Gibt es ein Grundbedürfnis des Menschen nach Religion ?

"Nicht nur die europäischen Monarchen waren bis ins 20. Jahrhundert von der Unentbehrlichkeit der Religion überzeugt. Wenn etwa der letzte Deutsche Kaiser, Wilhelm II., sicher kein tief religiöser Mensch, dekretierte: »Dem Volke muß die Religion erhalten werden!«, dann hatte dies einen schalen Beigeschmack. »Dem Volke«, das hieß: Nicht den Intellektuellen, nicht einmal den »Gebildeten«, vor allem nicht den Aristokraten, die notfalls alle auch ohne Religion auskamen, galt seine Sorge. Aber die kleinen Leute konnten ohne Religion das Parieren verlernen, vielleicht sogar den gottlosen Sozialdemokraten zulaufen. Es stimmt schon, daß Religion ihre Funktion im Herrschaftsgefüge hatte. .....

Wie immer man Religion definieren mag, als Begegnung mit der Transzendenz, mit dem Unverfügbaren, mit dem, was »uns unbedingt angeht«, mit dem ganz Anderen oder dem Heiligen.- Religion kommt nur bei Menschen vor, dort allerdings in den verschiedensten Kulturen auf die unterschiedlichste Weise. Tiere haben offenkundig kein religiöses Bedürfnis. Haben es alle Menschen?

Am Anfang des 21. Jahrhunderts neigen wir wohl eher dazu, diese Frage mit Nein zu beantworten. Menschen können nur kurze Zeit leben, ohne zu trinken, etwas länger, ohne zu essen, aber sie können 100 Jahre leben, ohne zu beten. Nicht nur einzelne, auch Familien, Schichten, ja ganze Staaten und Kulturen kommen ohne Religion aus. Oft ist das Verschwinden der Religion verbunden mit dem Aufkommen von Ersatzreligionen. Im kommunistischen Nordkorea wird bis heute eine säkulare Religion zelebriert, bei welcher der - inzwischen verstorbene - Kim Il Sung die Rolle Gottvaters, Kim Jong Il die des Sohnes, die »Juche« - Ideologie die des Heiligen Geistes übernommen haben. Sogar auf die Mutter Kim Il Sungs werden Hymnen gesungen, die an Marienlieder erinnern. Ist Religion also doch unausrottbar?

Offenbar nicht. Denn auch da, wo keine Ersatzreligion an ihre Stelle tritt oder eine Ersatzreligion sich nicht halten konnte, kann Religion absterben. Sie wird dann nicht ersetzt durch eine dezidiert atheistische »Weltanschauung«, die Dogmen einer neuen Ideologie, sondern durch eine amorphe Gleichgültigkeit. Religion ist einfach kein Thema mehr, es gibt Wichtigeres. Sie ist aus dem Bewußtsein verdrängt. Vielleicht steht uns die Erfahrung einer in dieser Weise radikal religionsfernen Kultur erst noch bevor. Im neoliberalen Menschenbild ist kein Platz für Religion, aber auch in einer neoliberal geprägten Gesellschaft findet sich kein Ort, wo sie sich ansiedeln könnte, es sei denn in einem Markt religiöser Kuriositäten. Der Idealmensch des Neoliberalismus ist vollauf damit beschäftigt, den Markt zu bedienen und sich am Markt zu bedienen, anzubieten und zu konsumieren. Der Markt absorbiert immer weitere Bereiche der Gesellschaft und damit immer mehr menschliche Energien. Noch vor zehn Jahren hätte niemand geahnt, wieviel Zeit und Energie ein Mensch darauf verwenden kann, das jeweils billigste Ferngespräch ausfindig zu machen. Wo die Jagd nach Schnäppchen zur Leidenschaft geworden ist, tritt alles andere zurück. ......

Wird aus der Marktwirtschaft die Marktgesellschaft, so wird es eng für die Religion. Die Marktgesellschaft hat die Tendenz, den Menschen ganz in Anspruch zu nehmen. Natürlich wird die Marktgesellschaft keinen aggressiven Atheismus hervorbringen, das würde niemandem etwas einbringen. Aber sie kann mit ihren Anforderungen und Angeboten alle Aufmerksamkeit so vollständig ansaugen und aufsaugen, daß Fragestellungen, die sich nicht vermarkten lassen, einfach untergehen. Dazu gehören nicht nur die religiösen, aber sie bestimmt. Religionsgemeinschaften, die sich anpassen, auf dem Markt religiöser Kuriositäten mithalten wollen, könnten rasch der allgemeinen Banalisierung verfallen. Für Jesus oder Mohammed läßt sich nicht werben wie für Volkswagen oder die Dresdner Bank.

Auch wenn man den Begriff der Religion sehr weit faßt, läßt sich nicht bestreiten, daß Menschen ohne Religion leben und sterben können, und zwar nicht weniger respektabel als andere. Offen ist, ob ganze Gesellschaften auf Dauer in Gleichgültigkeit gegenüber dem Religiösen verharren können, ob das Bedürfnis nach Religion nicht immer wieder aufbricht, vielleicht in höchst befremdlichen Formen. Schon jetzt sprechen Soziologen von »vagabundierender Religiosität«. Wo die Vagabunden sich niederlassen und was sie dann anstellen und anrichten, weiß niemand. ...

Solange Menschen geboren werden und sterben müssen, werden sie immer wieder fragen, woher sie kommen und wohin sie gehen." Auch in der Psychologie wird von Maslow ein angeborenes Bedürfnis nach Transzendenz konstatiert. Solange Menschen sich in einer Wirklichkeit zurechtfinden müssen, die sich ihnen nie ganz erschließt, werden sie fragen, ob, was sie mit ihren Sinnen und ihrem Verstand wahrnehmen, die ganze Wirklichkeit sei. Zu allen Zeiten hat dies die einen mehr, die anderen weniger umgetrieben. Das wird wohl so bleiben, und damit müssen sich beide abfinden, die sich über die Gläubigen und die sich über den Unglauben wundern."

Ob die klassischen Dogmen- und Katechismusantworten der kath. Kirche eine für die heutigen Menschen tragfähige Antwort auf ihre Fragen nach dem Woher und Wohin bieten, sei dahingestellt.

Nach: E. Eppler, Was braucht der Mensch?

Bearbeitung: H-A Link