Die globale
Vernetzung durch das Internet ermöglicht es einer ganzen Generation von jungen
Muslimen, die Ideen eines umfassenden Dschihad - eines heiligen islamischen
Krieges - in Windeseile über die Erde zu verbreiten, schreibt Elmar Theveßen.
Er berichtet über die neue Gemeinschaft der Muslime, die nicht räumlich oder
ethnisch, sondern virtuell miteinander verbunden ist. Das Internet ermöglicht
es, die Forderurig nach einer reinen islamischen Gemeinde zu formulieren, die
so lebt, wie die Gemeinde um Muhammad in Mekka und Medina im 7. Jahrhundert der
christlichen Zeitrechnung lebte. In jener als "Goldenes Zeitalter"
bezeichneten Epoche konnte der Islam -
unbedroht von anderen Mächten - seine größte Ausbreitung verzeichnen. Heute
wird er in seinen eigenen Kernländern wieder bedroht. Die Antwort der
Dschihadisten ist laut Theveßen der bewaffnete Kampf" gegen die Besetzer
und Unterdrücker.
Durch das Web kann
jeder zum Terroristen werden. So kursieren beispielsweise Anleitungen zum
Bombenbasteln im . Internet: "Do-it-yourself-Dschihad“ nennt
Theveßen das. Der "Virus
eines pervertierten Islam" gehe von islamistischen Websites aus. Der Kampf
für die Sache des Islam, so zitiert Theveßen einige muslimische Gelehrte, sei
die Pflicht jedes Muslims. Radikale islamische Einrichtungen in Deutschland wie
die König-Fahd-Akademie in Bonn seien die Kaderschmiede für diese radikale
Auslegung des Islam: "Wenn man dem Bundesamt für Verfassungsschutz glauben
darf, dann legen Zentren, in denen ein extremer Islam gelehrt wird, den
Grundstein für islamistischen Terrorismus." Die Rekrutierungen für den
Dschihad finden also auch in der Bundesrepublik statt. "Nach den
Äußerungen im Internet zu schließen, wachst auch bei den jungen Muslimen in
Deutschland die Bereitschaft, sich für Selbstmordattentate anwerben zu
lassen."
Ziel dieses Dschihad
sind nicht Deutschland oder seine Nachbarn, sondern diejenigen, die in das
"Haus des Islam" eindringen. "Angesichts des Ausmaßes der
Unterdrückung sei es sogar Pflicht für jeden Muslim, die Kampfer und deren
Angehörige mit Spenden zu unterstützen", zitiert Theveßen einen seiner
Informanten. "Wer aus Westeuropa in diese Länder ziehe, um am Dschihad
teilzunehmen, der wandle auf dem Pfad Allahs." Nach Aussage des Informanten
sei ein Kampf in Europa nicht notwendig, weil hier der Islam nicht angegriffen
werde. Aber alles andere "sei vom Koran einwandfrei gedeckt".
Neben der militärischen
Befreiung der islamischen Welt von Nicht-Muslimen steht auf der Agenda der
Internet- Muslime die Islamisierung Europas. Dort soll durch schrittweises
Vorgehen die westlich-christliche Gesellschaft in eine islamische
Gesellschaftsordnung überführt werden. Die türkische Milli Görüs Organisation führt
Theveßen an: "Offiziell distanziert sich die Milli Görüs vom Terrorismus
und gibt sich als ,legalistische' Organisation, die die Errichtung einer
islamischen Gesellschaftsordnung gewissermaßen mit einem Marsch durch die
Institutionen, also völlig legal, erreichen will. Aber in ihren Schriften wird
staatliche Autorität stets dem Gesetz des Korans untergeordnet." Islamische
Bastionen, Parallelgesellschaften entstehen, die mit der westlichen, christlich
geprägten nicht verschmelzen dürfen.
Diese Sichtweise
teilt in der Türkei nicht nur die Milli Görüs. Bereits 1994 hat der damalige Staatspräsident
Süleyman Demirel bekräftigt: "Damit die Türkei ihre Interessen in der Welt
verteidigt, mußte sie im Ausland eine Kolonie aufbauen." Und der Ministerpräsident
der Türkei, Erdogan, zitiert gerne ein türkisches Gedicht: "Die Minarette
sind unsere Bajonette, die Kuppeln sind unsere Helme, die Gläubigen sind unsere
Soldaten." Die institutionalisierte Parallelgesellschaft gibt es nicht nur
virtuell im Internet. Sie wird zum Teil politisch eingefordert. Politiker
instrumentalisieren den Islam und bedienen sich dabei der religiösen
Bildsprache, die oft kriegerisch konnotiert ist und die sich im Laufe der
Geschichte herausgebildet hat und die Muslime verstehen können. Es gibt
erschreckende Schnittstellen zwischen virtueller und realer Welt, die Theveßen
benennt.
ALEXANDER GORLACH
Elmar Theveßen: " Terroralarm". Deutschland
und die islarmistische Bedrohung. Rowohlt Verlag, Berlin 2005. 224 S., 14,90 .
Nach: FAZ, 31.12.05, S. 7, Schritt für Schritt .