Gegen den Islam als Männerreligion

 

» Wacht endlich auf! «

Sechs Monate nach dem Tod des Filmemachers Theo van Gogh

Die somalischstämmige Niederländerin Ayaan Hirsi Ali führt eine Kampagne gegen den Islam als Männerreligion

 

Von Werner A Perger

 

PARIS

Hier kann sie sich relativ frei bewegen. Vielleicht findet sie sogar Zeit fur ein bisschen Entspannung. In Paris jedenfalls fällt Ayaan Hirsi Ali, die -neben Königin Beatrix - zurzeit bekannteste und zugleich europaweit vermutlich gefährdetste Bürgerin der Niederlande, nicht sonderlich auf Anders als zu Hause, in Amsterdam oder in Den Haag wird die aus Somalia stammende liberale Abgeordnete und kompromisslose Kritikerin des Islams auf der Straße von kaum jemand erkannt. Kurze Strecken legt sie - so relativ kann Freiheit sein - zu Fuß zurück.

 

Das Prinzip Vorsicht gilt dennoch auch in Paris. Erst am Morgen der Verabredung wird mitgeteilt, wo und wann man die prominente Ex~ Muslimin treffen kann. Die Ermordung Theo van Goghs - er führte Regie bei Hirsi Alis islam- kritischem Kurzfilm Submission 1- war Hollands 11. September. Seitdem ist nichts mehr, wie es vorher war.

 

Darum sind sie auch hier, im hinteren Teil eines Hotels im 7. Arrondissement, immer in der Nahe, sie, wie Hirsi Ali ihre Leibwächter nennt. Personenschutz rund um die Uhr: Sie habe in- zwischen gelernt, damit zu leben, sagt sie. Bei unserem letzten Treffen vor zwei Jahren stöhnte Hirsi Ali noch über diese Veränderung ihres Alltags: Heute ist sie dankbar. Sie, die Beschützer, machen ihre Arbeit überhaupt möglich. Oder sollte man sagen: ihre Mission, ihre Kampagne, ihren Kampf »In keinem muslimischen Land hatte ich die Möglichkeit, meine Überzeugung öffentlich zu äußern und für sie zu werben.« Kritik am Koran, Vorwürfe an den Propheten, Aufforderungen an die Musliminnen, sich der religiös begründeten Männergewalt zu entziehen  -in den Augen fanatischer 'Muslime alles todeswürdige Verstöße.  

 

Ihr Buch Ich k!age an ist ein Dokument dieser lebensgefährlichen Auseinandersetzung, welche die 35 Jahre alte Niederländerin, Immigrantin aus Mogadischu und Abgeordnete für die rechtsliberale Regierungspartei WD in der Haager Zweiten Kammer, zu ihrem Lebensinhalt gemacht hat. Ihr »Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen« besteht aus einer Sammlung von Aufsätzen und Interviews der gelernten Politologin. Ihr Gegenstand: der Islam insgesamt. »Es geht nicht um Verirrungen oder Abweichungen.« Sie meint das Prinzip. Den Koran. Den Propheten. Gott. Die Unterdrückung durch eine Männerreligion. "

 

Ayaan Hirsi Ali spricht mit leiser Stimme, fast weich, aber was sie sagt, ist es nicht. »Ich bestreite die These, wonach die Unterdrückung der Frauen im Islam auf einer falschen oder traditionellen Interpretation des Korans beruht.« Einen liberalen europäischen Islam, von dem in Westeuropa neuerdings oft die Rede ist - als Alternative zum »Kampf der Kulturen« -, einen solchen Islam light gibt es aus ihrer Sicht nicht. Sie lacht, diesmal klingt es eher bitter: »Das ist der Traum der Ideologen des Multikulturalismus.« Wenn Hirsi Ali - außer dem Propheten - jemanden auf dem Kieker hat, dann »dieMultiku1turellen« des Westens, die »politisch Korrekten«, besonders die Linken. Lauter Traumer, Realitatsverweige- rer, I11usionisten. Die Frau hat harteUrteile pa- rat. Kein Wunder, dass ein paar Freundschaften von früher, als sie noch Sozialdemokratin war, auf der Strecke blieben.

