Die Globalisierung und ihre Auswirkungen

"Amerikas immense Macht hat ihren Ursprung weniger in militärischer Überlegenheit als darin, dass amerikanisches Fernsehen und amerikanische Filme weltweit per Satellit ausgestrahlt werden. Und darin, dass die Regeln der Weltwirtschaft amerikanische Regeln sind. Was Amerikaner "Globalisierung" nennen und sich als selbstverständlichen Prozess ökonomischer und kultureller Integration vorstellen, erscheint vielen Menschen anderswo als imperiale Herrschaft. Eine der Grundlagen dieser Herrschaft ist die Macht, die Prinzipien zu bestimmen, nach denen andere sich ausrichten müssen, wenn sie nicht aus der Weltwirtschaft herausfallen wollen. Die andere Grundlage amerikanischer Herrschaft ist die Fähigkeit, Begierden zu beeinflussen. Bilder amerikanischen Wohlstands und amerikanischer Schönheit wirken weltweit auf die Wünsche der Menschen ein. Der Börsenhändler aus Manhattan und der junge Mann von der Westbank - beide tragen dieselbe Baseballmütze mit dem Logo von Nike.

Diese Art der Macht löst das stärkste Ressentiment überhaupt aus. Denn die Menschen, die sich von ihr angezogen fühlen, werden zugleich auf ambivalente Weise in sie verwickelt. Keinem wird der freie Weltmarkt direkt aufgezwungen. Er erwächst aus dem Einverständnis von Regierungen und Individuen, die meinen, über keine Alternative zu verfügen. Die globalisierte Sehnsucht durchwirkt die Menschen überall, sie beeinflusse ihre Begierden und Sichtweisen. Sie wird zum festen Bestandteil des Lebens - und verändert die Menschen doch zugleich. Die globalisierte Sehnsucht ist ein fremdes und ein eigenes Gefühl in einem; sie wieder loszuwerden ist unmöglich. Was auf diese Weise die Vorlieben und Sehnsüchte penetriert, wird gleichzeitig begrüßt und abgelehnt. Es ist diese Mischung aus Faszination und Verbitterung, mit der große Teile der Welt heute auf Amerika blicken.

Noch in den ärmlichsten Slums von Asien, Afrika und Lateinamerika versammeln sich Familien und Nachbarn heute vor flimmernden Fernsehgeräten, um Bilder von Wohlstand und Genuss zu betrachten, die selbst in den Vereinigten Staaten für die meisten Menschen exotisch sind. Luxus, den sich früher fast niemand vorstellen konnte, wird heute jedem vorgeführt, der ein Fernsehgerät einschalten kann - also fast allen. Wir leben in einer Welt, die mit einer Hand Sehnsüchte sät und diese mit der anderen Hand wieder zerstört. Daraus erwächst der Groll der Slums und Flüchtlingslager. Er erklärt, warum viele Menschen Amerika heute zugleich lieben und hassen. Das mag den Angriff auf Amerika nicht ausgelöst haben. Aber es schafft die Bedingungen dafür, dass er nicht der letzte gewesen sein wird.

Amerika verkörpert die Globalisierung. Solange diese nicht nur Gewinner hervorbringt, sondern auch Beleidigte und Erniedrigte, wird dieses Land die Hauptlast der Reaktion gegen diesen Prozess tragen. Daraus folgt, dass Amerika und seine Alliierten den Wandel nach zivilisatorischen Regeln organisieren müssen, die es wert sind, befolgt zu werden. Diese Einsicht formulierte 1947 General George C. Marshall, der Vater des Marshallplans, als er erklärte, dass sich die amerikanische Politik "nicht gegen, irgendein Land oder eine Doktrin" richten dürfe, "sondern gegen Hunger, Armut, Hoffnungslosigkeit und Chaos". Solch eine Politik sollte damals sicherstellen, dass Europa ein Ort der Ordnung, der Sicherheit und des Wohlstands werden könne. Mit Bomben lassen sich Armeen besiegen - den Sieg eines zivilisatorischen Modells sichern sie nicht. Diese Erkenntnis war es, die in der Zeit des Kampfes der Ideologien den Sieg des demokratischen Kapitalismus einleitete.

Dieselbe Einsicht erfordert heute, auf eine menschlichere und demokratischere Version der Globalisierung zu drängen. Ganz wie Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa müssten wir anerkennen, dass die Übernahme marktliberaler Vorstellungen nicht die Bedingung der Integration in die Weltwirtschaft sein sollte. Volkswirtschaften sind immer auch Produkte der jeweiligen kulturellen Vorstellungen über das richtige Verhältnis von Individualismus und Solidarität, von Kontinuität und Wandel. Wenn die gegenwärtige Form der Globalisierung das ökonomische Leben auf ein Bündel von universellen Regeln zur Gewinnmaximierung reduziert, wird sie für imperiale Machtausübung gehalten - und erzeugt genauso viel Hass wie Loyalität.

Weltweit sind Hunderte von Millionen Menschen, die auf dem Land und von der Landwirtschaft nicht mehr leben können, an die Ränder der großen Städte geflohen. Die Armen von Lateinamerika und Asien sind heute die Arbeiterschaft der reichen Weit. Doch obwohl sie ein integraler Bestandteil der Weltwirtschaft sind, gehören sie nicht richtig dazu. Ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss ist gering. Soziale Sicherheit gibt es für sie kaum. .....

Die integrierte Weltwirtschaft hat zwar eine Verknüpfung durch gemeinsames materielles Leben geschaffen. Und die globalisierte Sehnsucht verbindet heute Vorstellungen und Identitäten mehr als je zuvor. Doch unsere Politik, die Menschen zu Mitgliedern einer Gemeinschaft gleichen Schicksals machen sollte, ist imperial.

Das ist keine Beleidigung, sondern eine Feststellung. In einigen Gegenden der Welt genießen die Menschen Wohlstand und Sicherheit - auch nach dem 11. September 200 1. In anderen Erdteilen sind Unsicherheit und Ungleichheit die Grundtatsachen des täglichen Lebens. Das zu ändern würde erfordern, dass riesige Mittel bereitgestellt werden - ganz so, wie sie einst die Vereinigten Staaten für Europa bereitstellten. Das Ziel wäre dasselbe wie damals: Wir müssen Menschen integrieren, für die objektiv gar keine andere Wahl besteht."

Quelle: Auszug aus: Jedediah Purdy, Die Zeit der Unschuld ist zu Ende, in: DIE ZEIT, 20.9.01 S. 3