Irak
– Christen werden durch Islamisten systematisch verfolgt
Flucht in Ruinen
Die Lage der
Christen in Irak wird jeden Tag verzweifelter: Sie leiden unter der
systematischen Verfolgung durch Islamisten
VON ERWIN DECKER
(DOHUK)
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Sie hatten keine
Wahl. Innerhalb von einer Stunde mussten sie Mosul verlassen. Morgens lag ein
Papier unter der Eingangstür ihres Hauses, auf dem stand, dass die christliche
Familie den Dominikanerpater Jawdat bis mittags an die Islamisten ausliefern
soll. Wenn nicht, müsse die ganze Familie mit ihrem eigenen Blut bezahlen.
Unterschrift: Die islamische Bewegung im Irak.
Oraham Shaba und seine Frau Varina nahmen ihre drei Kinder, die Großeltern und
die Tante, luden so viel Hausstand wie möglich auf ihren Pickup und verließen
sofort die drittgrößte Stadt im Norden Iraks. Sie warnten noch den Pater. Der
floh in einem Taxi in das nahe Syrien, die Familie in ein christliches Dorf in
den Bergen Kurdistans. Sie möchten auf keinen Fall, dass der Name des Ortes
bekannt wird. Sie haben Angst, dass die Islamisten sie dann finden. Die Familie
lebt zu zehnt in einem Raum einer Ruine mit einer Plastikfolie als Dach. Die
Kinder können nicht zur Schule gehen. Das Ersparte ist bald aufgezehrt.
In Irak findet eine regelrechte Hatz auf Christen statt. "Von den 700 000
Christen, die in Irak wohnen, sind über 250 000 auf der Flucht", sagt
Pfarrer Emanuel Youkhana von der kleinen Hilfsorganisation Capni (www.capiraq.org ). Sie
ist die Einzige, die sich um die Christen in Irak kümmert. Der Pfarrer musste
selbst vor Saddam Hussein fliehen und gründete das Christliche Hilfsprogramm
e.V. in Wiesbaden für seine Landsleute. Jetzt ist er wieder für einige Wochen
in Irak. "Wir sind total überfordert. Es fehlt an allem und unsere Mittel
sind aufgebraucht. Es werden täglich mehr Flüchtlinge. Die Christen werden in
Irak systematisch verfolgt", berichtet Pfarrer Emanuel. Einige Mullahs in
Mosul haben eine Fatwa, den Erlass eines Religionsgelehrten, in den Moscheen
verkündet, dass das Töten von Ungläubigen und Kurden kein Verbrechen ist. In
Nordirak, in Kurdistan, ist es für die Christen sicherer. Aber der Preis für
die Sicherheit ist sehr hoch.
"Ungläubige"
sind Freiwild
Emil Awia lebte in Bagdad. Sein elfjähriger Sohn Allan wurde vor der Haustür
entführt, als er auf dem Weg in die Schule war. Die Forderung von 60 000 Dollar
einer Organisation mit dem Namen "Mohameds Armee" war für den
Automechaniker unerschwinglich. Es wurde über das Leben seines Sohnes
verhandelt wie auf dem Basar. Er ging zur Polizei und meldete die Entführung.
Die moslemischen Polizisten rieten dem Christen, sich mit den Entführern zu
einigen. Sie könnten nicht helfen, sie hätten selbst Probleme. Emil Awia wird
den Verdacht nicht los, dass die Polizei die Entführer kennt und sogar mit
ihnen zusammenarbeitet. Inzwischen hat er Informationen, dass seine Nachbarn
den Entführern den Tipp gaben, dass er Christ ist. Die islamischen Gangster
akzeptierten schließlich 15 000 Dollar Lösegeld. Freunde und Verwandte legten
zusammen. Es wurde alles verkauft. Eine Stunde nach der Freilassung Allans
verließ die Familie Bagdad.
"Christen sind bevorzugte Entführungsopfer, weil die Islamisten nicht die
unter ihnen übliche Blutrache fürchten müssen und viele Mullahs ihnen auch
keine Vorwürfe wegen der Verbrechen machen", so Pfarrer Emanuel.
Ungläubige sind für sie Freiwild. In Mosul riet ein islamischer Geistlicher:
"Christen, die aus der Stadt fliehen, muss man ihre Häuser nicht abkaufen,
wir bekommen sie später umsonst."
Die Mutter von Allan bekam auf der Fahrt in den sicheren Norden einen
Herzinfarkt. Sie ist jetzt in der Obhut ihrer Eltern in Kirkuk. Emil und seine
beiden Söhne leben in einem Zelt mit drei andern geflohenen Christen hoch in den
Bergen Kurdistans. Weit und breit ist niemand. Nachts fällt die Temperatur auf
weit unter null. Der Boden ist vom Regen aufgeweicht. Um das Zelt ist ein
Graben gezogen, damit das Wasser nicht hineinläuft. Pfarrer Emanuel bringt
ihnen einen kleinen Kerosinofen für das Zelt. Sie würden sich gern im Frühjahr
ein Haus bauen. Aber keiner hat das Geld dafür.
Kaum noch
Gottesdienst
"Die Bedingungen sind hart. Aber wir sind hier sicher. Wir gehen nie mehr
nach Bagdad zurück. Lieber sterben wir in Freiheit, als den Islamisten wieder
ausgeliefert zu sein", sagt Emil Awia. Er würde gern mit Gleichgesinnten
in der entlegenen Gegend ein Dorf nur für geflohene Christen gründen. Er blickt
Pfarrer Emanuel Hilfe suchend an. Sichtlich betroffen verlässt der das Zeltlager
in den Bergen mit den drei Männern und ihren Kinder aus Bagdad.
In Bagdad sind inzwischen 13 Kirchen zerstört, in Mosul acht. Es wird kaum noch
Gottesdienst gehalten in den Städten, weil eine volle Kirche ein einfaches Ziel
für Anschläge ist. Christliche Kinder, die jahrelang mit ihren moslemischen
Freunden gespielt hatten, werden von ihnen jetzt in der Schule und auf der
Straße als "Kuffar" beschimpft. Das ist das schlimmste Wort für
Ungläubige. "Wenn ihr Moslems werdet und mit uns in die Moschee geht, seid
ihr wieder unsere Freunde", bekommen die Kinder zu hören. Sie verstehen
die Welt nicht mehr. Und ihre Eltern können ihnen das Verhalten ihrer
Klassenkameraden auch nicht erklären. Bisher gab es diese Probleme nicht.
"Die Hetze kommt eindeutig aus den Moscheen", weiß Pfarrer Achiqar
von der assyrischen St. Georg Gemeinde aus Mosul. Er fand morgens auch einen
Brief vor seiner Tür, dass er die Stadt sofort verlassen solle oder das
"Schwert Allahs" werde ihn treffen. Er hatte keine Wahl. In den
vergangenen vier Monaten wurden allein in Mosul 640 Christen ermordet. In
Bagdad starben 350. Der Exodus der Christen ist in vollem Gang. Die meisten
fliehen mit allem, was sie transportieren können, in die Kurdengebiete des
Nordens. Einige kommen bei Familienangehörigen in den Dörfern unter, der Rest
hofft, dass Cappni und Pfarrer Emanuel Youkhana Wunder vollbringen können.
Frankfurter Rundschau, 19.1.05, S. 3
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/die_seite_3/?cnt=619474&