Christen zwischen Sympathie und Ablehnung

Indiens Christen sehen einer schwierigen Zukunft entgegen


Die Schlagzeilen und Nachrichten, die in den letzten Jahren aus Indien kamen, waren mehr als erschreckend: Priester werden ermordet, Kirchen geschändet und Gläubige bedroht. Verantwortlich dafür ist der sich immer mehr radikalisierende Fanatismus.

Ist die Lage in Indien tatsächlich so ernst, oder sind es nur aufgebauschte Einzelfälle? Das Heinrichsblatt sprach dazu mit Pfarrer Padiyath aus Indien, der derzeit in Baiersdorf weilt.

Die Hindus fühlen sich von den fundamentalistisch-islamischen Nachbarländern bedroht. Daher kam es in der Vergangenheit oft zu Ausschreitungen gegen Moslems. Aber auch vom Missionsgedanken der Christen meinen die Hindus eine Gefährdung ihrer Kultur zu beobachten. Die Idee eines Indiens mit nur einer Religion, dem Hinduismus, gewinnt daher immer mehr an Popularität.

Der Vorsitzende des gesamt-indischen christlichen Rates (AICC), Dr. Joseph D’Souza, spricht davon, dass die Hindunationalisten mit den Gewalttaten die Nation religiös spalten wollten. Der hindunationalistische Vishwa Hindu Parishad spreche von religiösen Minderheiten als „Anti-nationale Kräfte“. Dies geht aus einer Anfrage der CDU/CSU-Fraktion an die Bundesregierung hervor. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte weist darauf hin, dass auf der Homepage der militanten Bajrang Dal der Papst als „einer der größten Feinde des Hinduismus“ und als „Teufel“ bezeichnet werde.

Obwohl in der Verfassung die Religionsfreiheit garantiert und Indien ein säkularer Staat ist, sei die Regierung mitschuldig an der derzeitigen Situation, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in einem aktuellen Aufsatz mitteilt. Die Koalition der Regierung setzt sich vor allem aus nationalistischen Parteien zusammen, stärkste Partei ist die Bharatiya Janatha Party (BJP). Diese unterstütze fanatisch-extremistische Gruppen, informiert die Organisation „Kirche in Not“.

Die Hindus sind mit 80 Prozent die große Mehrheit der Eine-Milliarde-Bevölkerung des Subkontinents. Elf Prozent sind Moslems und mit nur 2,6 Prozent der Einwohner sind die Christen eine Minderheit.

Die hinduistische Bevölkerung ist in ein Kastenwesen eingeteilt. Mitglieder der obersten Kaste sind Großgrundbesitzer und Fabrikherren. Die niedrigste Kaste sind die Kastenlosen, die sogenannten Dalits. Offiziell wurde das Kastenwesen bereits 1950 abgeschafft, doch die Kastenlosen werden von der restlichen Bevölkerung weiterhin gemieden und leben in tiefer Armut.

Diese Einteilung der Menschen in Kasten kritisieren heutzutage auch Hindus. Daher gibt es gewisse staatliche Sondergesetze, wie Quotenregelungen beispielsweise beim Berufseinstieg. Christliche Missionare leisten bei diesen Menschen Hilfsarbeit, indem sie Schulen oder Krankenhäuser unterhalten. Einige von diesen bekehren sich zum Christentum, weil es ihnen Halt bietet. Viele Dalits konvertieren aber auch zum Buddhismus und zum Islam.

Verschiedene Landesregierungen, an denen auch die BJP beteiligt ist, versuchen nun diese Übertritte einzudämmen. So müsse man nach Angaben der Konrad-Adenauer-Stiftung in dem Bundesland Gujarat vor einer Konversion die Erlaubnis der Behörden einholen. Es wird ebenfalls damit gedroht, dass Dalits im Falle eines Übertritts den Wert der erhaltenen Leistungen zurückzahlen, was in den meisten Fällen den Ruin der Betreffenden bedeutet.

Ist die Lage der Christen in Indien überall so schlimm und ist die Regierung wirklich so fundamentalistisch? Oder sind die Gewalttaten nur vereinzelt?

Pfarrer Thomas Padiyath ist derzeit Vertretung für Pfarrer Mathew Kiliroor in Baiersdorf im Dekanat Erlangen. Er wurde am 11. Februar 1969 in Ettamanoor in der Provinz Kerala in der Erzdiözese Changancherry im Süden Indiens geboren und dort 1994 zum Priester geweiht. Nun macht er in der katholischen Universität Leuven in Belgien seinen Doktor in Philosophie.

In seiner Heimatregion sind 35 Prozent der Menschen Christen, der große Teil von ihnen Katholiken, es gibt aber auch Orthodoxe. Die Region ist hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt, und dank des feuchten Klimas ist der Lebensstandard deutlich höher als im Norden. Daher gibt es in der Bevölkerung eine breite Mittelschicht. Doch die Unterschiede zwischen arm und reich sind dennoch sehr groß.

Toleranz und Sympathie

Pfarrer Thomas kennt den Hinduismus als eine sehr tolerante Religion. Innerhalb von nur 200 Metern stehen in seiner Heimatstadt eine Kirche, ein Hindu-Tempel und eine Moschee friedlich nebeneinander. Beim Stadtfest feiern alle Religionen zusammen. Die Hindus interessieren sich sehr für den Glauben der anderen, sie nehmen an Prozessionen genauso teil wie an Kirchenfesten. Des Weiteren gibt es in den christlichen Schulen Religionsunterricht für die Christen und Ethikunterricht für Hindus und Moslems. Besonders viele Übertritte zum Christentum gibt es aber nicht.

