Wenn Islamisten Sprengstoff hinterm Altar verstecken

Irakische Christen werden zunehmend diskriminiert, entführt und umgebracht.

Viele flüchten ins Ausland oder an sichere Orte im Irak. Andere wollen sich verteidigen

 

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Die Christen im kriegszerrütteten Irak unter amerikanischer Kontrolle sind bedroht. Sie fliehen nach Jordanien, weiter in die USA und nach Europa oder ziehen innerhalb des Iraks in ruhigere Gebiete. Rund 30000 Christen hätten seit April, dem Beginn der Aufstände und des grenzenlosen Terrors, den Irak verlassen, schätzt Yonadam Kanna, Vorsitzender der chaldäisch-assyrischen Vereinigung, der 750000 Mitglieder angehören. »Doch der Exodus wird weitergehen, solange keine Ruhe und Ordnung herrscht und wir um unser Leben bangen müssen.« Manche Gruppen haben es direkt auf die Christen abgesehen. Islamische Fundamentalisten fordern sie auf, ihre Alkoholgeschäfte zu schließen. Andere sollen ihre Boutiquen und Schönheitssalons dichtmachen. Frauen ohne Kopftücher, ohne Schleier werden auf der Straße zunehmend belästigt.

 

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Schon Saddam Hussein entfesselte eine Kampagne gegen Christen

Im Gebiet des heutigen Iraks leben Christen seit rund 2000 Jahren. Die Mehrheit gehört der mit Rom verbundenen chaldäischen Kirche an. Einige Chaldäer sprechen noch Aramäisch, die Ursprache der Christen, die Sprache von Jesus. Die zweite große christliche Gemeinde im Irak sind die Assyrer, Nachkommen der alten Reiche Assyrien und Babylonien, die zu den Ostkirchen zählen. Schwierigkeiten hatten Christen im Irak auch schon unter Saddam Hussein. Zwischen 1991 und 2002 sind 300000 ausgewandert. Die Ursache dafür lag in Saddams Abkehr vom Säkularismus nach dem verlorenen Golfkrieg 1991. Die neue Marschrichtung hieß antisäkular, antiwestlich, antichristlich. Als Allahu Akbar (Allah ist größer) als Schriftzug auf der irakischen Fahne erschien, wurden Alkohol, Casinos und Kneipen verboten. »Viele von uns verloren ihre Lebensgrundlage«, erklärt Yonadam Kanna die damalige Flüchtlingswelle.

Zu Saddams Anhängern rechnet der 53-jährige Assyrer auch die Entführer von christlichen Irakern in der jüngsten Zeit. 200 seien bereits gekidnappt worden, über 60 ermordet. »Die Fedajin-Kämpfer ließ Saddam zu brutalen Kriminellen ausbilden, ohne moralische Hemmschwellen«, sagt Kanna. Hinzu kämen noch 60000 Kriminelle, die kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im März 2003 aus den Gefängnissen freikamen, und natürlich internationale Terroristen. »Ein tödlicher Cocktail für die Christen«, meint Kanna. Angefangen habe der Bombenterror gegen christliche Einrichtungen Anfang August, als koordinierte Attacken in Bagdad und Mossul zehn Menschen das Leben gekostet haben. Die beiden Anschlagsserien auf Kirchen in den Bagdader Stadtteilen Karrada und al-Dora im September und November seien nur der vorläufige Höhepunkt.

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Tatsächlich neigen manche Muslime im Irak dazu, Christen mit den verhassten amerikanischen Besatzungstruppen zu identifizieren, weil sie denselben Glauben haben. Dabei geht es vielen von ihnen nicht um den Tod der Christen, wohl aber um ihre Vertreibung. Beim jüngsten Bagdader Anschlag auf Kirchen an einem Novembersonntag forderte ein anonymer Anrufer die Kirchengemeinde eine halbe Stunde vor der Bombenexplosion auf, das voll besetzte Gotteshaus schnell zu räumen. Als der Sprengstoff hochging, waren die Kirchen leer – niemand wurde getötet, keiner verletzt. »Die wollten ein Symbol treffen«, sagt Yonadam Kanna.

Nach: DIE ZEIT, 22.12.04, S. 8

http://www.zeit.de/2004/53/Christen