Iran - Analyse einer möglichen Katastrophe

 

Analyse nach einem Buch von Bahman Nirumand: Iran. Die drohende Katastrophe

Bahman Nirumand, Iran. Die drohende Katastrophe. Kiepenheur & Witsch,

Köln 2006,223 Seiten, Euro 16,90.

 

....... Auf knappem Raum versucht B. Nirumand in seinem Buch «Iran. Die drohende Katastrophe»

eine doppelte Analyse: Wie kann erstens Teherans Griff nach der Urananreicherung und nach der

Atombombe verhindert oder durch internationale Kontrolle gebändigt werden, und wie kann sich

zweitens der Iran, das wichtigste Land im Nahen und Mittleren Osten, ohne das es keinen

dauerhaften Frieden geben wird, im Inneren entwickeln. B. Nirumands Buch lebt von der

Katastrophenspannung.

 

......Das Land habe 18 Jahre die Atombehörde getäuscht und seine Verpflichtungen nicht

erfüllt. Nur muss man sagen, Indien, Pakistan und Israel haben das auch getan und sind

dafür nicht bestraft worden. .....

 

Die Wahl von Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten im Jahre 2005 bedeutet für B.

Nirumand eine Niederlage der Reformbewegung. Der junge und wahrscheinlich ständig

unterschätzte intelligente Populist M. Ahmadinedschad hat in den letzten Monaten nur an

Ansehen gewonnen. Auch für B. Nirumand ist es nicht klar, wie M. Ahmedinedschad und

nicht Haschemi Rafsandschani die Präsidentenwahlen gewinnen konnte. Nach Äußerungen

von Zeugen war M. Ahmadinedschad an der Ermordung des damaligen

Hoffnungsträgers der demokratischen Kurden im Iran, Abdolrahman Ghassemlu

am 13. Juli 1989 in Wien mitbeteiligt. Die Attentäter waren in zwei Gruppen organisiert.

Die erste Gruppe sollte den Mord erledigen, die zweite unter Leitung von M. Ahmedinedschad

sollte den Auftrag nur im Falle seines Scheiterns übernehmen. Doch der Mord gelang. Nur

einer der Täter musste verletzt ins Krankenhaus, alle anderen konnten am seIben Tag noch

Österreich verlassen.

 

B. Nirumand gibt im zweiten Teil des Buches seine Vorliebe für die aufgeklärten Theologen im

Iran zu erkennen. Von Ayatollah Chomeini hatten die Iraner ein antiwestliches Programm übernehmen

müssen. Zwei Wochen nach seiner Rückkehr in den Iran erklärte er: «Lasst euch nicht durch das

Wort Demokratie in die Irre führen. Demokratie ist westlich, und wir lehnen westliche Systeme ab.

Das Volk will eine islamische Republik, keine bloße Republik, auch keine demokratische

Republik, sondern nur eine islamische Republik.» B. Nirumand zitiert aber auch einige islamische

Denker der Gegenwart, denen man zutrauen kann, daß sie eine Reform des Islams anstreben, so

daß dieser seine Rolle in der modernen Gesellschaft erfüllen kann. Er zitiert den 1959 geborenen

bedeutenden Reformer Mohsen Kadivar. M. Kadivar hat sich dabei am weitesten vorgewagt.

Er ist jetzt Vorsitzender des «Vereins zur Verteidigung der freien Meinungsäußerung», dem eine

Reihe populärer Journalisten und Autoren angehören. Mit M. Kadivar kann man reden. Auf die

Frage, ob der «traditionelle» Islam mit den Menschenrechten zu vereinbaren sei, antwortet

Kadivar: «Nein»: «Der traditionelle Islam kennt keine Grundrechte, die für alle

Menschen gelten.» Dieser traditionelle Islam weist Menschen je nach ihrer religiösen

Zugehörigkeit und je nach Geschlecht abgestufte Rechte zu. Es gibt die Schiiten, die alle

Rechte genießen. Den Sunniten sind schon gewisse Einschränkungen auferlegt. Sie können

keine Führungsrollen übernehmen. Noch weniger Rechte genießen die Christen, die

Juden und die Zarathustrier. Das Recht, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, gilt nur für

Muslime. So wird ein Nichtmuslim, der einen Muslim tötet, mit dem Tod bestraft, umgekehrt

nicht. Der Muslim ist in dem Iran, über den Mohsen Kadivar spricht, 10000 Drachmen wert,

ein Nichtmuslim nur 800 Drachmen. Das «Blutgeld» - wie man das traditionellerweise nennt –

ist für eine Frau nur halb so hoch wie für einen Mann. Frauen sind minderwertige

Menschen; sie «können bei Gericht nicht als alleinige Zeugen auftreten». In vielen Fällen,

wie bei Raub, ist ihre Aussage ganz wertlos.

 

Mohsen Kadivar, den B. Nirumand in seinem Buch prominent macht, weicht diesen Fragen

nicht aus. Keine Frage, die wir Europäer stellen, läßt er unbeantwortet. Nach historischer

Auffassung ist ein Muslim nicht berechtigt, die eigene Religion in Frage zu stellen noch

zu einer anderen Religion überzutreten. B. Nirumand zitiert diesen sensationell eindrucksvollen

Mullah und Rechtsgelehrten: «In einem islamischen Staat, der von Traditionalisten regiert

wird, sind Menscheilrechte, wie die Freiheit der Meinungsäußerung, der Schrift, der

Wahl des Glaubens, praktisch außer Kraft gesetzt.»

