Journalist Peter Hertel zum katholischen Fundamentalismus
"Glaubenswächter" auf dem Vormarsch
Beim letzten Dienstagsgespräch im Aschaffenburger Martinushaus nahm der Journalist Peter Hertel die Szene der katholischen Glaubenswächter unter die Lupe. Hertel, der durch seine Bücher zum "Opus Dei" bekannt geworden ist, verfolgt seit langem die Entwicklungen im Bereich des katholischen Traditionalismus, der nicht selten fundamentalistische Züge trage.
Neben dem "Opus Dei" benannte der Referent eine Vielzahl von Bewegungen und Gruppierungen, zu deren gemeinsamen Anliegen beispielsweise die Verteidigung des Heiligen Vaters und seiner Unfehlbarkeit, der Kampf gegen den Sittenverfall der Gesellschaft und eine zu enge Verbindung zwischen Staat und Kirche zählten. Auch wendeten sie sich vehement gegen Demokratie in der Kirche. Die Feinde der Kirche fänden Gruppen wie "Communione e Liberazione", die "Katholischen Pfadfinder Europas" oder das "Engelwerk" durchaus auch innerhalb der Kirche, die sie von "Häretikern, Apostaten, Feministinnen und Homosexuellen" unterwandert sähen: der Antichrist zerstöre den mystischen Leib Christi von innen heraus.
Kennzeichnend für die Vorstellungswelt der selbsternannten Glaubenswächter sei, daß sie sich im apokalyptischen Endkampf zwischen Gut und Böse wähnen. Daher finde sich in ihren Schriften oft auch eine militaristische Ausdrucksweise, die nicht davor zurückschrecke die Generalmobilmachung Hitlers mit dem Aufruf der Gottesmutter in Fatima zu parallelisieren, so Hertel. Zwar seien diese Gruppen zahlenmäßig eher unbedeutend, doch hätten sie großen Einfluß bei Bischöfen und im Vatikan.
Peter Hertel entdeckt in manchen dieser Gruppen sektenähnliche Wesenseigenschaften. "Unbedingter Gehorsam und psychische Schäden bei Aussteigern sind typisch", sagte er. Das zweite Vatikanische Konzil, mit dem sich die Kirche der Welt geöffnet habe, werde abgelehnt. Dies geschehe weniger im Wort als in der Tat, konstatierte der Referent. Die Glaubenswächter sähen sich im Besitz der Wahrheit, weshalb auch ein Gespräch mit ihnen schwierig sei. Ihnen gehe es nicht um Diskussion verschiedener Standpunkte, sondern um die "Verkündigung von Wahrheit". Dabei seien für sie oft traditionelle Riten identisch mit der Wahrheit, weshalb sie unnachgiebig an Altem festhielten. Allgemein sähen sie die Kirche vom Protestantismus überrollt. Hinzu komme auch die Ablehnung des gesellschaftlichen Pluralismus. Nicht nur die Kirche, auch die Gesellschaft sei protestantischer geworden. Hierdurch entstehe eine "Bunkermentalität", so Hertel, die die Kirche vor der als gefährlich eingeschätzten Öffnung bewahren soll.
Positiv bewertete der Referent die Entschiedenheit der Gruppen und die Notwendigkeit, sich daher mit den eigenen davon abweichenden Standpunkten auseinander zu setzen. Unbestreitbar gebe es charismatische Aufbrüche innerhalb der Kirche. So diese allerdings mit einem monozentrischen Kirchenbild gepaart seien, sei Vorsicht geboten, mahnte der Hertel.
19.3.02