Kardinal Lehmann mahnt Umdenken des Westens an: «Ungerechte Strukturen»
Passau (dpa) - Nach den Terroranschlägen in den USA hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, im Westen ein Umdenken und die Schaffung einer gerechten Welt angemahnt. «Wir müssen alle an gerechten Strukturen und Ordnungen in der Welt arbeiten, damit dem Fanatismus der Boden entzogen wird», sagte Lehmann der «Passauer Neue Presse» (Samstag). «Der Westen darf nicht versuchen, die übrige Welt zu dominieren.»
Zu allen Zeiten habe es religiösen Fanatismus gegeben, betonte Lehmann. Dafür gebe es vielfältige Gründe. Es sei aber auch nicht auszuschließen, dass Religion ganz bewusst missbraucht werde, um Menschen derart zu fanatisieren, dass sie den Bezug zur Realität verlören. «Da können Armut, Hoffnungslosigkeit und die Erfahrung von Unterdrückung und Benachteiligung auslösende Faktoren sein.»
Lehmann mahnte die Bereitschaft des Westens zu einer selbstkritischen Haltung an. «Wir müssen die kulturellen und wirtschaftlichen Interessen aller Menschen sehen. Nicht nur unsere eigenen.» Das zur «Schau getragene Überlegenheitsgefühl des Westens verbunden mit ungerechten Strukturen» verletze viele Menschen in der Welt und gebe ihnen das Gefühl ausgegrenzt zu sein.
Die Terrorakte in den USA bezeichnete Lehmann als «Angriff auf die menschliche Zivilisation». Zugleich betonte er aber: «Einen Gegenschlag als Selbstzweck halte ich für völlig falsch.» Auch sollte «nicht auf höchst problematische Weise von Vergeltung und Rache» gesprochen werden. Es müsse vielmehr vermieden werden, dass nun ein neuer Nährboden für Hass und Extremismus bereitet werde. Der Sumpf des Terrorismus müsse mit rechtsstaatlichen und politischen Mitteln trockengelegt werden.
Lübecker Bischöfin: Militärschläge können Probleme nicht lösen
Lübeck (dpa) - Die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter hält Militärschläge für untauglich, um den internationalen Terrorismus langfristig zu beenden. Kurzfristige Militäraktionen seien bestenfalls geeignet, um den US-Amerikanern das Gefühl zu geben, man habe noch immer die Kontrolle. Im «Deutschland Radio Berlin» forderte Wartenberg-Potter am Samstag langfristige nicht- militärische Aktionen, die Spannungen abbauen könnten: «Die langfristige Maßnahme zielt darauf, den Konflikt auszutrocknen».
Notwendig sei insbesondere eine gerechtere Globalisierung. Wartenberg-Potter forderte, alle nicht-militärischen Optionen im Kampf gegen den Terrorismus zu nutzen: «Das fängt an bei der Kontrolle des Geldtransfers und der besseren Kontrolle im Bereich von Zuzug und Immigration.» In den Kirchen solle es mehr Bereitschaft zum Dialog mit anderen Religionen geben.
22.9.01