Gotthold Hasenhüttl - Von Suspendierung bedrohter
katholischer Rebell
SZ, 17.7.2003. Er wird nicht unterschreiben, was ihm der Trierer Bischof
Reinhard Marx vorgelegt hat: "Mein Verhalten bei der Eucharistiefeier, der
ich am 29. Mai 2003 in der Berliner Gethsemane-Kirche vorstand, und bei der
es durch mich zu erheblichen Verstößen gegen das kirchliche Recht kam,
bereue ich. " Zu akzeptieren und zu veröffentlichen. "Ich kann nicht
bereuen, dass ich evangelische Christen zum Herrenmahl geladen habe", sagt
der 69-jährige Theologe Gotthold Hasenhüttl aus Saarbrücken.
So wird Bischof Marx am heutigen Donnerstagvormittag wohl Hasenhüttel vom
Dienst suspendieren, weil er während des Ökumenischen Kirchentages in Berlin
auch evangelische Christen zur Kommunion geladen hat, was offiziell nur in
Ausnahme- und Einzelfällen möglich ist. Hasenhüttl darf dann nicht mehr
Eucharistie feiern, taufen, Beichte hören, Hochzeitspaaren den Segen geben.
Finanziell träfe dies den emeritierten Professor für Systematische Theologie
nicht; seine Pension zahlt der Staat. Trotzdem treffe ihn die Härte, sagt
Hasenhüttl: "Ich bin 44 Jahre Priester - und ich bin es gerne."
Selbst der
Bischofskonferenz-Vorsitzende Kardinal Karl Lehmann habe den Gottesdienst an
der unteren Schwelle der Bestrafbarkeit gesehen. Hasenhüttls Vermutung:
"Hier möchte sich der Trierer Bischof profilieren."
Der freundliche Rebell hat Erfahrung in katholischem Rebellentum. Die
Doktorarbeit des Sohnes aus frommer Familie beschäftigte sich mit dem
evangelischen Theologen Rudolf Bultmann und seinem Anliegen, die Bibel zu
entmythologisieren. Vorgelegt hat er sie 1963 ausgerechnet in Rom, als
Absolvent der Gregoriana, wohin die Deutschen ihre vielversprechenden
Theologen schicken, von Karl Lehmann bis Hans Küng. Damals hatte das Zweite
Vatikanische Konzil die Fenster zur Welt aufgestoßen. Und damals, erinnert
sich Hasenhüttl, habe Pater Klein, der Spiritual der Gregoriana, die
Studenten ermutigt, bei aller Kirchenbindung frei zu denken - "daran habe
ich mich gehalten".
Dafür ist er immer eingetreten: dass die Kirche sich reformiert "und nicht
alles rückwärts geht". Hasenhüttl plädiert für die Aufhebung des
Pflichtzölibats, für eine Teil-Demokratisierung der katholischen Kirche.
Sein 1600-Seiten-Hauptwerk Glaube ohne Mythos will "eine neue theologische
Sicht entwerfen, die den Ballast dogmatischer Mythenbildung abwirft, aber
das entscheidende Anliegen der christlichen Botschaft zur Geltung bringt".
Für Kritiker eine "Protestantisierung" der katholischen Kirche.
Da war es logisch, dass Hasenhüttl Ja sagte, als die Gruppen "Wir sind
Kirche" und "Initiative Kirche von unten" ihn fragten, ob er
einen
Gottesdienst feiern würde, bei dem auch evangelische Christen zum Mahl
geladen sind. Die eucharistische Gastfreundschaft sei "theologisch geboten
und kirchenrechtlich vertretbar": "Ich hätte 40 Jahre ökumenisches
Engagement verraten, hätte ich Nein gesagt." Dann bricht aus ihm heraus:
"Hans Küng bekam 1979 die Lehrerlaubnis entzogen, durfte aber weiter als
Priester arbeiten. Ich werde härter bestraft." Aber eine
Selbstbezichtigung
unterschreiben? Niemals. (Matthias Drobinski)
Aus: Süddeutsche Zeitung, 17.7.2003
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/sz/meinungsseite/red-artikel15/
Bischof Marx suspendiert Saarbrücker Priester Hasenhüttl
Trier, 17.7.2003 (KNA). In der Auseinandersetzung um einen Gottesdienst am
Rande des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) in Berlin hat der Trierer
katholische Bischof Reinhard Marx den Saarbrücker Priester Gotthold
Hasenhüttl suspendiert. Das gab Marx am Donnerstag vor Journalisten in Trier
bekannt. Zugleich kündigte er an, dass er Hasenhüttl, der emeritierter
Professor an der Saar-Universität ist, die kirchliche Lehrerlaubnis
entziehen werde.
