwester geschossen: Eine der Kugeln schlug unterhalb ihres rechten Auges ein, eine andere in ihrer Hüfte. Zwei weitere trafen ihr Handgelenk und ihre Handfläche - womöglich hatte die 20-Jährige sich zu schützen versucht.

Karabey, der neben Gönül zwei weitere Geschwister hat, ist im ostanatolischen Hinis geboren, lebte seit etlichen Jahren in Wiesbaden, hatte hier schon als Jugendlicher Bekanntschaft mit der Polizei gemacht, weil er in Raufereien verwickelt war. Bei seiner Vernehmung gestern gab er zu Protokoll, er sei selbstständiger Maler und Lackierer.

Sein Vater allerdings ist arbeitslos. Er plante offenbar deshalb, mit seiner Familie nach Berlin zu ziehen. "Gönül hatte Angst, sie würde dort gegen ihren Willen verheiratet", so Frank Hoffrichter, der gestern den Haftbefehl wegen Mordes erließ - Mordmerkmale: niedrige Beweggründe und Heimtücke.

Es gibt Zeugenaussagen, die diese Angst der 20-Jährigen vor einer Zwangsheirat schildern. Sie habe sich deshalb in Wiesbaden versteckt. Erst auf Vermittlung ihres Arbeitgebers - einem türkischstämmigen Geschäftsmann, der einen Laden in der Wiesbadener Fußgängerzone hat - war es am Montag zu dem Treffen in der Gartenhütte gekommen. Der Geschäftsmann kannte die Probleme, die die 20-Jährige zu Hause hatte, weil sie mit einem Deutschen zusammen war. Er hatte zu schlichten versucht und war deshalb auf die Familie Karabey zugetreten, so der Haftrichter. In den Gesprächen mit Gönüls Arbeitgeber habe die Familie Karabey zugesichert: "Bei unserer Ehre, ihr wird nichts passieren. Wenn sie heiratet, ist die Sache in Ordnung".

Die Tat eine Frage der Ehre? Weil Gönül eine Deutschen heiraten wollte? Es gibt nach wie vor widersprüchliche Darstellungen in diesem Punkt. Richter Frank Hoffrichter liegen die Aussagen vor, nach denen die Eltern tatsächlich nicht mit Gönüls Beziehung zu einem Deutschen einverstanden waren - auch wenn Ali Karabey seit Februar dieses Jahres die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Oberstaatsanwalt Klaus Schulte wiederum hat Erkenntnisse, dass Gönüls Beziehung zu einem Deutschen nicht zwangsläufig das ausschlaggebende Tatmotiv gewesen sein muss. Vielmehr habe es Unmut in der Familie Karabey darüber gegeben, dass sich die 20-Jährige habe abnabeln wollen.

Und welche Rolle spielen die Eltern der Getöteten bei Tat? Die Polizei prüft diese Frage intensiv, hat mehrere Wohnungen durchsucht, auch die der Familie und von deren Angehörigen. Erkenntnisse, der 24 Jahre alte Ali Karabey sei von einem Familienmitglied zu der Tat angestiftet worden, liegen bislang noch nicht vor, so Oberstaatsanwalt Schulte.

Quelle:

Wiesbadener Kurier

14.06.2005