Das Große Schisma: Am Absolutheitsanspruch des
Papstes zerbrach vor 950 Jahren die Einheit der Kirche

Stuttgart, 1.7.2004 (epd). Das Morgenländische Schisma, die erste große
Kirchenspaltung, lässt sich auf den Tag genau datieren: am 16. Juli 1054,
vor 950 Jahren, legte der römische Kardinal Humbert von Silva Candida die
Bann-Bulle auf einen Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel. In ihr werden
die orthodoxe Kirche als "Quelle aller Häresien" bezeichnet, der Patriarch
und führende Personen der orthodoxen Kirche exkommuniziert. "Der Rock
Christi zerriss", so sahen es schon Zeitgenossen.

So spektakulär die Handlung auch war - ihr folgte kurz darauf die
Exkommunikation Humberts und seiner Begleiter durch die orthodoxe Kirche -,
so bildete sie nur den Abschluss einer fast tausendjährigen Entfremdung
zwischen West- und Ostkirche. Historiker stimmen heute darin überein, dass
nicht theologische Differenzen der Hauptgrund für die Trennung waren,
sondern kirchenpolitische Faktoren. Hier ist vor allem der immer ungenierter
erhobene Machtanspruch des Bischofs von Rom zu nennen.

Die Kirchenspaltung des Jahres 1054 wurde durch ganz banale Ereignisse
begünstigt. Die zur Zeit der Urkirche im gesamten Mittelmeerraum gesprochene
Weltsprache Griechisch hatte ihre Bedeutung immer mehr verloren. Im Westen
sprach man fast nur Latein. Umgekehrt verschmähten es die griechischen
Patriarchen, diese von ihnen als "barbarisch" eingestufte Sprache zu lernen.
Daher schrumpfte der theologische Austausch.

Kulturen und Theologie entwickelten sich in West und Ost unterschiedlich.
Die überwiegend juristisch-politisch gebildeten Theologen der Westkirche
beschäftigten sich mit Themen wie Erbsünde und Rechtfertigungslehre. Für die
auch in Philosophie und Naturwissenschaften gebildeten Theologen der
Ostkirche ging es mehr um grundlegende philosophische Fragen.

Außerdem entwickelten sich im Laufe der Zeit im Westen und im Osten
unterschiedliche Gottesdienstliturgien und verschiedene Bekreuzigungsriten.
In den Kirchen des Ostens hielt man an der bis ins vierte Jahrhundert zurück
reichenden Liturgie fest, Musikinstrumente sind bis heute unüblich, man
steht beim Beten, verehrt Ikonen und lehnt Heiligenstatuen ab.

Auch die politische Entwicklung begünstigte die Kirchentrennung. Das
Oströmische Reich hatte immer sein gewachsenes Machtzentrum Konstantinopel
und immer mehrere stets ranggleiche Patriarchen. Im Westen dagegen trat an
die Stelle des untergegangenen römischen Reiches der Bischof von Rom, der
als einziger Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten schien. Ihm wuchs
immer mehr an zentraler Autorität zu. Schon früh erhob er den Anspruch, die
absolute Autorität aller zu sein.

Das letzte gemeinsame Konzil der Ost- und Westkirche tagte im Jahr 787. Die
sich danach herausbildenden Unterschiede wurden vertieft durch den heute
rational nicht mehr erklärbaren Filioque-Streit: Die Westkirche hatte das
aus dem Jahr 381 stammende nicänische Glaubensbekenntnis eigenmächtig
ergänzt, um die Gleichheit von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, zu
unterstreichen. Diese Änderung wurde von der Ostkirche nicht mitgetragen,
weil sie nicht von einem gemeinsamen Konzil aller Kirchen beschlossen worden
war.

Der Westen führte zudem das - biblisch nicht begründbare - Zölibat ein, der
Osten nicht. Im Jahre 1054 kam es dann zur Kirchenspaltung, weil der
römische Papst dem von Normannen bedrohten - damals byzantinischen -
Sizilien nur zu Hilfe kommen wollte, wenn die Kirchen dort den westlichen
Ritus übernehmen würden.

Das lehnte der Patriarch von Konstantinopel selbstverständlich ab. Es kam zu
Gewalttätigkeiten auf beiden Seiten. Um den Konflikt auszuräumen, wurde mit
Kardinal Humbert von Silva Candida ausgerechnet der führende Theoretiker
einer absolutistischen Papstherrschaft nach Konstantinopel geschickt. Er
ließ sich überhaupt nicht auf Verhandlungen ein, beschimpfte und beleidigte
seine Gesprächspartner und die Ostkirche. Er führte sich so anmaßend auf,
dass er in Schutzhaft genommen wurde, damit ihn das empörte Volk nicht
lynchen konnte.

Der Bruch war nun aber da. Er vertiefte sich, als Konstantinopel während des
vierten Kreuzzuges (1202-1204) geplündert wurde und für einige Zeit
zwangsweise eine lateinisch geprägte Kirchenhierachie erhielt.
Einigungsversuche im 13. und 15. Jahrhundert scheiterten und verschärften
das Schisma, weil Rom immer die totale Kapitulation der Ostkirche verlangte.
Es dauerte über 500 Jahre, bis am 7. September 1965 Papst Paul VI. und
Patriarch Athenagoras die gegenseitigen Bannflüche aufhoben.

Von einer Wiedervereinigung der lange getrennten West- und Ostkirche kann
aber bis heute keine Rede sein. Theologische Differenzen über Riten und
liturgische Formen sind heute zwar in den Hintergrund getreten, die Frage
des römischen Primats steht aber ebenso unverändert trennend zwischen beiden
Kirchen wie der Filioque-Streit. (Hans-Dieter Frauer; 0713/01.07.04)

Quelle: http://www.epd.de/suedwest/suedwest_index_29135.html


Literaturhinweise:

Axel Bayer: Spaltung der Christenheit.
Das sogenannte Morgenländische Schisma von 1054.
280 Seiten, Böhlau-Verlag, Köln 2004
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3412142042/wystrach

Athanasios Basdekis: Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung
für nicht-orthodoxe und orthodoxe Christen und Kirchen.
192 Seiten, Verlag Lembeck, Frankfurt am Main 2003
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3874764028/wystrach

Peter Gemeinhardt: Die Filioque-Kontroverse
zwischen Ost- und Westkirche im Frühmittelalter.
659 Seiten, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2002
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/311017491X/wystrach

Ferdinand R. Gahbauer: Der orthodox-katholische Dialog.
196 Seiten, Verlag Bonifatius Druckerei, Paderborn 2001
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3870889489/wystrach

Grigorius Larentzakis: Die Orthodoxe Kirche.
228 Seiten, Verlag Styria, Graz 2000
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3222127867/wystrach