"Mord im Namen Gottes?"
Norbert Lohfink zu den theologischen Hintergründen des 11. September 01
1. Rechtfertigt der Koran den Heiligen Krieg?
Wie steht der Islam zum Heiligen Krieg? Wir hören jetzt in den Medien islamische Politiker und Theologen, die uns angesichts des 11. Septembers eifrig versichern, im Islam gebe es überhaupt keinen Heiligen Krieg. Da ist Skepsis angebracht.
Es gab und gibt zwar im Islam eine quietistische Mystik. Sie versteht alle Kriegstexte des Koran in einem übertragenen Sinn. Etwa so, wie wenn der Epheserbrief in einem übertragenen, wenn auch nicht in einem mystischen Sinn von der Rüstung der Gläubigen spricht:
Legt an die Rüstung Gottes, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt. Seid also standhaft: Umgürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens. Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. (Eph 6,1317)
Dieser Paulustext ist eindeutig. Die Kriegsbilder werden umgedeutet. Zwar wird eine ganze Waffenrüstung beschrieben vom Helm bis zu den Kampfschuhen aber alles ist im übertragenen Sinn gemeint. Von solchen Umdeutungen ist im Koran nichts zu finden. Doch ich gehe jetzt nicht sofort auf den Koran ein. Ich stelle zunächst einmal die in der Zeit nach Mohammed entwickelte klassische Lehre des Islam vom dschihad vor, gewöhnlich als "heiliger Krieg" übersetzt.
Entscheidend für den Gedanken des dschihad ist die Einteilung der gesamten Welt in zwei Bereiche: Die islamische Welt ist dar al salam Haus des Friedens, oder auch dar al islam Haus des Islam. Die gesamte nicht-islamische Welt ist dar al harb Haus des Krieges. Harb ist der böse, gottlose Krieg, den die Ungläubigen gegeneinander oder gegen den Islam führen. Die Welt der Ungläubigen ist von Gewalt und Krieg in diesem schlimmen Sinn geprägt. Deshalb ist sie "Haus des Krieges".
In der Gemeinschaft aller Muslime hingegen, der umma, hat Friede zu herrschen. Deshalb: "Haus des Friedens". Der dschihad ist nun die Weise, wie sich der Islam als Haus des Friedens immer mehr ausdehnt bis eines Tages die ganze Welt gläubig ist, also dem Islam anhängt und so im Frieden lebt.
Aber was ist nun der dschihad? Er ist nicht einfach "Heiliger Krieg"! Dschihad heißt wörtlich: "Anstrengung" und meint die Mobilisierung aller Kräfte für den Islam. Er ist die Anstrengung, mit aller Kraft, mit aller Leidenschaft, den wahren Glauben des Islam auszubreiten: mit der Kraft eines gläubigen Lebens, mit der Kraft des Geistes, mit der Kraft der Wirtschaft, unter Umständen allerdings auch mit der Kraft des Krieges. In diesem weiten Sinn ist die ganze islamische Gemeinschaft zum dschihad verpflichtet.
Wenn ein Imam, also ein geistlicher und politischer Führer des Islam, zum dschihad aufruft, ist wegen der Bandbreite dieses Wortes nicht von vornherein klar, ob er mehr die Anstrengung im Glauben meint oder aber kriegerische Maßnahmen. Er könnte auch beides meinen.
Kommt es tatsächlich zum Krieg, so hat der Islam hierfür auch ein eigenes Wort: Der Krieg für die Ausbreitung des Glaubens heißt nicht harb harb ist, wie wir sahen, der Krieg, den die Ungläubigen führen sondern er heißt qital. Qital ist also der bewaffnete Kampf für den Glauben. Das ist "Heiliger Krieg" im strengen Sinn.
Der qital kann durchaus ein Angriffskrieg sein, denn der Islam muss ausgebreitet werden. Er kann aber auch ein Verteidigungskrieg sein, denn alle Gebiete, in denen sich der Islam einmal festgesetzt hat, müssen jederzeit gegen die Ungläubigen verteidigt oder von ihnen zurückgewonnen werden.