 

Nach der Auffassung von M. Kadivar reicht es aber auch nicht aus, bestimmte besonders

anachronistische Strafmaßnahmen zu verbieten oder auszusetzen wie z.B. das Steinigen von

Ehebrecherinnen oder das Abhacken von Händen, wie dies von einigen deutschen Muslimen

vorgeschlagen wird. Das sei nur «Flickschusterei». Nach seiner Meinung geht es um die Betonung

des Glaubens. Die Lehre des Islam umfasse vier Bereiche: den Bereich des Glaubens, der Moral,

des Gebetes und schließlich den Bereich der Anweisungen, die das Handelsrecht, das

Strafrecht usw. betreffen. Mehr als 98 Prozent der Verse des Korans betreffen die ersten drei

Bereiche. Und diese stehen nicht im Widerspruch zu den Menschenrechten. M. Kadivar ist

(wie der Reiz-ul Ulema in Sarajewo) davon überzeugt, daß man die Vorschriften im Islam,

die im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, durch neue Vorschriften ersetzen

muß. Nur auf diese Weise lasse sich die Religion lebendig erhalten. «Ein Weg ist nur so lange

gültig, solange er zum Ziel führt.»

 

B. Nirumand wirbt im Westen, in Deutschland dafür, den Islam nicht immer nur pauschal zu

verurteilen und ihn nicht für eine homogene Kraft zu halten. Wie B. Nirumand weiß, kann man

selbst als Exilintellektueller in Deutschland die hochwissenschaftliche und spannende Debatte

um die neue Theologie von M. Kadi~" im Internet mitverfolgen. M. Kadivar ist nicht der

einzige, aber vielleicht der eindrucksvollste. B. Nirumand zitiert auch den Soziologen und

Vordenker Ali Shariati und den Religionsphilosophen Abdolkarim Soroush. Der von ihnen

vertretene Islam will sich aus den Fesseln einer überkommenen Welt befreien.

 

B. Nirumand kämpft mit der ganzen Kraft seiner Seele und seines Kopfes gegen die

Verzeichnungen des Islams, wie sie u.a. ein westlicher Politiker wie Silvio Berlusconi auf einer

Pressekonferenz in Berlin im September 2001 vertrat: «Die westliche Zivilisation ist der des

Islam überlegen. Die westliche Gesellschaft schätzt die Freiheitsliebe, die Freiheit der Völker

und des Einzelnen, die sicherlich nicht zum Erbgut anderer Zivilisationen wie der islamischen

gehören. Diese Zivilisationen sind zu Taten fähig, die mich erschaudern lassen.»

 

Das Buch gibt eine Sicht auf den kulturellen und wissenschaftlichen Reichtum eines Landes

und auf seine Entwicklungen, wie sie der Autor seit dem Schah-Regime persönlich erlebt und

erlitten hat. Aber das Wort «Ich» kommt nirgends vor. Das macht die Lektüre angenehm, weil

der Leser frei bleibt in seiner Einschätzung der Gefahren und der Chancen, welche die neuen

Entwicklungen im Iran eröffnen. Die Sprache B. Nirumands ist die des im Exil ernüchtert

gewordenen Exilanten. Sein Buch bietet eine ernste Analyse von zwei «Lagen», wie man in

der Diplomatie sagen würde. Einmal von der Lage, die durch die Politik der Urananreicherung

und dem möglichen Bau einer Atombombe bestimmt ist, und andererseits von der Lage, die

bestimmt ist durch Enttäuschung einer so großen Zahl von Menschen im Iran, die sich

von dem Mullahregime abwenden. B. Nirumand nennt das Regime mit dem einzigen

Begriff, den die Wissenschaft dafür vorsieht: eine Theokratie.

 

Wer ist Bahman Nirumand? Er ist aus seinem Heimatland Iran zweimal geflohen. In

 den sechziger Jahren war er einer der entschiedensten Gegner des Schah-Regimes im

 Exil. Sein Buch «Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien

Welt» (1967) war neben den BüIJhern von Herbert Marcuse, Max Horkheimer und

Theodor W. Adorno für meine Studentengeneration maßgebend. Ein Buch wie ein

flammendes Flugblatt. Es war auch das erfolgreichste politische Taschenbuch, das

damals bei Rowohlt in der Reihe «rororo-aktuell» erschienen ist.

 

Bahman Nirumand flog 1979 mit Pauken und Trompeten aus dem für ihn sicheren

Asyl- und Exilland Deutschland in den von Ayatollah Chomeini versprochenen «Neuen

 Iran». Doch er musste nach drei Jahren wieder ins Exil, zuerst nach Paris, anschließend

nach Berlin. Er hat viele seiner früheren .Positionen geändert. Er lebt nicht mehr aus

 einer Verachtung für Religion im allgemeinen und für den Islam im besonderen heraus,

wie sie seinerzeit einige Linke propagierten. Er respektiert die Bedeutung von Religionen

 

Rupert Neudeck, Troisdorf

 

Aus: Orientierung, Katholische Blätter für weltanschauliche Informationen, Hrsg.: Institut

 für Weltanschauliche Fragen, Zürich, Nr. 20, 31.10.2006, S. 213 ff

 

Zusammenfassung: H-A Link