Katholische Kirche äußert Vorbehalte gegenüber Globalisierung
Kardinal Tettamani überreicht italienischem Außenministerium zum G 8 Gipfel in Genua die Forderungen der katholischen Kirche
Wie die neue Zürcher Zeitung vom 9.7.01 meldet haben sich zwei Wochen vor dem in Genua stattfindenden G-8-Gipfel dort Vertreter von gut einem halben Hundert Organisationen der Katholiken Italiens eingefunden, um ein kritisches Manifest zu Aspekten der Globalisierung auszuarbeiten. Das Papier wurde dem an der Veranstaltung teilnehmenden Generaldirektor des italienischen Aussenministeriums überreicht, mit dem Auftrag, diesen Forderungskatalog der Katholiken an die Staats- beziehungsweise Regierungschefs der G-8-Nationen (USA, Kanada, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Japan und Russland) weiterzugeben. Das Treffen wurde nicht von irgendeinem gewöhnlichen katholischen Globalisierungsgegner oder Berufsprotestler aus den Reihen des sogenannten «Volkes von Seattle» geleitet, sondern von keinem Geringeren als Kardinal Dionigi Tettamanzi, dem Erzbischof von Genua. Tettamanzis Rang und Bedeutung lässt sich daran ablesen, dass er regelmässig als einer der aussichtsreicheren «papabili» genannt wird, dem gute Chancen auf die Nachfolge Papst Johannes Pauls II. eingeräumt werden.
Vorbehalte der katholischen Kirche
Dass die Katholiken sich lange vor dem Gipfel in Genua einfinden und sie ihre Veranstaltung nicht in die Zeit des internationalen Grossanlasses fallen lassen wollten, hängt mit ihrem Wunsch zusammen, sich deutlich von der Anti-G-8-Protestszene, namentlich deren gewalttätigem Flügel, abzugrenzen. Man weiss zwar in den Reihen der katholischen Kirche darum, dass es sich bei der Globalisierung um ein vieldimensionales Phänomen handelt und die grenzübergreifenden Aktivitäten von Märkten, Börsen, Produktion oder moderner Informationstechnologie nicht mehr rückgängig zu machen sind. Ihre Vertreter fordern eindringlich, dass auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft Rücksicht zu nehmen sei. Sie verlangen, dass die schädlichen Seiten dieser Entwicklung mittels verbindlicher Regeln unter Kontrolle gebracht werden müssten. Sie fordern, dass die Globalisierung ein menschliches Antlitz erhalte und nicht Profit und Effizienz als alleinige Massstäbe dienen.
Konkrete Forderungen statt Protest
In dem Manifest von Genua findet sich beispielsweise die Forderung nach einer internationalen Wirtschaftsordnung, unter der den armen Ländern die Schulden erlassen und ihnen für ihre Landwirtschaftsprodukte anständige Preise ausgerichtet werden sollen. Es wird die strikte Anwendung bestehender internationaler Bestimmungen zum Schutz von Arbeitnehmern vor Ausbeutung verlangt, dazu die Ratifizierung des Klimaprotokolls von Kyoto und die Bereitstellung von Medikamenten zur Behandlung von Aids zu erschwinglichen Preisen auch für Patienten in Afrika. Die Katholiken bestehen schliesslich auf einer Eindämmung des internationalen Waffenhandels und auf die Ächtung von Finanz- und Steuerparadiesen, und sie halten die Länder des reichen Teils der Welt zu grösseren Anstrengungen im Kampf gegen die Armut auf der südlichen Halbkugel an. Der in Genua vertretene Teil der katholischen Gemeinschaften legt Wert auf die Feststellung, dass es ihm nicht darum gehe, den Westen, den Kapitalismus oder den freien Markt zu dämonisieren. Man wolle begreifen, warum die positiven Auswirkungen der Globalisierung sowie die Segnungen der modernen Zivilisation bisher an grossen Teilen der Weltbevölkerung spurlos vorbeigegangen seien. Um dies zu korrigieren, unterbreitet man den Führern der acht reichsten Industrienationen einen Katalog mit konkreten Forderungen, die als vernünftig erachtet werden und ohne grössere Schwierigkeiten erfüllt werden könnten.
Die Stimme des Papstes
Diese Positionen katholischer Organisationen unterscheiden sich lediglich geringfügig von denen, die etwa vom «Genova Social Forum» oder selbst vom «Volk von Seattle» vertreten werden. Beim «Genova Social Forum» handelt es sich um ein Sammelbecken von rund 800 Organisationen. Dass die katholische Kirche im Chor der Stimmen, die sich gegen einzelne Aspekte der Globalisierung erheben, besonders kräftig hervortritt, ist nicht weiter überraschend, vor allem nicht, wenn sie ihr Wirken im Dienste der Armen und Schwachen, der Ausgeschlossenen und Getretenen ernst nimmt. Dazu meldet sich mit kritischen Äußerungen auch immer wieder Papst Johannes Paul II. persönlich zu Wort. Er erklärte unlängst, es gehe darum, sich für das Wohlergehen der gesamten Menschheit einzusetzen und zu verhindern, dass lediglich eine kleine Elite immer reicher werde und deren Angehörige den Zugang zu Wissenschaft, Technologie, Kommunikation und den natürlichen Reichtümern der Welt kontrollierten. Laut dem Papst gibt es wichtige Bereiche ethischer und sozialer Natur, die nicht einfach dem Markt überlassen werden dürfen. Kirchliche Kreise engagieren sich in diesem Kampf auch deshalb an vorderster Front, weil sie der Meinung sind, dass das Schicksal aller Menschen, gleichgültig in welcher Ecke der Welt sie sich auch Befinden, im Zuge der Globalisierung in Zukunft viel stärker von denselben Kräften bestimmt werde, als dies früher der Fall gewesen sei.
nach: Neue Zürcher vom 9.7.01