Die Mission, zu der die Muslime verpflichtet sind (dawa), geschieht, um das noch einmal zu betonen, nicht nur durch Krieg. Sie geschieht oft durch den großen Eindruck, den islamische Heilige auf die Menschen machen, und dann vor allem auch durch Migration. Muslime lassen sich im Gebiet der Ungläubigen nieder, werden dort zahlreich und sind schließlich so stark, dass sie für ihre Gemeinschaft ihr eigenes Recht einfordern können, die scharia. Das ist im Augenblick das Drama im nördlichen Nigeria. Wird den Muslimen dieses Recht nicht gewährt oder werden sie angegriffen, so ist es für sie an der Zeit, zum Schwert zu greifen und gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Es kommt zum qital.
Wenn der qital beendet ist und die Ungläubigen kapituliert haben, kann ein Friedensvertrag geschlossen werden. Dieser "Friede" bedeutet, dass die Unterlegenen sich dem islamischen Rechtssystem, der scharia, unterordnen müssen und eine Kopfsteuer zu bezahlen haben. Sind sie Juden oder Christen, so werden sie nicht gezwungen, zum Islam zu konvertieren, sondern können als dhimmi, als "Schutzbefohlene", als Bürger zweiter Klasse, unter den Vorschriften der scharia weiterleben.
Allerdings ist es ihnen verwehrt, in der islamischen Gesellschaft Positionen einzunehmen, in denen sie über Muslime bestimmen würden. Sie dürfen also zum Beispiel nicht in der Verwaltung arbeiten. Solange sie sich unterordnen, gibt es für sie eine begrenzte Toleranz. Werden sie jedoch missionarisch aktiv, bekommen sie das Schwert des Islam zu spüren.
Das alles entspricht mehr oder weniger dem Toleranzverständnis des gesamten Mittelalters. Eine ähnliche Stellung als Bürger zweiter Klasse hatten im Mittelalter bei uns auch die Juden. Oft ging es ihnen sogar noch viel schlechter.
Ziel eines Friedensvertrags mit Ungläubigen ist es, dass der Islam seine Kräfte konsolidiert, vor allem, wenn der Feind zu stark ist, um besiegt zu werden. Der "Friede" ist also, genau genommen, ein begrenzter Waffenstillstand. Wenn dann eine Situation eintritt, in welcher der Gegner überwunden werden kann, ist der Friedensvertrag null und nichtig, es kann wieder Krieg geführt werden.
Allerdings gibt es für diesen Krieg Regeln. Sie stammen zum Teil noch aus dem Ehrenkodex der vorislamischen Araber. Die wichtigste Pflicht des Mannes war es, seine Ehre und die Ehre seines Stammes zu verteidigen. Er rächte sich, wenn er beleidigt wurde, er war tapfer im Kampf, aber er vergriff sich nicht an Schwächeren, also vor allem nicht an Frauen, Kindern und Alten. Aus diesem Grunde schließt der bewaffnete Kampf im dschihad das, was wir Terrorismus nennen, aus.
Insofern widersprechen die Terrorschläge vom 11. September durchaus der klassisch-traditionellen Auffassung des Islam vom Heiligen Krieg. Sie konnten daher von gemäßigten islamischen Regierungen auch ohne Schwierigkeiten öffentlich verurteilt werden. Gemäßigte Muslime können sich ohne weiteres von radikalen muslimischen "Dschihadisten" distanzieren, die den dschihad als totalitären Terror interpretieren.
Die Terrorakte vom 11. September, aber auch schon viele andere Anschläge, auch in Israel, sind somit eine radikale Übersteigerung der klassischen Auffassung des Islam vom Heiligen Krieg. Allerdings: Auch solche radikalen Interpretationen der klassischen dschihad-Lehre sind im Islam möglich. Sie werden sogar seit dem Entstehen der "Muslim-Bruderschaft" im Jahre 1928 immer häufiger. Im Augenblick prägen sie geradezu das äußere Erscheinungsbild des Islam in Afghanistan (Taliban) und leider nicht nur dort. Der "Dschihadismus", der den Westen, besonders Israel und die USA, aber auch generell Juden und Christen als überall zu bekämpfende Feinde des Islam ansieht, findet inzwischen in der islamischen Welt eine erstaunliche Zustimmung. Das ist nur deshalb zu begreifen, weil sich der Islam vom Westen so unglaublich gedemütigt fühlt.
