Fundamentalistische Tendenzen im Protestantismus und seine Auswirkungen auf die Politik der USA

Nach Pfürtner wird am Beispiel Amerikas deutlich: Konfessionalismus und Nationalismus aus dem protestantischen Milieu erweisen ihre fundamentalistische Verwandtschaft. Dies kann leicht zu einer Verquickung von Religion und Politik führen. Hierzu führt Pfürtner aus: Es vollzog sich zunächst eine missionarische Einflußnahme auf die Politik, zunächst auf die Schul- und Bildungspolitik. So wurde z.B. 1925 ein Lehrer in Tennesee im sog. Affenprozeß verurteilt, weil er die Abstammungstheorie Darwins im Unterricht behandelte. Im Anschluß daran erließen einige Staaten im Süden der USA Gesetze gegen die Evolutionstheorie. Biologie- oder Geologielehrer, die sie vertraten, wurden bestraft oder ihres Amtes enthoben. In der protestantischen Kirche selbst kam es daraufhin zu erbitterten Kämpfen zwischen den Anhängern und Gegnern der fundamentalistischen Bewegung.

Als Gegenbewegung zum ökumenischen Rat der Kirchen in Genf wurden in den USA 1949 das "International Council of Christian Churches" gegründet. Für diese Gruppierung war die Ökumene zu sehr durch "katholische und kommunistische" Tendenzen geprägt. Der durch diese Bewegung geförderte fundamentalistische Integralismus, so führt Pfürtner aus; entwickelte sich mehr und mehr zu einem Bündel von Motiven religiöser, kirchlicher, politischer, wirtschaftlicher, kultureller. militärischer und moralischer Art. Auf diesem Hintergrund wurde der American Way of live idealisiert und religiös überhöht. – die Parole lautete: America back to God. Diese Tendenzen zur Regression blieben bis zur Gegenwart wirksam und sickerten in die verschiedensten Wertvorstellungen der US – amerikanischen Gesellschaft ein.

In diesem Sinne übte der protestantische Prediger Jerry Fallwell als Mitglied der Regan Administration einen unmittelbaren Einfluß auf die Regierung der Vereinigten Staaten aus. Für ihn ist Amerika eine "auserwählte Nation", die zum Leuchtfeuer für alle Völker bestimmt sei. Das bedeutet für diesen Prediger: die amerikanische Wirtschaftsordnung zu bejahen und zu stärken. Dem freien Unternehmertum als eine ihrer Hauptsäulen sowie das Recht auf Privateigentum sein unzweifelhaft biblisch begründet. Fallwell hat mit seiner von ihm gegründeten Bewegung "Moral Majority" seine religiös – politische Ideologie mit Vehemenz der amerikanischen Bevölkerung zu suggerieren versucht.

Dieser religiöse Hintergrund, so Pfürtner, hat maßgeblich den Weg sowie die Entscheidung der US –Amerikaner unter Präsident Bush dem Älteren zum Golfkrieg beeinflußt. Das Bewußtsein, eine "auserwählte Nation" zu sein und die Berufung zu haben, der Welt die höchsten Ideale von Freiheit, Gerechtigkeit und Moral zu sichern (außer wenn es den eignen Machtinteressen gerade zu wieder läuft – z.B. Mitwirkung am Sturz des gewählten Präsidenten Allende, Unterstützung der Militärdiktatur Pinochets) gehört zu dieser Mentalität. Leicht wird auf diesem Hintergrund vergessen, daß ein Rechtsbruch nicht durch einen anderen Rechtsbruch geheilt werden kann. (Pfürtner S. 53)

Es kann davon ausgegangen werden, daß auch Präsident Busch der Jüngere von dieser Geisterhaltung geprägt ist. Diese Geisteshaltung wird eine der Faktoren sein, die sein politisches Handeln nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 beeinflußt. Diese Mentalität macht es schwer, den eigenen Schatten ideologischer Befangenheit aufzudecken und zu überspringen.

(nach S. H. Pfürtner, Fundamentalismus – Die Flucht ins Radikale, Freiburg 1991)