Der 69-Jährige hatte bei der von rund 2.000 Katholiken und Protestanten
gemeinsam gefeierten katholischen Eucharistiefeier in Berlin Ende Mai auch
evangelische Christen zur Teilnahme an der Kommunion eingeladen. Eine solche
so genannte offene Kommunion ist nach der Ordnung der katholischen Kirche
verboten. Ein Hasenhüttl von Marx gesetztes und am Mittwoch abgelaufenes
Ultimatum mit der Aufforderung, sich von seinem Vorgehen zu distanzieren und
solche Handlungen nicht zu wiederholen, wies der Theologe am Dienstag in
einem Schreiben an Marx zurück.
Marx sprach von einer schmerzlichen Entscheidung. Es habe aber gehandelt
werden müssen. Er habe die Verantwortung, dort einzuschreiten, wo
offensichtlich und demonstrativ die Ordnung der Kirche verletzt werde,
betonte der Bischof. Wer als Priester durch sein Verhalten die Gemeinschaft
mit dem Papst und den Bischöfen aufgebe, könne seinen Dienst nicht weiter
führen. Ausdrücklich bekundete Marx die Hoffnung, dass Hasenhüttl einlenken
und deutlich machen werde, dass er die kirchliche Ordnung anerkenne und
befolge.
Für Hasenhüttl bedeutet die Suspension, dass es ihm untersagt ist, so
genannte Akte der Leitungsvollmacht zu setzen, also vor allem Sakramente zu
spenden, und bestimmte gottesdienstliche Handlungen vorzunehmen,
insbesondere einer Eucharistiefeier vorzustehen. In dem Fall, dass
Hasenhüttl erklären würde, zur Loyalität gegenüber dem kirchlichen Lehramt
und den kirchenrechtlichen Vorgaben bereit zu sein, wäre seine Suspension
aufzuheben. Sollte Hasenhüttl in Rom Beschwerde gegen seine Suspension
einlegen, hätte dies ein aufschiebende Wirkung.
Hasenhüttl hatte in seinem Schreiben an Marx dargelegt, sein "angebliches
Vergehen" bestehe darin, dass er evangelische Christen zum Herrenmahl
eingeladen habe. Darin aber könne er keine Schuld erkennen. Hasenhüttl warf
dem Bischof vor, "bedingungslose Reue" und "blinden
Gehorsam" zu verlangen.
Mit solch "inquisitorischen Maßnahmen" schade Marx der Einheit der
Kirche.
Wörtlich schrieb der Theologe: "Wenn Gleichschaltung und nicht Einheit in
der Vielfalt Ihre Vorstellung der Ausübung Ihres Hirtenamtes ist, werden Sie
mich wohl als 'verlorenes Schaf' betrachten, dem Sie Ihre Obhut jedoch nicht
mehr angedeihen lassen wollen." In der vergangenen Woche hatte es ein
Gespräch zwischen Hasenhüttl und Marx gegeben.
Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20030717t120019296.htm
Bundespräsident kritisiert Amtsenthebung des Priesters
Hasenhüttl
Bischof von Trier weist Beschwerde des Suspendierten ab
Nun soll der Streit um das Abendmahl beim Ökumenischen Kirchentag den
Vatikan beschäftigen
Bonn, 19.7.2003. Bundespräsident Johannes Rau hat die Amtsenthebung des
Saarbrücker Priesters Gotthold Hasenhüttl durch den katholischen Bischof von
Trier, Reinhard Marx, kritisiert. Dass der 69-Jährige am Rande des
Ökumenischen Kirchentages in Berlin auch an Protestanten die Kommunion
erteilt habe, wertete Rau als Zeichen an die Jugend. "Parteien,
Gewerkschaften, Kirchen und Verbände sind nicht abgeschottete Kasten",
mahnte der Bundespräsident im Sommerinterview des ZDF.