Gehen wir jetzt von der klassischen Lehre aus rückwärts zum Koran selbst. Die Texte, die ich aus ihm zitiere, stammen nicht aus Mohammeds Anfangszeit, als er noch in Mekka lebte, sondern aus der Zeit, in der er von Medina aus immer wieder in Kämpfe und Gefechte mit seinen Gegnern verwickelt war.
Meist spielen die Texte auf konkrete historische Situationen an. Deshalb haben sie auch verschiedene Klangfarben, verschiedene Intensität, scheinen sich manchmal sogar zu widersprechen. Der, der redet, ist nach islamischem Verständnis Allah. Angeredet sind die Muslime. Ich wähle als ersten Text Sure 2,216, die zum Glaubenskrieg verpflichtet:
Euch ist vorgeschrieben, (gegen die Ungläubigen) zu kämpfen (qital), obwohl es euch zuwider ist.
In Sure 2,190 ff wird differenziert zwischen richtig geführtem Krieg und unrechtmäßigem, nicht nach den Regeln geführtem Krieg (idwan):
Und kämpft auf dem Wege Gottes gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen. Aber begeht keine Übertretung (idwan). Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen. Und tötet sie, wo (immer) ihr sie zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben! (...) Und kämpft (qital) gegen sie, bis niemand (mehr) versucht, (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen, und bis nur noch Gott verehrt wird.
Berüchtigt und vielumstritten ist Sure 47,4. In der Übersetzung von Rudi Paret lautet der Text folgendermaßen:
Wenn ihr mit den Ungläubigen zusammentrefft, dann haut (ihnen mit dem Schwert) auf den Nacken. Wenn ihr sie schließlich vollständig niedergekämpft habt, dann legt sie in Fesseln, um sie später entweder auf dem Gnadenweg oder gegen Lösegeld freizugeben. (Haut mit dem Schwert drein) bis der Krieg euch von seinen Lasten befreit.
Diese Übersetzung orientiert sich an der traditionellen islamischen Auslegungstradition. Günter Lüling übersetzt denselben arabischen Text folgendermaßen:
Wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann: Kopf ab! Ja sogar: Missachtet, wenn ihr sie überwunden habt, die Übereinkunft; und keine Gnade mehr und keinen Loskauf, bis dass der Krieg zu Ende ist.
Wer genauer übersetzt, kann ich nicht beurteilen. In Sure 9,123 heißt es:
Ihr Gläubigen, kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die in eurer Nähe wohnen (d.h. die an euer Gebiet angrenzen). Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnt. Ihr müsst wissen, dass Gott mit denen ist, die ihn fürchten.
In Sure 8,59 f wird gesagt:
Diejenigen, die ungläubig sind, sollen ja nicht meinen, sie würden uns entkommen. Sie können sich (unserem Zugriff) nicht entziehen: Rüstet gegen sie, soviel ihr an Kriegsmacht und Schlachtrossen aufzubringen vermögt, um damit die Feinde Gottes und eure Feinde einzuschüchtern.
Sure 47,35:
Lasst nun (in eurem Kampfeswillen) nicht nach und ruft (die Gegner) nicht (vorzeitig) zum Frieden, wo ihr doch (letzten Endes) die Oberhand haben werdet.
In all diesen Texten ist nichts in einem übertragenen, geistlichen Sinn gemeint. Es geht ganz schlicht um Kampf und Krieg. Das entspricht auch völlig dem Leben Mohammeds und nach seinem Tod der Ausbreitung des Islam nicht nur durch Faszination, sondern vor allem auch durch das Schwert.
