Islam: Arabische Länder haben große Defizite bei der Bildung

VON MICHAEL LÜDERS

Seit 2002 haben die Vereinten Nationen drei Untersuchungen zum "Zustand menschlicher Entwicklung" in der arabischen Welt vorgelegt. Sie wurden federführend von arabischen Autoren verfasst und bescheinigen der arabischen Welt große Defizite vor allem in den Bereichen Freiheit, Rechte für Frauen und Bildung - was das Angebot an Schulen, betrieblicher Ausbildung, Fachhochschulen sowie Universitäten, aber auch die Einstellung zum Lernen in einer zunehmend global vernetzten Welt umfasst.

In diesen Bereichen liegt die arabische Welt ganz hinten, unterboten nur noch von Schwarzafrika. Die Analphabetenquote in Ägypten beispielsweise beträgt 40 Prozent bei Männern, 60 Prozent bei Frauen. In Jemen 60 Prozent für Männer, 90 Prozent für Frauen. Von tausend Arabern verfügten 1998 lediglich zwei über einen Internetzugang. Fehlende Bildungsangebote und Arbeitsmöglichkeiten sind die größten Sorgen junger Araber. Die Hälfte aller Araber unter 25 möchte auswandern, bevorzugt nach Großbritannien, oder in die USA.

Die arabischen Länder sind dabei, aufgrund mangelhafter Bildungsangebote den Anschluss an den Rest der Welt zu verlieren. Das Pro-Kopf-Einkommen wächst nur südlich der Sahara noch langsamer, die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten sind geringer als in anderen ärmeren Regionen der Erde. Fehlende Bildung und fehlende Freiheit ergänzen und bedingen sich dabei. Eine Kultur der kritischen Selbstbefragung und des freien Meinungsaustausches ist von Marokko bis Oman die Ausnahme. Das vorherrschende Bildungsschema besteht darin, Texte auswendig zu lernen - an der Schule wie den Universitäten. Zugleich spiegeln sich die vorherrschenden autoritären Strukturen auch in den Bildungseinrichtungen wieder. Dazu gehören die Verherrlichung der jeweiligen Regime im Unterricht, die politische Kontrolle insbesondere der Universitäten und patriotische Pflichtübungen wie der Flaggenappell. Nicht Kritikfähigkeit wird gelehrt und vermittelt, das Ideal ist der gehorsame Untertan, der nichts infrage stellt.

 

Stammesstruktur fördert Ignoranz


Die Gleichgültigkeit der Regierenden in der Bildungsfrage schafft ein Vakuum, das vor allem von islamischen Fundamentalisten gefüllt wird. Religiöse Schulen und Universitäten, die teils mit staatlicher Unterstützung, teils privat finanziert werden, vermitteln rückwärts gewandte theologische Inhalte, insbesondere glorifizieren sie die Frühzeit des Islam. Am sichtbarsten ist diese Entwicklung zu Indoktrination, Fanatismus und Gewaltbereitschaft im System der Madrasas, wie es in Pakistan praktiziert wird. Religiöse Ganztagsschulen wenden sich vor allem an die Unterschichten, wo Eltern dankbar sind, einen Esser am Tisch zu haben.

Wie erklärt sich aber die Gleichgültigkeit der politischen Eliten gegenüber der Bildungsmisere? Der wesentliche Grund ist die Stammesstruktur arabischer Gesellschaften. Macht ist eine Clanfrage in der arabischen Welt. Die eigene Klientel erhält durchaus eine gute Ausbildung, doch die übrige Bevölkerung wird in der Bildung wie in allen anderen sozialen Fragen ihrem Schicksal überlassen. Ob Arbeitslosen-, Kranken- oder Rentenversicherung - im Orient gibt es kaum etwas davon.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 10.10.05, S. 6