Woher kommen dann die gewaltsamen Übergriffe gegenüber den Christen? „Die Gefahr geht von den Politikern aus, die Religion und Politik mischen. Damit fördern sie die kleinen fundamentalistischen Gruppen“, informiert er.

Dennoch wollten die meisten Politiker mehr Toleranz schaffen und den Fundamentalismus eindämmen. Viele von ihnen wurden schließlich in christlichen Schulen unterrichtet. Gewalttaten werden normalerweise gerichtlich und von der Regierung verfolgt.

Auch in der BJP sind die politischen Führer nicht nur fundamentalistisch, es gibt auch Christen und Moslems in der Partei. Fundamentalistisch seien vor allem die Hintermänner, meint Pfarrer Thomas.

Im Norden des Landes, der aufgrund des trockenen Klimas ärmer ist, haben die Landlords die Macht. Diese Großgrundbesitzer beschäftigen viele arme Leute für wenig Geld oder Lebensmittel. Ihnen sind die Missionare ein Dorn im Auge, die die Armen in ihren Schulen unterrichten. Dort lernen die Leute, dass sie nicht nur Pflichten haben, sondern auch Rechte. Die Landherren fühlen sich nun in ihrer machtvollen Stellung bedroht und sind zumeist gegen die Christen eingestellt.

Religionsfreiheit und Rechtsbruch

Die indische Verfassung garantiert die Religionsfreiheit und es gibt Minderheitsrechte. Doch was Recht ist, wird wegen dem politischen Einfluss gewisser Leute manchmal nicht angewandt. So versuchen die einzelnen Landesregierungen immer wieder Anti-Konversionsgesetze durchzusetzen und die Minderheitsrechte zu beschränken. Das aber verstößt gegen die Verfassung. In Indien ist es wie in Deutschland: Bundesrecht bricht Länderrecht. Daher werden diese Sondergesetze vor Inkrafttreten alle vom Obersten Gericht auf ihre Gültigkeit geprüft.

Doch Indien ist groß. Jede Provinz hat eigene Traditionen und Kulturen mit den verschiedensten Religionen (im Hinduismus gibt es allein 220 Millionen Götter). Es gibt auf dem Subkontinent 17 offizielle Sprachen und 1500 Dialekte. Daher ist die Durchsetzung des staatlichen Rechts mancherorts recht schwierig.

Und was wird die Reaktion auf den Bombenanschlag in Bombay sein? „Die Regierung wird auf jeden Fall etwas unternehmen, aber bis jetzt weiß man noch nicht, wer dahinter steckt. Der Anschlag war nicht gegen eine Religion oder eine Gruppe gerichtet, es war ein terroristischer Anschlag gegen die Menschlichkeit.“

Die Kirche müsse sich in Zukunft den Problemen und einer starken Hindu-Opposition stellen, so Pfarrer Thomas. Es werde nicht leicht, da die Priester für die Rechte der armen Menschen kämpfen. „Gewalt gegen Minderheiten ist nicht nur in Indien ein Problem, die Gewalt wird in den nächsten Jahren auf der ganzen Welt zunehmen.“

Zwischen indischer Tradition und christlichem Glauben

Vom Christentum gehe seiner Meinung nach für die indische Kultur keine Gefahr aus. Das von radikalen Hindus häufig vorgebrachte Vorurteil, dass das Christentum eine ausländische und fremde Religion ist, zählt nicht. Das Christentum habe sich über 2000 Jahre stark an die indische und damit hinduistische Kultur angelehnt, so der Pfarrer weiter. Denn die meisten Christen in Indien gehören zu den mit Rom unierten Thomaschristen an. Der Überlieferung nach wurde diese Glaubensgruppe vom Apostel Thomas begründet, der über Syrien nach Indien kam. Seit dem 1. Jahrhundert soll es auf dem Subkontinent Christen geben, damit wäre die indische Kirche älter als jede europäische.

Die Christen übernahmen viel Kulturgut vom Hinduismus. Dieses wird durch verschiedene Dinge deutlich, zum Beispiel dem Kirchenbau im Stil von Hindu-Tempeln, verschiedenen kirchlichen Festen oder dem Fasten. Im Ehesakrament merkt man dies besonders. Alle verheirateten Frauen in Indien tragen eine „Tali“ (ein kleines Goldstück) in der Form eines Blattes. Dies haben die Christen übernommen und mit einem Kreuzzeichen aus sieben Goldpunkten versehen. Diese sieben Punkte stehen für die sieben Sakramente.

In Indien gibt es drei verschiedene katholische Riten: die syro-malabarische Kirche, welche schon immer katholisch war, die römisch-katholische Kirche, die mit den Portugiesen im 15. Jahrhundert ins Land kam und schließlich die syro-malankarische Kirche, die bis 1930 orthodox war und jetzt mit Rom reuniert ist. Die syro-malabarische Kirche ist eine von 21 orientalischen Kirchen und existiert seit dem 1. Jahrhundert nach Christus. Ihr Symbol ist das St. Thomas-Kreuz, welches besonders auf die Verbundenheit mit dem Hinduismus hinweist. Es entspringt einer Lotosblüte, ein Symbol für das göttliche Leben in der indischen Mythologie. Die Kreuzbalken enden ebenfalls in Blüten. Am Kreuz befindet sich kein Körper: Christus ist bereits auferstanden und wirkt nun durch den heiligen Geist, dargestellt als Taube über dem Kreuz.

Das Argument der Gegenseite, die Christen wollten nur missionieren, gilt ebenfalls nicht: „Zuerst wollen die Missionare und Ordensschwestern helfen und die Situation verbessern.“

Johannes Winkler


Weiterführendes:
Zu den Seiten des Erzbistums Bamberg

24.09.2003

Quelle: http://katholische-kirche.de/