Deshalb hier ganz kurz einige Daten seines Lebens: Mohammed wurde geboren im Jahre 570 nach Christus in Mekka. Er heiratete die 15 Jahre ältere reiche Witwe Chadidscha, in deren Dienst er als Kaufmann tätig und unterwegs war. Um das Jahr 610 tritt er in Mekka als charismatischer religiöser Redner auf und sammelt um sich eine Gemeinde von Anhängern. Allerdings wird er in Mekka vom Establishment mit Argwohn beobachtet, dann verfolgt.
Im September 622 flieht Mohammed deshalb nach Medina (Beginn der islamischen Zeitrechnung). Er gewinnt dort immer mehr Anhänger und beginnt Gefechte und Kämpfe gegen seine Gegner in Mekka. Gegner hat er allerdings auch in Medina. Es sind vor allem die vielen Juden, die es dort gibt. Sie zeigen dem neuen Glauben, entgegen den Hoffnungen Mohammeds, die kalte Schulter und arbeiten gegen ihn. Sie werden deshalb von dem enttäuschten Mohammed nach und nach ausgeschaltet, teilweise durch Vertreibung, teilweise durch Mord.
Mohammed beweist seit seiner medinischen Zeit ein besonderes Charisma, die ständig rivalisierenden Stämme der arabischen Halbinsel zu einen und sie für den neuen Glauben zu gewinnen, teils durch Verträge, teils durch Krieg. Im Jahre 630 kann er Mekka erobern. Zwei Jahre später stirbt er.
Sein öffentliches Auftreten ist also seit 622 von Kampf und Krieg gezeichnet. Mohammed war nicht nur ein tief religiöser Mensch, der es verstand, Menschen um sich zu sammeln und Stämme zu einen er war auch ein Krieger und Feldherr. Einerseits ist es sein großes Verdienst, die ewigen Kriege zwischen den arabischen Stämmen beendet zu haben. Wer seine Botschaft annahm, durfte keine Bruderkriege mehr führen. Andererseits ist seine Verpflichtung der Gläubigen zum Kampf gegen die Ungläubigen höchst real zu nehmen.
Dieser Kampf ging nach seinem Tod weiter. Bereits zwei Jahrzehnte später war von seinen Nachfolgern in einem erstaunlichen Siegeslauf annähernd alles erobert, was noch heute das Kerngebiet der islamischen Welt ist: Vorderasien, Teile Mittelasiens, Ägypten, Teile Nordafrikas.
Man wird deshalb sagen müssen: Die Gewalt gehört zu den Genen, zum Erbgut des Islam. Darin sollte man sich nicht täuschen. Die Achtung und Menschlichkeit, die wir jedem Moslem schulden, darf uns vor den Grenzen der islamischen Lehre nicht die Augen verschließen.
Man muß das deutlich sagen, denn es gehörte bei uns seit langem zur political correctness, die beiden Größen Islam und Gewalt nicht zusammenzubringen. Da gab und gibt es bei uns eine Art öffentliche Selbstzensur. Auch jetzt erklingen wieder entsprechende Mahnrufe.
Wir möchten am liebsten den geschichtlichen Fragen, vor allem den Fragen nach der Rolle des Religiösen in der Geschichte, in einem großen Bogen ausweichen. Wir werden aber die Terrorakte der Intifada und anderen Terror auch den des 11. September nicht verstehen können, wenn wir nicht seine religiöse Seite beachten, die tief in der Geschichte wurzelt.
Mohammed verstand sich als der letzte aller Propheten, als der endültige Prophet nach Abraham, Mose und Jesus. Er verstand sich als die Besiegelung alles Prophetischen. Er wollte mit der Religion des Islam das Judentum und das Christentum vollenden und zur letzten Höhe führen.
Aber er hat den biblischen Glauben nicht vollendet. Er hat ihn um sein Wesentliches gebracht, er hat ihn zurückversetzt in die Gewalt. Er hat die Bergpredigt entweder nie kennengelernt, oder er konnte sie nicht verstehen. Wer ist daran schuld? Haben die Christen seiner Zeit und seiner Welt sie ihm nicht gezeigt, sie nicht gelebt? Etwas dieser Art muß es sein.
