Bayern startet Modellversuch zum Bekenntnisunterricht - für Muslime
An einer Schule in Erlangen wird erstmals islamische Religionsunterweisung der christlichen Glaubenserziehung gleichgestellt
Bayern will im kommenden Schuljahr an der Erlanger Grundschule Brucker Lache einen Modellversuch "Islam-Unterricht" für die Klassen eins bis vier starten. Der Freistaat beschreitet damit bundesweit einen neuen Weg, da auf dem Stundenplan auch Glaubenserziehung stehen soll.
Seit Jahren schon
hatten die Grünen im Bayerischen Landtag ein solches Angebot für muslimische
Kinder analog dem Christlichen Religionsunterricht gefordert. Bereits seit den
80er Jahren bietet das Land in Zusammenarbeit mit der Türkei das fakultative
Fach „Islamisch religiöser Unterweisung" an, seit zwei Jahren in deutscher
Sprache.
Bisher hatte sich der
Freistaat schwer getan, den Religionsunterricht für Muslime als ordentliches
Lehrfach im Sinne des Grundgesetzes anzubieten. Denn eine Voraussetzung hierfür
ist eine strukturierte Religionsgemeinschaft, die von ihren Mitgliedern
legitimiert ist, verbindliche Aussagen über Glaubensinhalte zu treffen.
Aber Muslime sind
nicht wie die christlichen Kirchen organisiert und kennen nicht dieselben
Hierarchien. "Ich habe mit Hunderten von Gesprächspartnern an einem Tisch
gesessen, die alle behauptet haben, legitimiert zu sein und die Position des
Ansprechpartners beansprucht haben", berichtete Kultusministerin Monika
Hohlmeier (CSU) am Donnerstag vor dem Bildungsausschuss des Bayrischen
Landtags. Da die Ministerin sich aber nicht an- maßen wolle, zu bestimmen, wer
nun legitimiert sei, und der Staat nicht über die innere Verfasstheit einer
Religionsgemeinschaft bestimmen dürfe, sehe sie bayernweit derzeit keinen Ansprechpartner.
Nur in Erlangen habe
sich mit der örtlichen Islamischen Religionsgemeinschaft nun ein Partner
gefunden, mit dem in enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium sowie
Religionspädagogen und Islamwissenschaftlern der Universität Erlangen-Nürnberg
der Modellversuch gestartet werde solle. " Wir wollen Kindern und Eltern
ein Angebot unterbreiten, das rechtlich möglich ist", sagte die
Ministerin.
Erlangen biete dafür
günstige Voraussetzungen, da die Muslime der Islamischen Religionsgemeinschaft
„integrationsbereit erscheinen und Interesse an einer wissenschaftlichen
Begleitung haben". Unterstützung erhielt der Modellversuch auch von den
Verantwortlichen der Stadt über alle Parteigrenzen hinweg, von den beiden
großen christlichen Kirchen sowie von der Universität.
Inhaltlich soll der
Islamunterricht in deutscher Sprache über die religiös neutrale islamische
Unterweisung hinaus religiöse Bezüge aufweisen, also auch zu Glauben und
Bekenntnis erziehen. In Fragen, bei denen sich die verschiedenen Gruppierungen
nicht einig sind, solle neutrales Wissen vermittelt werden. Grundlage und
integraler Bestandteil des Unterrichts müsse die Werteordnung des Grundgesetzes
sein, betonte Hohlmeier.
Nach einem Jahr
bestehe die Möglichkeit, das Modell auf andere Städte zu übertragen.
"Allerdings nur, wenn dort Gruppen die gleichen Voraussetzungen wie in
Erlangen erfüllen", sagte die Ministerin. " Wir werden uns die
Ansprechpartner ganz genau anschauen, damit wir keinerlei Fundamentalismus oder
Extremismus in unsere Schulen bekommen."
Bundesweit wird
bisher nur in Berlin muslimischer Bekenntnisunterricht erteilt. Das Land Berlin
nimmt jedoch eine Sonderstellung ein, weil dort Religionsunterricht kein
ordentliches Lehrfach im Sinne des Grundgesetzes ist. Die Verantwortung für den
fakultativen Unterricht übernehmen allein die Kirchen oder
Religionsgemeinschaften.
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 1, 7.2.03