Bayern startet Modellversuch zum Bekenntnisunterricht - für Muslime

An einer Schule in Erlangen wird erstmals islamische Religionsunterweisung der christlichen Glaubenserziehung gleichgestellt

 

Von Iris Hilbert und Katharina Sperber

 

Bayern will im kommenden Schuljahr an der Erlanger Grundschule Brucker Lache einen Modellversuch "Islam-Unterricht" für die Klassen eins bis vier starten. Der Freistaat beschreitet damit bundesweit einen neuen Weg, da auf dem Stundenplan auch Glaubenserziehung stehen soll.

 

Seit Jahren schon hatten die Grünen im Bayerischen Landtag ein solches Angebot für muslimische Kinder analog dem Christlichen Religionsunterricht gefordert. Bereits seit den 80er Jahren bietet das Land in Zusammenarbeit mit der Türkei das fakultative Fach „Islamisch religiöser Unterweisung" an, seit zwei Jahren in deutscher Sprache.

 

Bisher hatte sich der Freistaat schwer getan, den Religionsunterricht für Muslime als ordentliches Lehrfach im Sinne des Grundgesetzes anzubieten. Denn eine Voraussetzung hierfür ist eine strukturierte Religionsgemeinschaft, die von ihren Mitgliedern legitimiert ist, verbindliche Aussagen über Glaubensinhalte zu treffen.

 

Aber Muslime sind nicht wie die christlichen Kirchen organisiert und kennen nicht dieselben Hierarchien. "Ich habe mit Hunderten von Gesprächspartnern an einem Tisch gesessen, die alle behauptet haben, legitimiert zu sein und die Position des Ansprechpartners beansprucht haben", berichtete Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) am Donnerstag vor dem Bildungsausschuss des Bayrischen Landtags. Da die Ministerin sich aber nicht an- maßen wolle, zu bestimmen, wer nun legitimiert sei, und der Staat nicht über die innere Verfasstheit einer Religionsgemeinschaft bestimmen dürfe, sehe sie bayernweit derzeit keinen Ansprechpartner.

 

Nur in Erlangen habe sich mit der örtlichen Islamischen Religionsgemeinschaft nun ein Partner gefunden, mit dem in enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium sowie Religionspädagogen und Islamwissenschaftlern der Universität Erlangen-Nürnberg der Modellversuch gestartet werde solle. " Wir wollen Kindern und Eltern ein Angebot unterbreiten, das rechtlich möglich ist", sagte die Ministerin.

 

Erlangen biete dafür günstige Voraussetzungen, da die Muslime der Islamischen Religionsgemeinschaft „integrationsbereit erscheinen und Interesse an einer wissenschaftlichen Begleitung haben". Unterstützung erhielt der Modellversuch auch von den Verantwortlichen der Stadt über alle Parteigrenzen hinweg, von den beiden großen christlichen Kirchen sowie von der Universität.

 

Inhaltlich soll der Islamunterricht in deutscher Sprache über die religiös neutrale islamische Unterweisung hinaus religiöse Bezüge aufweisen, also auch zu Glauben und Bekenntnis erziehen. In Fragen, bei denen sich die verschiedenen Gruppierungen nicht einig sind, solle neutrales Wissen vermittelt werden. Grundlage und integraler Bestandteil des Unterrichts müsse die Werteordnung des Grundgesetzes sein, betonte Hohlmeier.

 

Nach einem Jahr bestehe die Möglichkeit, das Modell auf andere Städte zu übertragen. "Allerdings nur, wenn dort Gruppen die gleichen Voraussetzungen wie in Erlangen erfüllen", sagte die Ministerin. " Wir werden uns die Ansprechpartner ganz genau anschauen, damit wir keinerlei Fundamentalismus oder Extremismus in unsere Schulen bekommen."

 

Bundesweit wird bisher nur in Berlin muslimischer Bekenntnisunterricht erteilt. Das Land Berlin nimmt jedoch eine Sonderstellung ein, weil dort Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach im Sinne des Grundgesetzes ist. Die Verantwortung für den fakultativen Unterricht übernehmen allein die Kirchen oder Religionsgemeinschaften.

 

Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 1, 7.2.03