Letztlich hängt die Vermählung des Islam mit der Gewalt mit der Gesellschaftsform des Islam zusammen. Im Islam sind Staat, Gesellschaft und Religion ungetrennt. Das religiöse Gesetz ist Staatsgesetz. So spielt das Gewaltmonopol, das jeder Staat beanspruchen muss, um Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, zwangsläufig in den Glaubensbereich hinein.
Natürlich kann man nur wünschen, dass der Islam diese völlige Verschmelzung von Religion und Gesellschaft einmal aufgibt. Aber wird das möglich werden? Gehört die Vermischung von Staat und Religion nicht zum innersten Wesen des Islam?
Als 1925 Ali Abdelraziq, ein Professor der im Islam maßgebenden Azhar-Universität in Kairo, in einem Buch mit dem Titel: "Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft" die These vertrat, dass der Islam an keine spezifische Regierungsform gebunden sei und man ihn deshalb entpolitisieren müsse, wurde er sofort von seinem Lehrstuhl entfernt. Ähnlich ist es anderen gegangen. Muslimische Gelehrte, die sich für eine Trennung von Staat und Islam aussprechen, leben im Westen.
Das Neue Testament und die ersten christlichen Jahrhunderte hatten klar zwischen Staat und Kirche geschieden. Jesus hatte gesagt: "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört" (Mt 22,21). Damit war eine wesentliche Unterscheidung grundgelegt:
Der Staat hat von Gott eine eigene Aufgabe: Er muss für Recht, Ordnung und Freiheit seiner Bürger sorgen, notfalls auch mit jener Gewalt, die das Recht zu seiner Durchsetzung braucht. Die Kirche aber hat eine andere Aufgabe: Sie soll in ihren Gemeinden das Neue leben, das mit Jesus in die Welt gekommen ist: das Miteinander aus dem Geist der Jüngerschaft, aus dem Geist der Bergpredigt. Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt angekommen:
2. Was können wir angesichts des 11. Septembers tun?
Zunächst drei ungenügende Reaktionen. Die ersten Tage nach dem 11. September waren geradezu erfüllt mit Betroffenheitsergüssen: Immer wieder wurden Entsetzen, Fassungslosigkeit, Angst, Wut und Trauer artikuliert. Das war verständlich. Aber es reicht nicht.
Sodann konnte man nicht selten hören: "Hier war Gott abwesend". Diese Aussage ist schlicht falsch. Sie ist so falsch, wie wenn im Blick auf Auschwitz gesagt wird: "Hier war Gott abwesend." Nicht Gott war in Auschwitz abwesend, sondern wir waren es. Nicht Gott, sondern wir hätten in Auschwitz eingreifen müssen. Ähnliches gilt beim Terrorismus: Wenn er die Welt immer mehr zerfrißt, so hängt das letztlich und langfristig mit dem Versagen der Christen zusammen.
Eine dritte ungenügende Reaktion: Immer häufiger hört man jetzt: "Bitte keine Rache, bitte keine Vergeltung, bitte keinen Hass!" Das ist selbstverständlich richtig. Es muss auch gesagt werden, schon im Blick auf manche Kraftworte aus dem Weißen Haus und seiner Umgebung. Nur vernebelt diese Rede sehr oft, dass es nicht nur innerhalb des einzelnen Staates, sondern auch auf der Ebene der Staatengemeinschaft wirklich eine Pflicht gibt, dem Unrecht Widerstand zu leisten und es zu bekämpfen.
Hier klar zu sehen ist heute besonders schwer. Denn der Staat selbst ist im Wandel begriffen. Die Letztsouveränität der Nationalstaaten schwindet dahin. Die neue, weltumfassende Gewaltenstruktur ist noch im zaghaften Werden. Damit verschwimmt auch die Grenze zwischen Krieg und etwas Neuem, das vielleicht schon so etwas wie inzwischen absolut notwendige Weltpolizei ist. Bekämpfung von globalem Terrorismus ist keineswegs leicht einzuordnen.
