Sozialexperten
sehen Fehler: Eingliederung benachteiligter junger Menschen in Gefahr, wenn
Hilfen nur noch als Darlehen kommen
Allein lebende junge Leute, die zur Schule
gehen oder in der Ausbildung stecken, erhalten nach Hartz IV Hilfe zum
Lebensunterhalt nur noch als Darlehen. In Frankfurt sind bis zu 400 junge
Menschen betroffen. Die Stadt drängt auf Gesetzesänderung, damit Ausbildung
nicht zur Schuldenfalle wird. Kassel hat sich dem Protest angeschlossen.
VON ANITA STRECKER
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Frankfurt · 10. Januar · Ihm blieb keine Wahl: Sebastian G. (Name von
der Redaktion geändert) musste aus der Drei-Zimmer-Wohnung der Eltern
ausziehen. Der 18-jährige Gymnasiast konnte nicht länger in einem Zimmer mit
seinem schwer behinderten Bruder schlafen. Der 14-Jährige mit der
missgebildeten Speiseröhre muss mehrmals nachts abgesaugt werden. Keine Nacht
durchschlafen, außerdem brauchte der Bruder ein Pflegebett, das Zimmer wurde
für beide zu klein. "Als nebenan eine Dachzimmerwohnung frei wurde, schien
das die ideale Lösung", sagt Mutter Hilde G. ..........
Vorigen September ist Sebastian G. ausgezogen, Miete und Hilfe zum
Lebensunterhalt - zu teuer für die Eltern - übernahm das Sozialamt wegen der
besonderen Härte des Falls. Im Dezember dann die Hiobsbotschaft: Nach Hartz IV
kann die Stadt das Geld nicht mehr als Beihilfe, sondern nur noch als Darlehen
gewähren. Dem 18-jährigen Schüler stehen nach neuem Recht keine Leistungen mehr
nach dem Bundessozialhilfegesetz zu, erklärt die stellvertretende
Sozialamtsleiterin Inge Köhler. Bleiben für Sebastian G. nur Schülerbafög und
theoretisch das neue Arbeitslosengeld II. Doch hier schreibt das Gesetz vor,
dass Auszubildende Hilfe zum Lebensunterhalt nur in "besonderen
Härtefällen" erhalten und dies nur als Darlehen. ............
Der Widerspruch bei der Stadt,
Anrufe in Berlin und Wiesbaden haben bisher nicht weitergeholfen. Allerdings:
Noch muss Hilde G. die Hoffnung nicht aufgeben. "Wir finden die Regelung
auch nicht in Ordnung", sagt Vize-Sozialamtsleiterin Inge Köhler.
Sozialdezernent Franz Frey (SPD) hat bereits den Ombudsrat in Berlin angerufen,
der sich um soziale Härten der Sozialreform zu kümmern hat. Außerdem, sagt
Sozialamtssprecherin Manuela Skotnik, will die Stadt über den Deutschen
Städtetag, auf eine Gesetzesänderung drängen. "Wir suchen weitere Städte
als Verbündete, um Druck zu machen." Denn Sebastian G. ist kein Einzelfall.
Allein in Frankfurt sind laut Inge Köhler 300 bis 400 allein lebende
Jugendliche oder junge Erwachsene betroffen, die noch zur Schule gehen oder in
der Ausbildung stecken. Junge Menschen, die weit entfernt vom Elternhaus zu
Studium oder Ausbildung müssen. Jugendliche, die aus einem schwierigen sozialen
Umfeld stammen und nicht bei den Eltern leben können. Jugendliche, die
Erziehungs- oder Eingliederungshilfen erhalten. Ausländische Jugendliche ohne
Schulabschluss, allein Erziehende oder junge Paare. "Gerade bei ihnen lag
uns die Förderung immer besonders am Herzen. Es ist uns wichtig, dass junge
Leute in schwierigen sozialen Situationen eine Ausbildung und damit
Zukunftsperspektiven erhalten", sagt Manuela Skotnik.
Die bisherige Kann-Lösung nach dem alten Bundessozialhilfegesetz, das es der
Kommune überließ, ob Miete und Lebensunterhalt als Beihilfe oder als Darlehen
gezahlt wird, sei in Frankfurt immer großzügig ausgelegt worden: Frühzeitig
helfen und fördern, das ist schließlich preiswerter als dauerhafte Sozialfälle.
Inge Köhler sieht mit der neuen Gesetzgebung die bisherige Arbeit zur
Eingliederung benachteiligter junger Menschen in Gefahr: "Es kostet oft
viel Mühe, bis man die Leute überhaupt so weit bringt, einen Schulabschluss
oder eine Ausbildung zu machen. Und jetzt müssen wir allen, die mühselig
überredet wurden, sagen: Leider müsst ihr alles zurückzahlen, wenn ihr mit der
Ausbildung fertig seid."
Noch hagelt es nur Beschwerden. Doch Inge Köhler befürchtet, dass etliche ihre
Ausbildung hinschmeißen werden und sich lieber mit Gelegenheitsjobs über Wasser
halten. Tagelang, sagt sie, habe sie deshalb mit Juristen Paragraphen gewälzt,
um eine Lücke im Gesetz zu finden und den Webfehler mit der gestrichenen
Beihilfe für Auszubildende kaschieren zu können. Fehlanzeige. Zu dem Schluss
seien inzwischen auch andere Städte gekommen, wie Sozialamtsmitarbeiter Ali
Bender nach ersten Rundrufen bestätigt: "In München sind noch mehr
betroffen, die Stadt will auch auf eine Gesetzesänderung drängen." Gleiches
gilt für Kassel, wo laut Detlev Ruchhöft, Geschäftsführer der Arbeitsförderung
Kassel-Stadt, etwa 130 junge Leute betroffen sind. "Wir können es uns
nicht leisten, dass sie hinten runter fallen." Kassel habe deshalb
ebenfalls in Berlin schon auf Abhilfe gedrängt: "Es muss schnell was
geschehen."
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Nach Frankfurter Rundschau 11.1.05, S. 29
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/frankfurt_und_hessen/frankfurt_und_hessen/?cnt=616097&