Weltjugendtag – Anmerkungen von Wir sind Kirche Fulda - Hanau
Hanau – Post: Wir alle haben noch die Bilder von Hunderttausenden Jugendlichen in Erinnerung, die beim Weltjugendtag in Köln Papst Benedikt XVI. zujubelten. Hat Sie diese Begeisterung der Jugend für den Papst überrascht?
Link: Nein. Wir erleben doch derzeit, dass das Thema Religion, die Spiritualität wieder im Kommen ist. In vielen Ländern ist ein Wiedererstarken der Religionen spürbar. Die Begeisterung für den Papst hat sicherlich auch viel mit dem Vorgängerpapst Johannes-Paul II. zu tun. Die Eliten in Politik, Wirtschaft und Showbizz haben in ihrer Glaubwürdigkeit abgewirtschaftet. Die Jugend sucht aber glaubwürdige Vorbilder. Und Papst Johannes-Paul II. war so ein glaubwürdiges Vorbild. Die Jugend spürte, das ist ein Mann, der lebt, was er sagt. Auch wenn man inhaltlich nicht alles gutheißt. Und für Papst Benedikt gilt sicherlich ähnliches.
Aber kann man aus der Begeisterung für den Papst auch auf eine Begeisterung für die katholische Kirche schließen?
Link: Das ist schwer zu sagen. Unter den Hunderttausenden von Jugendlichen, die in Köln dabei waren, gibt es ein breites Spektrum. Zu den Jugendlichen aus dem Ausland kann ich wenig sagen.
Aber auch unter den deutschen Jugendlichen gibt es viele Unterschiede. Ich stelle zum Beispiel auch bei Kirchentagen immer wieder fest, dass dort viele junge Leute teilnehmen, die später in den Gemeinden nur bedingt auftauchen. Der Versuch der katholischen Kirche, jungen Menschen Religiosität über solche Events wie den Weltjugendtag nahe zu bringen, ist legitim. Aber die Frage ist doch, ob das so gelingt, ob so tatsächlich Glaubensinhalte vermittelt werden können.
Die Begeisterung der Teilnehmer am Weltjugendtag war allenthalben spürbar. Von einer kritischen Diskussion allerdings sehr wenig. War der Weltjugendtag in dieser Hinsicht nicht auch eine verpasste Chance?
Link: Da muss man sehen, welche Bedürfnisse in welchen Ländern vorhanden sind. Der Weltjugendtag war in der Tat ein globales Ereignis. Die katholische Kirche ist eine Weltkirche. Manches, was bei uns ein Problem ist, stellt sich woanders ganz anders da. Aber auch zu globalen Herausforderungen der Kirche wie den Priestermangel oder die sozialen Fragen, die sich aus der Globalisierung ergeben, ist in Köln wenig gekommen.
Ein Problem, das sich bei uns in Deutschland in besonderer Weise stellt, ist die Ökumene. Das ist aber aus Sicht der katholischen Weltkirche eher ein Randphänomen, das längst nicht so im Vordergrund gesehen wird, wie hier in Deutschland.
Obschon Papst Benedikt XIV. in einer seiner ersten Äußerungen ja die Bedeutung der Ökumene unterstrichen hat.
Link: Ja, aber er meint, so fürchte ich, in erster Linie die Ökumene mit der orthodoxen Kirche. Zwischen katholischer und orthodoxer Kirche sind die Lehrgegensätze bei weitem nicht so groß wie zur evangelischen Kirche. Hinzu kommt, dass der frühere Kardinal Ratzinger als bayerischer Papst aus einem geschlossenen katholischen Umfeld stammt. Er hat von seiner eigenen Priestertätigkeit her den ökumenischen Leidensdruck ja nie so erlebt wie viele seiner Kollegen in anderen Teilen Deutschlands.
Als eine der großen Herausforderungen der katholischen Kirche haben Sie den Priestermangel bezeichnet?
Link: Ja, das ist ein Thema, das nicht nur in Deutschland akut ist. In Frankreich etwa gibt es Bistümer, in denen mittlerweile kein Priester mehr jünger als 60 Jahre ist. In Frankfurt betreut heute ein Pfarrer bis zu 40 000 Katholiken. Allein im Bistum Fulda werden in den nächsten Jahren 80 Pfarrer aus Altersgründen nahezu ersatzlos ausscheiden.
Kirchenintern läuft ja ein pastoraler Prozess, in dem die Frage geklärt werden soll, wie man mit dieser Entwicklung umgeht. Das wäre eine große Chance für die Laien, wenn man sie denn lässt. Aber selbst kleine Vorstöße, etwa dass Pastoralreferenten auch predigen dürfen, wurden abgeblockt.
Die Laienbewegung „Wir sind Kirche“ hat unter anderem mit dem Kirchenvolksbegehren 1995 auf den großen Reformbedarf innerhalb der Katholischen Kirche hingewiesen. Hunderttausende haben vor zehn Jahren die Forderungen unter anderem nach Gleichstellung der Frauen in kirchlichen Ämtern oder die Aufhebung des Zölibats unterstützt. Hat sich seither eigentlich inhaltlich irgendetwas getan?
Link: Ganz, ganz wenig.
Das muss doch für Sie unheimlich frustrierend sein?
Link: Auf der einen Seite ist das natürlich schon enttäuschend. Aber man muss auch das Wesen der katholischen Kirche sehen. Diese Kirche hat auch 80 Jahre Kommunismus ausgesessen. Diese katholische Kirche denkt nicht in Quartalszahlen, sondern in Jahrhunderten. Was die Sache für uns natürlich nicht leichter macht.
Aber glauben Sie denn, dass eine Aufhebung des Zölibats den Priestermangel beseitigen könnte?
Link: Schwer zu sagen. Ich glaube, weder das Zölibat noch die Schaffung des Frauenpriestertums lösen das Kernproblem der katholischen Kirche. Das ist für mich die Frage: Wie geht die katholische Kirche mit Lebenskrisen um? Die Kirche lehnt beispielsweise Sexualität vor der Ehe strikt ab. Für das Gros junger Menschen spielt das überhaupt keine Rolle. Ebenso wie ihre Haltung zur Schwangerschaftsverhütung.
Die Katholische Kirche sagt, dass Geschiedene von der Eucharistie auszuschließen sind. Wir haben im Main-Kinzig-Kreis mittlerweile eine Scheidungsquote von 54 Prozent. Ich frage mich immer, was die Kinder empfinden müssen, wenn sie sehen, dass ihre Eltern zwar zur Eucharistie wollen, aber nicht dürfen.
Besteht denn auf Seiten der katholischen Kirche überhaupt Dialogbereitschaft gegenüber Kritikern wie ihnen?
Link: Wir hatten 2004 ein Gespräch mit dem Fuldaer Bischof Algermissen. Er hat mich angenehm überrascht. Seine Ansicht nach sind alle, die hinter dem Glaubensbekenntnis stehen - und das tun wir -, Katholiken. Wichtig ist, dass dieser Dialog zwischen Amtskirche und Kritikern nicht abreißt, dass man geduldig daran weiterarbeitet.
Die Kirche richtet Veranstaltungen wie den Weltjugendtag aus, um den Glauben zu verankern. Ob das gelingt, wird die Zukunft lehren. Was aber, wenn das auch nicht die Jugendlichen in die Kirchen bringt und die Priesterseminare füllt. Dann braucht die Kirche neue Antworten.
Quelle: Hanau –
Post, 3.9.05