"Altvordere" des Islam igeln sich
ideologisch ein und bleiben Antworten auf
aktuelle Fragen schuldig
Die bärtigen Verteidiger des "wahren Islam" lehnen jegliche
Modernisierung ab.
Doch die Jugend in arabischen Ländern stellt ihre Moral längst in Frage
und
strebt nach sozialen Chancen im Alltag.
VON MICHAEL LÜDERS
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Wie einen Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen führen, in Zeiten
von Terror und
Gewalt, von Ängsten und Vorurteilen? Diese Frage stellte sich das
Goethe-Institut in Kairo
und lud säkular eingestellte Deutsche und tief religiöse Ägypter zu
einem Experiment in die
Oase Bahariya, vier Autostunden südwestlich von Kairo - ohne
Möglichkeit, einander aus
dem Weg zu gehen. Drei Tage lang sollten sie miteinander diskutieren,
Gegensätze
benennen und nach gemeinsamen Grundlagen suchen.
Den Anfang machte Fadil Suleiman, Begründer der Bridges Foundation, ein
Brückenbauer
zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, wie er sagt. Ähnlich einem
Bibelprediger aus
den Südstaaten der USA prangert er den moralischen Niedergang in den
westlichen
Gesellschaften an, wo schon Kinder Kinder bekämen, die Familie keinen
Wert mehr
besitze und Homosexualität um sich greife wie eine Seuche. "Die
Muslime", sagt er,
"waren einst führend in der Welt, in der Wissenschaft, der Politik.
Ihr Niedergang
im Mittelalter begann, als sie sich von Gott entfernten und die Gebote
der Religion
missachteten". Dieser Niedergang habe es später dem westlichen
Kolonialismus
erlaubt, die islamische Welt zu unterwerfen. "Die Muslime", so
Suleiman, "werden
erst dann wieder stark und mächtig werden, wenn sie zu einer untadeligen
Moral
zurückfinden, wie einst vom Propheten Mohammed gelebt."
Als deutscher Gast begreift man schnell, dass dieser Dialog in der Oase
asymmetrisch
verlaufen würde. Ein Europäer ist gewohnt, einen eigenen, subjektiven
Standpunkt
zu beziehen, Fragen zu stellen, von sich und seinem Leben zu erzählen.
Vor allem
ältere Muslime hingegen betonen ihre Zugehörigkeit zum Glaubenssystem
des Islam,
das alle Fragen menschlichen Lebens beantworte. Nicht das Individuum
steht im
Vordergrund, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen, die Umma.
Und diese Umma fühle sich bedroht, betont Sabri Abdel Kawy von der
Azhar-Universität in Kairo, der höchsten theologischen Instanz im
sunnitischen Islam.
Dort ist er Professor für islamisches Recht Die Umma sei machtlos, weil
ihr Geld und
Waffen fehlten. "Deswegen können sich die Muslime nicht wehren
gegen das, was
Amerika und Israel in Irak, Palästina oder Libanon anrichten", sagt
der Azhar-Gelehrte.
"Wenn sie es dennoch tun, gelten sie im Westen als Terroristen. Der
Islam aber ist
Friede. Ein Muslim kämpft nur, wenn sein Land angegriffen oder geraubt
wird."
Als Azhar-Professor ist Sabri Abdel Kawy Teil der sunnitischen
Orthodoxie. Während
er die Politik des Westens, namentlich Washingtons, vorbehaltlos
kritisiert, schweigt
er zu der Frage nach der Eigenverantwortung für die Misere der
islamischen Welt,
etwa die fehlende Freiheit von Marokko bis Pakistan, die soziale
Ungleichheit, die
gesellschaftliche Stagnation und die Geiselnahme der Religion durch
politische
Extremisten. Seit Jahrhunderten folgt die Azhar der Devise, niemals die
eigenen
Machthaber zu kritisieren. Somit sichert sie ihre Zugehörigkeit zum
Establishment.
Konservativ-traditionalistische Apologeten wie Sabri Kawy oder Fadil
Sulaiman
nennen sich selbst Salafisten, abgeleitet von dem arabischen Wort für
"Altvordere".
Ihr Ideal ist die "goldene Frühzeit" des Propheten Mohammed,
als angeblich das
Paradies auf Erden herrschte. Historische Tatsachen, etwa die blutigen
Machtkämpfe
nach seinem Tod, blenden sie aus. Der Salafismus, eine patriarchalische
Erweckungsbewegung innerhalb der Orthodoxie, fordert die Muslime auf,
die
Pflichtenlehre des Islam, zum Beispiel die fünf täglichen Gebete und das
Fasten im
Ramadan, vollständig anzunehmen und lehnt jedwede Interpretation des
Koran ab.
Die wortwörtliche Befolgung der göttlichen Gebote gewährleiste die
moralische
Läuterung, die Voraussetzung sei für eine erneute Blütezeit des Islam.
Anders als
der islamische Fundamentalismus, dem sie ideologisch sehr nahe stehen,
stellen
Salafisten keine politischen Forderungen, jenseits ihrer Kritik am
Westen.
Einen Deutschen, einen Europäer irritiert nicht die tiefe Gläubigkeit
der ägyptischen
Gesprächspartner, sondern ihre vollständige Unkenntnis politischer,
historischer und
kultureller Zusammenhänge in westlichen Gesellschaften. Und ihre
Neigung, ständig
"den wahren Islam" erklären zu wollen, der doch nur ein
anderes Wort ist für Dogma.
Ein liberaler und weltoffener Islam gilt ihnen als "Unglaube",
Ende der Debatte. Die
Begegnung mit Nahla al-Haraki macht deutlich, warum arabische Herrscher
mit den
Salafisten keine Probleme haben, im Gegenteil. Frau Haraki stammt aus
einer der
reichsten Familien in Ägypten, war in ihrem früheren Leben
Mode-Designerin und
widmet sich seit einem Erweckungserlebnis der islamischen Missionierung.
Sie sagt:
"Gott hat das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt. Wenn
du arm bist,
ist das der Wille Gottes.
Umgekehrt ist der Reiche gehalten, Gutes zu tun."
Lohnt sich ein solcher Dialog? Die Antwort gab die Schlussveranstaltung
in Kairo,
wo die Ergebnisse der Diskussionen vor einem überwiegend jugendlichen
Publikum
vorgestellt wurden: Die Frauen meist verschleiert, die Männer mit
Vollbart. Mit den
Allgemeinplätzen der "Altvorderen" auf der Bühne hatten sie
dennoch nichts im Sinn.
Was sagt ihr zu der Korruption in Ägypten, dem katastrophalen
Bildungssystem?
Warum verbietet die Azhar rigoros Sex außerhalb der Ehe? Wieso sind
Frauen rechtlich
schlechter gestellt als Männer? Diese jungen Ägypter glauben längst
nicht mehr Parolen wie
"Der Islam ist die Lösung". Sie suchen Antworten für ihre
Alltagsprobleme, gerade auch
im Gespräch mit Ausländern.
Frankfurter Rundschau, 14.10.06, S. 9