Doch zurück zum Satz: "Nur keine Rache." So zu reden kostet nichts. Besser wäre in unserer konkreten Situation eine Solidarität mit den USA, die ihnen zuspricht, das verletzte Recht mit allen völkerrechtlich legitimen Mitteln wiederherzustellen und künftigem Terror zu wehren. Die USA brauchen auch deshalb dringend unsere Solidarität, weil sie praktisch der einzige Staat sind, der die Weiterexistenz Israels schützt und garantiert. Gerade als Schutzmacht des Staates Israel wurden die USA von den islamischen Terroristen angegriffen nicht nur als Symbol des Kapitalismus.
Was können wir also tun?
Ich habe über unzulängliche Reaktionen gesprochen. Bevor ich formuliere, was die allein hilfreiche Reaktion sein kann, muss ich zunächst einige geschichtliche Fakten nennen oder rekapitulieren (teilweise war von ihnen schon die Rede):
Erstens: Der Islam ist entstanden aus der Schwäche und Zerrissenheit der Christen. Mohammed kannte nur eine Entartungsform, er hat kein authentisches Christentum erlebt.
Zweitens: Diese Tatsache wird aber von den Juden und Christen nicht gesehen. Der Islam wurde von beiden (bis heute) nicht als eine Anrede Gottes an sein Volk begriffen. In der eigenen inneren Unversöhnlichkeit der Juden und Christen konnte Mohammed nur eine Stufe erkennen, über die hinaus er einen weiteren, letzten Schritt tun mußte, der endlich zu einem weltweiten "Haus des Friedens" führen sollte.
Drittens: Mohammed erlebte die Kirche als völlig vermischt mit dem Staat. Die byzantinische Kirche, die er als erfolgreicher und weitgereister Händler sehr wohl kannte, exerzierte ihm die Verquickung von Kirche und Staat geradezu vor. Folgerichtig konnte er seine neue Religion gar nicht anders denken: Sie mußte totale Einheit von Staat, Kultur, Gesellschaft und Religion sein.
Viertens: Sehr viele Muslime sehen und erleben den Westen als eine atheistische, amoralische und dekadente Zivilisation. Sie selbst sind tief religiös, praktizieren ihren Glauben und haben in ihm ihre Heimat. Das Christentum hingegen erleben sie in Europa als müde Religion mit halbleeren Kirchen, skeptischen, wenn nicht gar ungläubigen Theologen, und vor allem mit Christen, die isoliert nebeneinander her leben, vor der Öffentlichkeit Angst haben und untereinander oft zerstritten und unsolidarisch sind.
Wenn man diese Voraussetzungen bedenkt, kann für Christen die richtige Reaktion auf den 11. September und auf die Mächte, die an diesem Tag sichtbar wurden, nur die Erneuerung der Kirche in lebendigen Gemeinden sein, in Gemeinden, in denen die Bergpredigt gelebt wird, in denen das Jüdische am Christentum sichtbar wird und in denen die Einheit von Glaube und Leben, die den Muslimen so wichtig ist, wiedergewonnen wird.
Vielleicht schickt uns Gott heute einen revitalisierten, zum Teil auch fanatisierten Islam, damit die Christen endlich begreifen, dass sie von Jesus einmal zur Sammlung Israels und zur Einheit und Einmütigkeit untereinander berufen wurden.
Es geht also jenseits der Niederhaltung des mordenden Terrorismus auf keinen Fall um Kampf gegen den Islam, erst recht nicht gegen Muslime. Es geht darum, dass wir als Christen das, was am 11. September geschah, in seiner geschichtlichen Tiefe und als Anrede Gottes an uns begreifen. Nur durch unsere Umkehr geben wir auch dem Islam am Ende eine Chance, sich von seinen Fanatikern loszusagen und nach dem wahren Willen Gottes zu fragen.
1.10.01
Quelle: www.katholische-kriche.de