Hohe Einkommen und Vermögen müssen stärker an der
Finanzierung des Gemeinwesen beteiligt werden
Erstaunt stellt der Bürger fest, dass die Politiker aller Parteien ihn in einem wahren Unterbietungswettstreit von Steuern entlasten wollen, obwohl sich gleichzeitig eine Lücke im Haushalt in Milliardenhöhe auftut, die nicht "gegenfinanziert" ist. Glaubt man den Schlagzeilen der Presse und den Reden der Politiker, dann ist Deutschland pleite. Den Sozialstaat könne man sich nun nicht mehr leisten – heißt es. Und dann werden Modelle für die Steuerreform präsentiert, welche dem Staat Mindereinnahmen in einer Größenordnung zwischen neun und 43 Milliarden Euro bescheren. Welchen vernünftigen Kern kann eine solche auf den ersten Blick widersinnige Politik haben?
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Politik mit leeren Kassen
Seit Jahren verfolgt die Finanzpolitik eine dreifache Strategie zur
Einnahmereduzierung:
–Senkung der Steuerquote: Die Steuerquote befindet sich mit 21 Prozent am
Bruttoinlandsprodukt auf einem historischen Tiefstand. Dazu wird ein
internationaler Steuerwettlauf um einen steuergünstigen Standort inszeniert, der
eigentlich weitgehend ein Steuervermeidungswettbewerb ist.
–Senkung der Staatsquote: Die Staatsquote sinkt von 50,3 Prozent (1996) auf
48,5 Prozent (2002). Wenn eine weitere Senkung der Staatsquote auf 40 Prozent
erfolgt, dann würde dies statistisch gerechnet eine Reduktion der
Staatsausgaben um 170 Milliarden Euro bedeuten und einen noch stärkeren Abbau
des Sozialstaates erzwingen.
–Privatisierung rentabler Sektoren wie Bahn, Post, Telekommunikation oder
Energiewirtschaft erbringt nach dem Verkauf keine Einnahmen mehr.
Die Enquetekommission des Deutschen Bundestages zur Globalisierung spricht von
einer "fiskalischen Umverteilung von unten nach oben". Steuerpolitik,
die ur-sprünglich dem sozialen Ausgleich dienen sollte, wird also im
neoliberalen Staat zur Quelle von Ungleichheit.
Wenn bei den Steuerreformen die Gegenfinanzierung fehlt, kann sie nur durch
Kür-zungen erfolgen. So erzwingt die Steuer.reform hinter dem Rücken mit dem
süßen Gift der Steuerentlastung der Bürger eine Aufgabenkürzung und einen Abbau
des .Sozialstaates. Die politisch verursachte prekäre Finanzlage ist deshalb
als Instrument für die Durchsetzung einer gesellschafts.politischen Gegenreform
anzusehen: den sozial verschlankten, aktivierenden Sozialstaat mit niedrigen
Steuersätzen und wenigen öffentlichen Leistungen. Während das Augenmerk
ausschließlich auf die Ausgabenseite eines hochverschuldeten Staates gerichtet
wird, wird die Einnahmeseite nicht thematisiert. Am Ende herrscht der Sachzwang
vor, man müsse doch schließlich sparen. Gespart wird vornehmlich bei den sozial
Schwachen, den Kranken, den .Arbeitslosen. So wird durch rigorose
Einnahmekürzung eine Politik der leeren Kassen inszeniert, um anschließend mit
dem Druck von leeren Kassen Politik machen zu können.
Ein strukturelles Phänomen
Staatsverschuldung ist ein Ausdruck dafür, dass die Staatseinnahmen nicht mehr
ausreichen, den staatlichen Aufgaben gerecht zu werden. Also müssen Kredite
aufgenommen werden. Unbestritten ist, dass jeder Schuld ein Guthaben auf der
anderen Seite entspricht. Verschuldung der einen ist das Spiegelbild der
Vermögen der anderen. Den Schulden entsprechen immer Guthaben. Da auf der
anderen Seite der Bilanz Schulden der Schuldner Geldvermögen sind, ist die
Zunahme der Schulden Indiz für ein beträchtliches Wachstum der Forderungen von
Geldvermögen Besitzenden. Deshalb sind die öffentlichen Schulden in Relation
zum Bruttoinlandsprodukt die Kehrseite der gleichfalls gewachsenen privaten
Geldvermögen.
