Hanau - Viele Katholiken üben sich im Spagat

In Hanau ist nach umstrittener Papst-Äußerung keine Welle von Kirchenaustritten registriert worden

 Hanau (mkl). Von "Nicht nachvollziehbar" bis "Wir stehen fest an der Seite des Papstes" reichen die Meinungen und Statements katholischer Christen in Hanau. '"Natürlich ist die Entscheidung von Papst Benedikt XVI. ein Diskussionsthema unter unseren Gemeindemitgliedern. Wie gesagt ein Thema, aber kein herausragendes", sagte der Pfarrer der Gemeinde St. Elisabeth in Kesselstadt und stellvertretender Dechant, Andreas  Weber auf Anfrage des HA.

 Bundesweit hatte bei vielen Katholiken das Zugehen des Papstes auf die erzkonservative Pius-Bruderschaft Enttäuschung, Entsetzen und Proteste ausgelöst. Der Heilige Vater hatte die Exkommunizierung von vier umstrittenen Bischöfen zurückgenommen. Einer von ihnen, der Brite Richard Williamson" hatte die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazis bestritten. Die Entscheidung des Papstes hat in einzelnen Pfarrgemeinden seit einigen Tagen zu einer ungewöhnlichen hohen Zahl an Kirchenaustritten geführt.

 "In St. Elisabeth ist dies nicht der Fall", berichtete Pfarrer Weber. "Im Gegenteil. Mit Amtsantritt des deutschen Papstes konnten wir eine Eintrittswelle verzeichnen. Bei uns herrscht ein großes Bemühen den Papst zu verstehen. Das Zugehen auf die Bruderschaft war ein Akt der Barmherzigkeit."

 Auf die Frage, ob der Papst den Holocaust-Leugner Williamson exkommunizieren solle, sagte Pfarrer Weber: "Es steht mir nicht an, dem Papst Ratschläge zu erteilen. Ich habe das Vertrauen, dass der Heilige Vater die richtigen Schritte einleiten wird." Der stellvertretende Dechant machte dabei unmissverständlich klar, dass Antisemitismus in der Kirche keinen Platz hat. Für Hans-Albert Link, Sprecher der reformorientierten Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche", Regionalgruppe Hanau im Bistum Fulda, ist die These, der Papst sei vor den Entscheidung falsch beraten worden, unglaubwürdig. "Der Papst ist ein intelligenter Mann und ein hervorragender Kenner des Vatikans. Die Einberufung der Kommission, die die Papst-Entscheidung in die Wege geleitet hat, ist unter dem Vorzeichen der Geheimhaltung geschehen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Teile des 2. Vatikanischen Konzils revidiert werden sollen", sagte Hans-Albert Link.

 Im Sommer dieses Jahres werde es zur Nagelprobe kommen, wenn die Pius-Bruderschaft - wie angekündigt - neue Priesterweihungen vornehmen will. Mit der Entscheidungen des Papstes werde deutlich; dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Während Vertreter der Befreiungstheologie mit Sanktionen wie Lehrverbot belegt werden, werden ultrakonservative Anhänger des Erzbischofs Lefevre hofiert.

 Der französische Erzbischof wandte sich gegen die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils und gründete in Econe (Schweiz) eine eigene Priesterbruderschaft, die vom zuständigen Bischof genehmigt wurde. Gegen den Willen Roms weihte Lefevre 1988 vier Bischöfe.

 Wie. schwer sich liberale Geister wie der Mainzer Kardinal Lehmann mit der Papst - Entscheidung tun, war ihm bei seinem Auftritt in der Talkrunde "Beckmann" anzusehen.

 Viele Katholiken üben sich zurzeit im Spagat. Zu einer Austrittswelle aus der Kirche hat diese Übung in Hanau gleichwohl nicht geführt. Hermann Scheld, im Amtsgericht Hanau für Kirchenaustritte zuständig, wusste auf HA-Anfrage von keinen ungewöhnlichen Zahlen an Kirchenaustritte zu berichteten. "Die halten sich auf dem Niveau vergleichbarer Monate."

 Hanauer Anzeiger, 13.2.2009, S. 17