 

Die Einwanderin, Tochter eines einst mächtigen Manns in Somalia, doch nach dessen politischem Sturz aufgewachsen im kenianischen Exil und dann auf der Flucht vor einer Zwangsehe in die Niederlande gekommen, hat ein ehrgeiziges Ziel: Sie mochte die Integration der Zuwanderer, vor allem der Frauen und Kinder, in die liberale westeuropäische Zivilgesellschaft fordern. Deshalb will sie die geschlossenen »Parallelgesellschaften« offnen, zur Not mit der Brechstange, das heißt mit staatlichem Zwang. Um das zu erreichen, will sie der liberalen Öffentlichkeit ihrer neuen Heimat die Augen für dieses Problem öffnen. » Wacht endlich auf!«, ist ihr Motto. So gesehen kämpft die schlanke, zarte junge Frau an zwei Fronten, entschlossen und unerbittlich.

 

Zwang zur Teilnahme beim Sport und beim Aufklarungsunterricht

Ist sie besessen vom Konflikt mit dem Islam, von dem sie sich vor einigen Jahren los gesagt hat? »Ich bin weder obsessiv noch traumatisiert oder hysterisch.« Wer das sage, der wolle nur davon ablenken, dass sie in der Sache - Unterdrückung der Frauen durch den Islam - Recht habe. » Wer sagt, ich sei obsessiv und hysterisch, behauptet ja: nicht einmal, dass ich Unrecht habe. Er will nur, dass ich mich gegen den Vorwurf verteidige und zu beweisen versuche, dass ich das nicht bin. Den Gefallen werde ich meinen Gegnern nicht tun.«

 

In der Bevölkerung sind ihre Thesen durchaus populär. Kritik am Islam kommt an. Dass die Menschen allerdings wissen, wie Hirsi Ali das Problem Integration von Einwandererkindern lösen will, ist nicht so wahrscheinlich, die Zustimmung hielte sich dann vermutlich in Grenzen. Ihr Konzept ist kostspielig und sieht aus nach einer Vorzugsbehandlung für Unterschichten: kleine Klassen mit jeweils höchstens 10 Schülern und immer zwei Lehrern -»einer für den Unterricht, einer für die Disziplin und die Betreuung«. Und Zwang zur Teilnahme. Auch beim Sport. Bei der Gesundheitsaufklärung. Bei Klassenausflügen. Da müsse der Staat eben auch Harte zeigen. Auch gegenüber den Eltern. Elternrechte, die ja auch einheimische Konservative nicht nur in Holland gegen unerwünschte Lerninhalte (zum Beispiel Sexualkunde) geltend machen, hatten ihre Grenze. ). Es gibt auch Kinderrechte auf eine optimale Ausbildung. Die muss zur Not der Staat durchsetzen.«

 

Für ihre Konzepte will Hirsi A1i in ganz Europa werben. Die Niederlande sind überall. Und nur Zusammenarbeit hi1ft bei der Bewa1tigung der Immigrationsfolgen. Ihr Buch erscheint außer in Frankreich auch in Spanien und Italien, wo es schon auf der Bestsellerliste steht. Im Sommer in Schweden. Diese Woche in Deutschland, da, und nur da, allerdings auch auf Türkisch (die Übersetzer bestanden aus Vorsicht auf einem Pseudonym). Auf die türkische Fassung setzt die Autorin besondere Hoffnungen. Als Konterbande der Aufklarung.

 

Ayaan Hirsi Ali weiß freilich auch, dass sie gerade bei den eigentlichen Adressaten ihrer Arbeit, den Musliminnen in einfachen Verhaltnissen, auf Probleme stößt. Die meisten Frauen dort reagierten erschrocken. Und mit Angst, sei es vor ihrer eigenen Umwelt (und der drohenden Ächtung), sei es vor der fremden Welt der Hirsi Ali. Die will darauf Rücksicht nehmen. Sie überlegt ein paar Korrekturen. Nicht im Prinzip, versteht sich, aber in der Form. Den Propheten wird sie nicht mehr, wie bisher, persönlich attackieren. Und beim nächsten Film will sie darauf achten, dass sie dessen Botschaft leichter erschließt. Denn Submission 1 sollte die Mög1iclikeit eines kritischen Dialogs des Individuums mit Gott vorfuhren. »Das ist Teil der judeo  -christlichen Tradition.« Aber dieses filmische Angebot scheiterte an der Erregung über die Bilder der Koranverse auf kaum verhüllter nackter Frauenhaut. Das müsse man ja nicht wiederholen.

 

»Ich bin schon etwas mildergeworden«, sagt die Autorin. Und lächelt, fast ein wenig verschmitzt. Jedenfalls nicht obsessiv.

 

Quelle: DIE ZEIT, 19.5.05, S. 14