Bei allen Kürzungsanstrengungen wird nicht gespart bei einem Haushaltsposten,
dem Schuldendienst. Jeder siebte Steuer-Euro musste 2002 für Zinsen gezahlt
wer-den. Die Schulden der öffentlichen Haus.halte der Bundesrepublik
Deutschland sind seit 1950 ununterbrochen angestiegen. Nicht ein einziges Jahr
hat es gegeben, in dem die Schulden abgebaut wurden oder auch nur gleich
geblieben sind. Die .Summe der Zinsausgaben zwischen 1965 und 2002 überstieg
die Summe der Neuverschuldung, d.h., die Neuverschuldung .deckte nicht einmal
die Zinsausgaben. Die Bundesbank befürchtet einen "Teufelskreis einer
Schuldendynamik", bei der sich die Verschuldung aus sich selbst heraus
nährt.
Was aber schlägt die Bundesbank zur Lösung des richtig erkannten Problems vor?
Sie fordert, "über eine Rückführung der Staatstätigkeit ausgeglichene
Haushalte zu erreichen und danach weitere Abgabensenkungen zu ermöglichen, weil
hierdurch die Wachstumsbedingungen verbessert werden. Alle staatlichen Ebenen
müssen deshalb ihre Leistungen überprüfen und dabei auch unpopuläre
Entscheidungen treffen." Der Sozialabbau soll den Schuldendienst
aufrechterhalten. Deshalb werden die sozialstaatlichen Aufgaben geopfert.
Durch die selbst verursachte Finanzkrise des Staates mittels Steuersenkung wird
der Staat zur Aufnahme von öffentlichen Anleihen genötigt. Anstatt jedoch die
vermögenden Schichten und die Unternehmen in einem solchen Maße zu besteuern,
dass der Staat über die nötigen Einnahmen verfügt, die ihn handlungsfähig
machen, leiht der Staat sich bei ihnen Geld, wobei die Kreditierung nicht
gleichmäßig durch alle Bevölkerungsschichten erfolgt, sondern vor allem über
das Geldvermögen der Wohlhabenden, denen Darlehen mit Zins und Zinseszins zu
erstatten sind. Die oberen zehn Prozent der privaten Haushalte verfügen über
mehr als 50 Prozent des gigantischen Geldvermögens von 3730,5 Milliarden Euro.
Sie erzielen für die gegenwärtig 1424 Milliarden Euro Staatsschulden jährlich
rund 50 Milliarden Zinsen. Sie sind letztlich auch die Profiteure der
Staatsverschuldung.
Teufelskreis der Überschuldung
Die Staatsverschuldung kann deshalb nicht nur als eine gigantische Umverteilung
von unten nach oben angesehen werden. Sie ist auch eine permanente
Umverteilung, da der Schuldenstand eine Summe erreicht hat, die faktisch nicht
abgezahlt werden kann. Die unteren Einkommensschichten sind dabei zugleich auch
jene, die die Last tragen, wenn Löhne abgesenkt und soziale Dienst eingespart
werden.
Der Schuldenberg ist nicht abzutragen, wie massiv die Kürzungen und
Streichungen im Ausgabenteil der öffentlichen Haushalte auch ausfallen mögen.
Denn selbst bei einer jährlichen Rückzahlung der Schulden in der schier
unglaublichen Höhe von zwölf Milliarden Euro wäre der Schuldenberg in 100
Jahren immer noch nicht abgetragen, denn zusätzlich zur Tilgung müssten ja die
Zinsen weitergezahlt werden.
Um aus dem Teufelskreis der Überschuldung herauszukommen, gibt es in der
inter.nationalen Diskussion im Anschluss an die .biblische Tradition die
Forderung nach einem Schuldenerlass. Die Bibel beschreibt das Schuldverhältnis
als ein Machtverhältnis: "Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der
Schuldner ist seines Gläubigers Knecht" (Spr. 22, 7). Schuldenerlass will
deshalb die durch Überschuldung verursachte Abhängigkeit und Verarmung
unterbrechen. Welche .Bedeutung diese ethische Tradition in der
Christentumsgeschichte hat, zeigt sich an der Vaterunser-Bitte: ". . . und
vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldnern".