24 Jahre nach der Abstrafung des Theologen Hans Küng und zwölf Jahre nach
der Suspendierung des "sanften Rebellen" Eugen Drewermann vom
Priesteramt
ist mit Hasenhüttl ein weiterer Ökumeniker von einem bischöflichen Verdikt
betroffen. Er darf vorläufig weder die Eucharistie feiern noch andere
Amtshandlungen vollziehen. Außerdem wird ihm die kirchliche Lehrerlaubnis
entzogen. "Die Supendierung ist kein endgültiger Akt. Ich hege weiter die
Hoffnung, dass Professor Hasenhüttl einlenkt", sagt Marx.
Der Verlust der Venia Legendi trifft den aus Österreich stammenden in
Saarbrücken lebenden Hasenhüttl nicht. Er ist als Professor für
Systematische Theologie in Saarbrücken längst emeritiert. Schmerzlicher ist
für ihn die Suspendierung vom Priesteramt: "Ich bin 44 Jahre Priester, und
ich bin es gerne." Er wird härter bestraft als seinerzeit sein Tübinger
Professorenkollege Küng, der gegen die päpstliche Unfehlbarkeit aufbegehrte.
Küng verlor zwar 1979 seinen Lehrstuhl (der Staat musste dafür einen Ersatz
schaffen), wurde aber als Priester nicht gemaßregelt. Die Causa Hasenhüttl
ist mit dem Marx-Dekret freilich nicht beendet. Der Theologe aus Graz
beantragte die Rücknahme der Entscheidung und will nun - nach Abweisung in
Trier - Beschwerde beim Heiligen Stuhl einlegen. "Das Dekret ist eine
ungerechte Beeinträchtigung der Ausübung meines Priesteramtes", moniert
er.
Der Sozialethiker Marx gilt im Episkopat als zwar konservativer, aber
umgänglicher, konzilianter Oberhirte. Er hatte den Saarbrücker Professor
aufgefordert zu erklären: "Mein Verhalten bei der Eucharistiefeier, der
ich
am 29..Mai 2003 in der Berliner Gethsemane-Kirche vorstand und bei der es
durch mich zu erheblichen Verstößen gegen das kirchliche Recht kam, bereue
ich." Hasenhüttl lehnte eine solche Unterwerfung ab. Er bat am 12. Juli um
ein Schlichtungsverfahren, was ihm verweigert wurde, und charakterisierte
den Bischof öffentlich als "Hardliner". Dabei hatte er selbst kurz
nach dem
Vorgang von Berlin von einem Dilemma gesprochen, in dem sich die kirchliche
Hierarchie befinde: "Tut sie nichts, wird sich jeder Priester auf diesen
Präzedenzfall berufen können. Unternehmen sie etwas gegen mich, haben sie 88
Prozent der Katholiken gegen sich, die für die Mahlgemeinschaft sind."
Konnte Bischof Marx anders handeln, wo doch der Papst just vor dem
Ökumenischen Kirchentag in einer Enzyklika eine gemeinsame Mahlfeier von
Katholiken und Protestanten untersagte? Er hätte sich wahrscheinlich einen
Rüffel aus Rom eingehandelt, wäre er über den Fall Hasenhüttl zur
Tagesordnung übergegangen. Eine Enzyklika, meint der Gemaßregelte, sei für
ihn "ein Diskussionsbeitrag des Papstes", mehr nicht.
"Eine Enzyklika steht nicht über dem Gewissen." Es gehe letztlich um
"die
Machtfrage", spitzt der Priester und Theologe, wie Küng und Kardinal Karl
Lehmann ein Absolvent der berühmten Gregoriana in Rom, den Streit weiter zu.
Hasenhüttl ist für die Aufhebung des Pflichtzölibats der Kleriker, er will,
dass "nicht alles in unserer Kirche rückwärts geht". Frucht seiner
Beschäftigung mit dem großen protestantischen Theologen Rudolf Bultmann ist
sein Hauptwerk "Glaube ohne Mythos", ein 1600-Seiten-Buch. Er
plädiert darin
für eine "neue theologische Sicht". Kritiker werfen dem Professor
vor, er
wolle seine Kirche protestantisieren. (Gernot Facius)
Quelle: http://www.welt.de/data/2003/07/19/137317.html