Vergebung von Schuld umschließt auch die Tilgung finanzieller Schulden.
Die ethische Maxime besagt: Schulden, die nicht bezahlt werden können, müssen
erlassen werden, denn das Leben darf nicht den Ansprüchen der Gläubiger
geopfert werden. Vorrang vor den Interessen der Schuldner oder allgemeiner
ausgedrückt: vor dem Geld- und Kreditsystem haben die Lebensbedürfnisse der
Menschen.
Um Freiheit von der Macht der Gläubiger ging es im biblischen Schuldenerlass.
Um Freiheit geht es auch heute: Der demokratische Staat muss seine
Handlungsfähigkeit wiedergewinnen, politisch Prioritäten setzen zu können.
Soziale Dienste, Kultur, Bil-dung oder Umweltschutz drohen nämlich im Sog der
Finanzkrise unterzugehen.
Deshalb brauchen wir eine politische, ökonomische und ethische Diskussion über
eine Staatsverschuldung, die aus nicht zurückzahlbaren Schulden besteht. Dabei
muss der ethische Grundsatz zur Geltung kommen, dass Schulden, die nicht
zurückgezahlt werden können, auch nicht zurückgezahlt zu werden brauchen.
Auch wenn angesichts der politischen Landschaft die Erinnerung an den
biblischen Schuldenerlass illusionär erscheinen mag, kann ein Verweis auf
US-amerikanische Rechtsinstitute die Diskussion stärken. Die deutsche
Rechtsordnung kennt zwar die Insolvenz von Privatpersonen und Unternehmen,
nicht jedoch die von staatlichen Schuldnern. Ein brauchbarer Weg könnte die
Einführung eines Insolvenzrechtes auch für kommunale Körperschaften sein, wie
es in den USA bereits besteht. Die Gerichte entscheiden nicht darüber, welche
staatlichen und öffentlichen Dienste angesichts der Finanzlage gekürzt werden
müssen, sondern überlässt die Entscheidung der Politik. (. . .)
Statt nur die Interessen der Kapitaleigner zu bedienen, ist es nötig, dass auf
demokratischer Basis politisch entschieden wird, welche öffentlichen Güter zur
Verfügung gestellt werden, zu denen weiterhin alle Bürgerinnen und Bürger
Zugang haben sollen. Die Finanzierung sozialer Dienste muss demokratisch
sichergestellt werden, denn diese können daher nicht einfach dem Schuldendienst
und den Interessen der Gläubiger geopfert werden. Die Bürgerhaushalte, wie sie in
Porto Alegre in Brasilien und in einigen Kommunen auch in Deutschland Anwendung
finden, stellen einen solchen alternativen Umgang mit Schulden und
Überschuldung öffentlicher Haushalte dar. Nicht Banken, Finanzpolitiker oder
ein Sachzwang leerer öffentlicher Kassen, sondern die betroffenen Bürger
bestimmen die Prioritäten der Politik.
Sachgerechte Besteuerung
In keinem Politikfeld kommt dem Maßstab der
Gerechtigkeit eine solch zentrale Rolle zu wie in der Finanzpolitik, geht es
doch bei allen Fragen nach der Finanzierung der Renten, der Bildung, des
Sozialstaates, der Staatsverschuldung oder des Hauhaltsausgleichs immer um eine
gerechte Verteilung der finanziellen Lasten einerseits und einen gerechten
Ausgleich gesellschaftlicher Schieflagen andererseits. Der Sozialstaat ist
immer ein Steuerstaat, denn allein durch Steuern und Abgaben kann er jene
Mittel erzielen, die er für das Gemeinwesen benötigt. (. . .)
Das Steuersystem muss die Voraussetzungen sicherstellen, dass die
wirtschaftliche Leistungskraft dem Gemeinwesen dienlich ist. Wenn die Aussage,
dass die Wirtschaft lebensdienlich sein soll und nicht der Mensch für die
Wirtschaft da ist, keine bloße Lehrformel ist, dann sind die durch die Steuern
erzielten Einnahmen für die Aufgaben des Sozialstaats "nicht ,Kosten‘, die
vom Ertrag der Wirtschaft abgehen oder ihren Erfolg schmälern, sondern erfüllen
genau den Zweck der Wirtschaft" (O. von Nell-Breuning). Denn Wirtschaften
ist ja nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck des gerechten Zusammenlebens
in einem Gemeinwesen.
Diese ethischen Grundsätze haben alle Kirchen Österreichs gemeinsam in einem
beachtenswerten "Sozialwort" (2003) in der Forderung ausgedrückt:
"Der Zugang zu sozialen Dienstleistungen in hoher Qualität muss für alle,
unabhängig von Einkom-men und Herkunft gesichert werden. Öffentliche Güter
beziehen ihre Legitimität und gesellschaftliche Anerkennung daraus, dass sie,
von allen finanziert, auch allen in gleichem Maße zugänglich sind. Sie sind die
politische Konkretisierung sozialer Rechte, wie des Rechts auf soziale
Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Wohnungen und Arbeit. Öffentliche Güter und
Dienstleistungen sind Ausdruck institutioneller Solidari-tät. Steuern müssen
die Erfüllung seiner Aufgaben ermöglichen. . . . Ein ‚schlanker Staat‘ kann
kein Selbstzweck sein."
Soziale Dienste sind finanzierbar
Die neoliberale Politik, durch Schonung der
Reichen ein Wirtschaftswachstum zu initiieren, ist gescheitert. Der Staat ist
ärmer geworden inmitten wachsenden privaten Reichtums. Steuereinnahmen müssen
zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben und sozialer Dienste mobilisiert werden,
denn allein durch eine sozial gerechte Steuerpolitik kann der Staat wieder
finanzierungs- und dadurch auch handlungsfähig werden. Sozialstaat und soziale
Dienste sind finanzierbar, wenn die Politik den partikularen Interessen der
Wirtschaft und der Wohlhabenden fordernd gegenübertritt. Deutschland nutzt
seine ökonomischen Chancen nicht. Es steht keineswegs am Ab-grund, sondern ist
nach wie vor ein reiches Land, dessen Reichtum aber höchst un-gleich verteilt
ist. Deshalb lebt es unter seinen ökonomischen und sozialen Möglich-keiten. Die
Ursache der Krise liegt nicht in einem "verkrusteten" Sozialstaat,
der überversorgt, sondern in einer Überakkumulation von Vermögen. Würde die
Steuerquote aus dem Jahr 2002 auch 2003 noch gelten, verfügten die öffentlichen
Hände über knapp 43 Milliarden Euro Mehreinnahmen.
Deutschland ist eines der wenigen Länder, das keine Vermögensteuer erhebt. Die
1997 ausgesetzte Vermögensteuer würde bis zu 40 Milliarden Euro und die im
internationalen Vergleich niedrige Erbschaftsteuer fast 3,6 Milliarden Euro an
zusätzlichen Steuern erbringen. Die Summe dieses freiwilligen Steuerverzichts
entspricht übrigens einer Größenordnung von zwei Dritteln der Kosten der
Sozialhilfe. Allein der dramatische Einbruch der Körperschaftsteuern in den
Jahren 2001 und 2002 minderte die Haushaltseinnahmen insgesamt um ca. 48
Milliarden Euro. Nicht anders die Tendenz bei der Gewerbe- und der
Kapitalertragsteuer: Die Einnahmen sanken von 2000 auf 2003 von gut 64
Milliarden Euro auf 42,6 Milliarden – also um 33 Prozent. Durch
Steuerhinterziehung entsteht ein jährlicher Steuerausfall in der Höhe von 10
bis 15 Milliarden Euro. Besonders krass fällt die absolute steuerliche
Entlastung bei den Spitzenverdienern ins Auge: Wer 500
Der Sozialstaat kostet so viel, wie er uns wert ist. Da sich keine
Kosten-Nutzen-Analyse erstellen lässt, gilt allein der ethische Wertmaßstab der
Solidarität. Wenn Solidarität die wechselseitige Anerkennung meint, ist es eine
Forderung der Gerechtigkeit, die hohen Einkommen und Vermögen wieder stärker in
sozial gerechter Höhe an der Finanzierung des Gemeinwesens zu beteiligen.